Mit dem McLaren 720S durch die ewige Stadt

Der Überflieger in der ewigen Stadt

Der McLaren 720S zeigt, was er kann

Statt den 720S auf einer Rennstrecke zu präsentieren, wie es sich für einen Supersportwagen gehört, beginnt die Testfahrt im neuen McLaren im Herzen von Rom. Im Schritttempo durch den Stau, durch verstopfte Kreisverkehre und über chaotische Kreuzungen strebt die Kolonne hinaus in den Norden und kann es kaum erwarten, bis der Verkehr sich lichtet: Nicht umsonst toben im Heck des ersten Vertreters der neuen „Super Series“ – nomen es omen – 720 Pferde, die nichts mehr wollen als endlich freien Auslauf zu bekommen.

Von Thomas Geiger

Aber natürlich hat sich McLaren bei dieser Zumutung etwas gedacht. Und selbstredend hatten die Briten mehr im Sinn, als mitten im Brexit an die Wiege der europäischen Verträge zurückzukehren und zugleich ihre wichtigsten Wettbewerber Ferrari und Lamborghini auf deren Hometurf zu provozieren. Sondern der Ritt durch die Rushhour von Rom war nichts weniger als die eindrucksvolle Demonstration, wie alltagstauglich ein Supersportwagen mittlerweile sein kann.

Das hat beim 720S, der in diesem Sommer als erster McLaren aus dem zweiten Modellzyklus nach der Rückkehr auf die Straße die Nachfolge des 650S antritt, gleich mehrere Gründe. Denn der Wagen lässt sich mit seinem adaptiven Fahrwerk nicht nur komfortabel selbst über Kopfsteinpflaster steuern. Bei allem Ungestüm des Achtzylinders kann man seine Kraft, dem rasend schnellen Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe sei Dank, feinfühlig dosieren. Mit seinem neuen Aufbau bietet der Wagen so einen guten Ausblick, dass selbst das größte Chaos im Stadtverkehr seinen Schrecken verliert: Wo man die Welt aus Ferrari & Co oft nur wie durch Scheuklappen oder Schießscharen sieht und sich der Blick allein auf die Front fokussiert, wähnt man sich im McLaren in einem Glashaus auf Speed und mogelt sich deshalb fast so leichtfüßig durchs Gewühl wie in einem Mini. Und selbst das Parken verliert neuerdings seinen Schrecken. Nicht nur, dass man wie bisher die Nase anheben kann, um die teure Front vor dem Bordstein zu schützen, und dass auf dem großen Bildschirm über dem Mitteltunnel nun beim Rangieren eine Panorama-Anzeige auftaucht. Nein. Sondern weil die Flügeltüren jetzt beinahe in der Mitte des Daches angeschlagen sind, kann man nicht nur bequemer Ein-und Aussteigen, sondern braucht obendrein weniger Platz in der Parklücke. Und der Kofferraum ist zusammen mit der Ablage hinter den Sitzen auch noch gewachsen.
Aber irgendwann muss auch mal Schluss sein mit dem Gezuckel in der Großstadt – denn wir reden hier schließlich über einen McLaren und nicht über einen smart. Deshalb darf man sich von der Rushhour und Rom auch nicht täuschen lassen. Denn so zahm und züchtig er sich in der City bewegen lässt, so wild treibt er es draußen – und zwar egal, ob man auf der Autobahn, auf der Landstraße oder gar auf der Rennstrecke unterwegs ist. Schließlich ist der 720S nicht nur komfortabler geworden, sondern auch kräftiger und kompromissloser. Treibende Kraft ist dabei ein auf vier Liter aufgebohrter V8-Turbo, dem zwei neue, sehr viel schneller ansprechende Lader jetzt 720 PS und bis zu 770 Nm einblasen. Das ermöglicht Fahrleistungen, bei denen einem am Steuer der Atem stockt: Denn den Spurt von 0 auf 100 absolviert der 720S in gerade mal 2,9 Sekunden, die 200er-Marke erreicht er nach 7,8 Sekunden und wer tatsächlich mal ein freies Stück Autobahn findet, der kann seine Nerven mit einer Spitzengeschwindigkeit von 341 km/h auf die Probe stellen. Mehr noch als mit seiner Längsdynamik begeistert der Brite allerdings mit seiner Straßenlage. Denn das Auto ist so gut ausbalanciert und erzeugt so viel Abtrieb, dass einem beinahe alles zu gelingen scheint. Kurve für Kurve steigt man deshalb später auf die Bremse, lenkt schärfer und geht früher wieder aufs Gas und kommt aus dem Staunen kaum mehr heraus. Natürlich wird der Grenzbereich immer schmaler, je weiter man die beiden Schalter für Antrieb und Fahrwerk im wunderbar aufgeräumten Cockpit nach rechts in Richtung Rennen dreht.
Doch mit jeder Kurve wächst die Erkenntnis:

Bevor dieses Auto die Grenzen der Physik erreicht, hat der Fahrer die seinigen längst überschritten.

Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten probt der McLaren bei all der Raserei allerdings einen eher leisen Auftritt: Das kann man wörtlich nehmen, weil man den Motor schon quälen und vorher auch noch in den Trackmode schalten muss, wenn man den V8 durch seinen Sportauspuff brüllen und wenigstens hin und wieder mal die Böllerschläge der Fehlzündungen hören will. Und das gilt erst recht im übertragenen Sinn. Denn so ein Spektakel das Auto auch ist, macht es keine große Show. Sondern alles, was den Blick an diesem Boliden fängt, hat einen tieferen Sinn. Das gilt für die Karosserie mit den unter einer Art zweiten Haut versteckten und nach innen gewandten Spoilern und Schwellern für die Luftführung genauso wie für die weit ins Dach gerückten Flügeltüren und sogar für das Cockpit, das man auf Knopfdruck so weit wegklappen kann, dass nur noch ein schmales Anzeigeband hinter dem Lenkrad zu sehen ist. Denn damit lässt sich nicht nur der Beifahrer beeindrucken. Sondern vor allem verbessert sich so noch einmal der Blick auf die Strecke und man kann den Tiefflieger noch enger an der Ideallinie führen.
Man muss deshalb schon tief im Menü versinken, bis man irgendwann die Variable Drift Control findet, die den Supersportwagen dann doch als Spielzeug outet. Denn statt das Stabilitätssystem wie ein Könner einfach abzuschalten, kann sich der ambitionierte Rennfahrer damit peu à peu an den Grenzbereich herantasten, das Heck immer weiter ausstellen und sehr zur Freude seines Reifenhändlers Millimeter für Millimeter von den teuren Pirellis auf dem Asphalt hobeln. Schneller wird man damit nicht und sicherer auch nicht, räumen die Entwickler ein – aber es macht mehr Spaß und schindet mehr Eindruck, wenn man die Kurven quer nimmt und diabolischer Qualm aus den Radkästen quillt.
Aber Adrenalin-Rausch hin und der Reiz des Rasens her: So sehr einem der McLaren auf der Rennstrecke den Atem raubt, so wenig er auf der Autobahn aufzuhalten ist und so schnell er die Landstraße zur Lustmeile macht – als die Jungfernfahrt nach einem Tag wieder in der Rushhour von Rom endet, sind es einmal mehr die Übersichtlichkeit und der hohe Restkomfort, mit denen der 720S einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Denn während es auf Strecke und Straße nur Nuancen sind, die den Unterschied zur Konkurrenz ausmachen, ist er seinen Wettbewerbern hier im Stau der Stadt um Klassen voraus. Natürlich ist das eine Disziplin, die für einen Sportwagen eher nebensächlich ist. Denn wer mindestens 247.350 Euro für so ein Tiefflieger ausgibt, der hat für den Alltag sicher noch ein anderes Auto. Doch man kann es auch genau anders herum sehen: Wenn man schon so viel Geld für ein Spielzeug ausgibt, dann will man es auch möglichst oft benutzen – selbst wenn es nur zum Bäcker und nicht in die Boxengasse geht.




Die mobile Version verlassen