Porsche Taycan 4S: Weniger ist auch genug

Er ist mit Abstand der spektakulärste Stromer des Jahres und ein glaubwürdiges Versprechen dafür, dass man auch in Zukunft noch Porsche fahren kann – und zwar mit gutem Gewissen. Doch bei aller Begeisterung hat der Porsche Taycan einen Haken: Den Preis. Denn mit 150.000 Euro aufwärts sind Turbo und Turbo S aus der Erstauflage zwei Traumwagen, die für die meisten Kunden auf ewig ein Traum bleiben werden – zumal man mit ein bisschen Ausstattung schnell bei 200.000 Euro und mehr ist. Doch jetzt haben die Schwaben ein Einsehen mit zukunftsgewandten Besserverdienern, deren Budget ein wenig begrenzter ist, und reichen den elektrischen Zwitter aus 911 und Panamera deshalb auch als Taycan 4S nach. Damit sinkt der Preis auf knapp über 100.000 Euro und der Traum vom elektrischen Porsche wird zumindest ein wenig greifbarer.

Von Thomas Geiger

Auf dem Papier muss man dafür zwar auf einiges verzichten, doch in der Praxis kann von ernsthaften Einbußen keine Rede sein. Denn bei Turbo und Turbo S sind Motoren und Batterie so üppig dimensioniert, dass auch viel weniger noch immer genug ist. Zumal der 4S ja deshalb kein schwachbrüstiger Sparporsche ist. Sondern in der Standardversion mit der so genannten Performance-Batterie hat er eine Nennleistung von 435 und kommt im Overboost auf 530 PS, und wer die Performance-Batterie Plus bestellt, der kann mit 490 und 571 PS kalkulieren. Damit reißt es den Viersitzer im besten Fall binnen 4,0 Sekunden von 0 auf 100 km/h und egal mit welcher Variante man unterwegs ist, kommt man immer auf 250 Sachen und fährt so den allermeisten Stromern davon. Selbst Turbo und Turbo S sind gerade mal zehn km/h schneller.

Kein Wunder also, dass der Taycan auch als 4S als absolute Fahrmaschine taugt. Wer mal kurz den Blick von der Reichweiten-Anzeige löst oder auf die rasend schnelle 100 kW-Ladung vertraut, der kann mit dem Stromer deshalb mindestens genauso viel Spaß haben wie mit den Sportwagen aus Stuttgart. Denn was der Taycan mehr an Gewicht mit sich herumschleppt, das macht er mit seinem tieferen Schwerpunkt und dem höheren Drehmoment locker wieder wett. Und als wirksames Mittel gegen das üppige Format haben ihm die Entwickler die Allradlenkung aus dem Panamera eingebaut. Eben noch der entspannte Gleiter auf dem Highway, gibt er deshalb den bissigen Fighter, wenn man sich auf eine kurvige Landstraße verirrt, und beweist so, dass die Porsche-Gene nicht auf Sprit angewiesen sind – selbst wenn der Sound nach wie vor gekünstelt klingt und ein Verbrenner die bessere Musik spielt.

Was man durch die minimal eingeschränkte Dynamik womöglich an Zeit verliert, macht man durch die größere Reichweite wieder wett. Denn die gedrosselten Motoren ziehen auch weniger Strom aus den Akkus und statt maximal 450 Kilometer erreicht der Taycan 4S im besten Fall eine Normreichweite von 463 Kilometern.

Sehr zur Freude der 4S-Kunden und vielleicht zum Ärger all jener, die zum teuren Turbo greifen, halten sich die Unterschiede aber nicht nur bei der Perfomance in engen Grenzen. Sondern auch das Prestige ist bei allen Elektro-Porsche nahezu identisch. Denn erstens sind es nur Petitessen wie die anderen Schürzen, die roten Bremssättel oder der schwarze Heckdiffusor, die dem Kennern die Motorvariante verraten. Und zweitens sieht der Flachmann auch nach der großen PR-Orgie zur Premiere noch immer so frisch und ungewohnt aus, dass er unabhängig vom Stand in der Modellhierarchie alle Blicke fängt.

Zwar planen die Schwaben – auch der ist der Taycan ein typischer Porsche – noch weitere Varianten, darunter auch ein echtes Einstiegsmodell mit kleinem Akku und nur einem Motor, mit dem der Preis unter 100.000 Euro sinken und die Reichweite über 500 Kilometer klettern wird. Doch billig wird der Taycan deshalb trotzdem nicht. Aber keine Sorge: Bald gibt es als zweiten Stromer aus Zuffenhausen einen elektrischen Macan, der deutlich weniger kosten und damit eine größere Zielgruppe erreichen soll.