Wiener Parkraumwahnsinn DeLuxe

Devil in Disguise

Ein teures Eis. Oder: die Bankrotterklärung der Wiener Parkraumbewirtschaftung in Gestalt einer attraktiven und wahnsinnig unfreundlichen Organin mit viel zu großer Dienst-Kappe.

von Franz J. Sauer

You look like an angel
Walk like an angel
Talk like an angel
But I got wise
You’re the devil in disguise
Oh yes you are
The devil in disguise

Irgendwie geht mir dieser Elvis-Hit seit gestern abend nicht mehr aus dem Kopf. Ich traf ihn nämlich, den Teufel in Menschengestalt, der zunächst wie ein Engel aussieht. Doch schön der Reihe nach …

Übereifer

Mariahilferstraße, Seitengasse. Ein Eis, bei Bortolotti. Der Parkschein war bis 20h30 gebucht, nach meinem Wissensstand darf man da dort nun bis 20h45 gebührenfrei parken. Das scheint falsch zu sein. Aber auch wenn schon: in der verschrobenen Welt der Handyparken-App kann man keinen 10 Minuten Parkschen an einen länger gültigen dranfügen. Man müsste eine weitere halbe Stunde buchen. Auch wenn man nur 10 Minuten braucht. So weit, so vorsätzlich – Geldbeschaffung de Luxe.

Aber ich bin ja schon zurück. Komme zum Auto. Sperre auf, greife zum Türgriff. Und nehme eine nicht unaparte, blonde Frau wahr, die, ungefähr von zwei Autos weiter hinten, plötzlich auf mich und meinen Wagen zutrabt. Wie sie näher kommt, sehe ich eine unvorteilhafte Uniform, ein paar prall gefüllte Gürteltaschen sowie eine viel zu große Kappe. Ein Beamtenhut. Ein Polizei-Deckel, solche einen, den man üblicherweise von Ostblock-Grenzern aus James Bond-Filmen kennt.

Sie hat es eindeutig eilig, die blonde Beamtin. Vielleicht schon Dienstschluß. Oder ein Einsatz ruft, die Straße runter. Bis ich realisiere: die hat es auf mein Auto abgesehen. Und also auf mich, der ich scheinbar drauf und dran bin, ihr ein „Corpus delicti“, nämlich mein unbeparkscheintes (wie sie mutmaßt) Auto zu entziehen.

Entschuldigung, sind Sie ein Parksherriff?“

„Straßenaufsichtorgan.“

„Also Parksherriffin. Warum schreiben Sie mein Auto auf? Ich hab hier gehalten und fahre gerade weg.“

„Strassenaufsichtorgan. Und jetz ist zu spät.“

„Was ist zu spät?“

„Dieses Auto hat kein Parkschein.“

Ich trete also vor mein Auto und erkläre, gerade eben hier gehalten zu haben, nachdem ich die Stunden davor artig Parkscheine aufgegeben hatte. Und eben jetzt am Wegfahren gewesen wäre, als sie auf mein Auto zugesprintet war. Normalerweise lässt man Menschen, die ihr Auto gerade wegfahren, in Ruhe. Zumindest war das bis jetzt so. Also mag ich einsteigen, und …

„Jetz reichts. Sie kriegen eine Anzeige.“

„Und weshalb wollen Sie mich anzeigen?“

„Weil sie kein Parkschein haben.“

„Na dann könnten Sie mir ein Organmandat geben. Aber mit welcher Begründung wollen Sie mich anzeigen?“

„Weil sie stehen mir im Weg.“

„Ich glaube, das ist nicht rechtens. Dazu mag ich Ihre Vorgesetzten sprechen. Bitte Ihre Dienstnummer.“

„So, jetz reichts. Ich hol die Polizei.“

Hm. Langsam beginnt mich die Dynamik zu verblüffen. Sie zückt ihr Handy, ruft wo an. Dreht sich weg, nuschelt etwas von „aggressiv„,  „Bedrohung“ und „Verfolgung“ in ihr Telefon. Nun schrillen bei mir die Alarmglocken. Ich wähne mich im falschen Film, befinde mich inmitten einer skurrilen Amtshandlung, in welcher die junge Dame die „Hilfe, ich werde von bösem Mann bedroht!„-Nummer auflegt. Mein Vergehen dabei? Ich habe gefragt, warum ich nun angezeigt werde und angekündigt, das nicht auf mir sitzen zu lassen. Plötzlich hat man brisante Erzählungen von irgendwelchen nächtelangen Verhören vorm Auge, überlegt sich, ob Rechtsstaatlichkeiten nicht doch vielleicht schneller ausgehebelt werden können, als man es für möglich hält. Und beschließt, die potentielle Amtshandlung abzuwarten. Jetzt den „Tatort“ verlassen könnte fatale Folgen haben …

Brazil?

Wenigstens meiner freundlichen Nachfrage nach ihrer Dienstnummer kommt sie nach, wobei ich ein Visitenkarterl mit nachträglich aufgemalter Nummer kriege, mit dem weniger freundlichen Vermerk, „Jetz kriegen Sie erst recht Anzeige!“. Ruhig frage ich, welche aggressive Bedrohung sie vorher am Telefon meinte und was sie mit Verfolgung andeutete, wo ich doch noch immer nur an meinem Wagen lehne, wie seit Beginn der Amtshandlung. Na mehr braucht sie nicht:

„Es reicht (schon wieder). Sie haben mich nicht Fotografieren lassen(was will sie fotografieren?) Ich hab nicht meinen Job machen können.“

Hm. Dann noch ein Telefonat, schon etwas abgeschwächter. „Er hat gedroht, er kennt mein Chef.“ Gut, mit diesem Bedrohungsszenario kann ich leben. Dann: Eintreffen der echten Polizisten. Miss Inspektor startet auf die Kollegen zu, jammert los. „Er sagt, er kennt mein Chef, wird sich beschweren und so. Und hat kein Parkschein.“ Die Herren fragen sich ein bisserl, warum sie da sind, sind immer hin mit der Kollegin per Du und mit mir per anständigem Sie, sind ausnehmend freundlich, sehr korrekt und geben nun, wo sie schon mal da sind, die Schiedsrichter.

Als da wäre: die „Kollegin“ hat prinzipiell recht gehabt und ich kann ja dann Einspruch erheben, gegen die Anzeige. Auf meine Frage, warum sie denn eigentlich nun Anzeige erheben möchte, anstelle mir ein Organmandat zu geben (wie sonst üblich, wenn der Parkschein fehlt), wird mit Achselzucken reagiert: „Weil sie kann.“ Das hellt dann sogar das bislang sehr unfreundliche Wesen von Miss Organ auf: „Genau, hahaha!“

Sie macht nur ihren Job …

Was lernen wir daraus? Das Strassenaufsichts-Organ, grundsätzlich mit dem Berufsbild „Vernadern“ ausgestattet, hat Potential und Rechte. Darf willkürlich handeln, mahnen, Mandate ausstellen, anzeigen. Kulanz? Ausgeschlossen. Darf sie etwa auch eine Abschleppung veranlassen, nur weil sie das möchte und ihr meine Nase nicht gefällt?

Sie tut nur ihren Job. Hm. Überhaupt ein sehr gefährliches Postulat in solchen Fällen. Der nordkoreanische Gefängniswärter, der den Dissidenten zur Folter führt, tut nämlich selbiges: nur seinen Job. Und eine „Kampäin“, bei der der Satz „Ich habe nur meine Pflicht getan!“ ziemlich international inkriminiert wurde, ist den etwas älteren unter uns auch noch im Ohr.

Ob die junge Dame im gegenständlichen Fall wirklich ihren Job getan hat, oder nur versucht hat, ein bisserl Autorität krafts zu großer Dienstkappe auszuspielen, wird tatsächlich ein Einspruch klären. Und ihren Chef lerne ich hoffentlich demnächst kennen.