
Zunächst zu den Fakten: Der Dacia Bigster ist ein mittelgroßes bis großes SUV im C-Segment, das Dacia mit dem Anspruch konzipiert hat, maximalen Innenraum und moderne Technik zu einem vergleichsweise niedrigen Preis zu bieten. Mit einer Fahrzeuglänge von rund 4,57 m, einer Breite von 1,81 m und einem Radstand von 2,70 m gehört er zu den geräumigsten Modellen seiner Klasse. Überall sitzt man gut, sogar hinter mir (1m97) wenn ich fahre. Der Kofferraum bietet bis zu etwa 667 Liter Ladevolumen, das sich bei umgeklappter Rückbank auf fast 1.937 Liter erweitern lässt – das ist deutlich mehr als bei kleineren SUV-Modellen, auch nobligerer Herkunft.
Und nun, wie sie in der ZiB sagen würden, zur Einordnung: Nach jahrelangem, sensationellem Erfolg mit dem Einstiegs-SUV Duster schaltete die Submarke von Renault im Vorjahr einen Gang hoch und legte mit dem Bigster ein Auto nach, das sich zwar nicht offiziell aber sehr wohl auf der Gefühlsebene anschickte, sich mit weitaus renommierteren SUV-Modellen anzulegen. Im Visier findet man da jedenfalls die koreanische wie japanische Konkurrenz (KIA Sportage, Nissan X-Trail), ein bissl was aus dem eigenen Haus (Renault Symbioz, Austral oder gar Espace, man kennt sich da ja kaum mehr aus …), klarerweise auch was aus der Nachbarschaft (Peugeot 3008/5008, DS7 und ein paar Jeeps) und vor allem aber auch aus Deutschland (VW Tiguan und alles was sich darum so tummelt).



Preislich steckt der Bigster da alle in den Sack, und zwar mit Verve. Einen Einstiegspreis von knapp 25.000 Euro für ein Auto dieser Größe – da kann keiner mit, auch der recht volle Testwagen „Dacia Bigster Journey HYBIRD 155“ ruft mit allem drin und dran 32.155 Euro auf – wohl verdaulich. Und puncto Image, da ist der rumänischstämmigen Schwestermarke von Renault in den letzten 15 Jahren nachgerade ein epochaler Wurf gelungen. Man ist zunächst klar als Billigmarke gestartet, hat daraus absolut kein Hehl gemacht, ja es sogar geschafft, sich selbst diesbezüglich auf die Schaufel zu nehmen, siehe Werbung. Gesessen ist man gefühlt eh immer schon in einem Renault, wenn auch in einem abgespeckten. Und in Sachen Sicherheit sorgt ja sowieso Mama EU für die entsprechenden Regulatorien (und Skurrilitäten). Sogar die mittlerweile emeritierten Kollegen Clarkson, May und Hammond begeisterten sich anno 2009 im Rahmen eines Vergleichs von Aston DBS, Lambo Gallardo und Ferrari California per Fernsehbeitrag (damals noch BBC) für den Dacia Sandero. Und das einzigartige, großartige, famose, sagenumwobene, einzigartige, sage… – einheimische Magazin WIENER verstieg sich bereits anno 2005 zum Sakrileg, den Sandero in einem Vergleichstest dem Rolls Royce Phantom gegenüberzustellen. In den er damals, preislich, 52mal oder so hineinpasste. Komfortmäßig? Naja …
Nun also Bigster, endgültig das richtige Auto für alle, die ein erwachsenes brauchen, sei es aus Platzbedarf, sei es aus anderen Gründen. Tatsächlich glänzt der Raum im Bigster vor allem innerlich, aussen steht er gefühlt kaum größer da als ein Duster. Ein bisschen hochstelzig wirkt das Ganze, man schraubt sich im Geiste sofort ein paar dicke Walzen mit weißem „GENERAL“-Schriftzug und entsprechenden Felgen aus dem Aftermarket aufs Geläuf. Nach den ersten paar 100 Kilometern (ja, wir haben den Bigster auch kurz mal an die kroatische Adria getrieben, bevor er … doch dazu später) ist man überzeugt, dass es das wenn, dann nur aus optischen Gründen bräuchte. Das Auto liegt gut, fährt solide, der Vortrieb aus 155 Vollhybrid-Pferden reicht auch für Autobahn und Küstenstraße gut aus und was den Hybrid-Antrieb betrifft: man merkt ihn kaum, wenn das Auto auf Elektro umschaltet und wieder zurück geschieht das herrlich ruckfrei.








Über 3.000 Bigsters cruisen bereits über Österreichs Straßen, nach einem Jahr im Angebot ein beachtliches Ergebnis. Generell führen Dacias ja schon länger den Privatkundenmarkt in Österreich solide an, der Bigster landet hierbei auf Platz 4. Selten bekommt man so viel Auto um so wenig Geld. Und jetzt wird der Mut zur Marke auch noch durch einen Erfolg bei einem der größten internationalen Motorsportevent geadelt.
Den ersten, den vierten, den siebten und den 11. Platz belegten die Dacia Sandriders bei der legendären Dakar Rallye, jener sagenumwobenen Wüstenrallye, die zwar nicht mehr von Paris nach Dakar wie dereinst führt, aber noch immer Teilnehmer und Maschinen auf 7.976 Kilometern unter härtesten Bedingungen auf die Probe stellt. Nasser Al-Attiyah (QAT) und Beifahrer Fabien Lurquin (BEL) stellten mit 50 Etappensiegen den bisherigen Rekord von Stéphane Peterhansel, dass ein Rallyegott wie der neunfache Weltmeister Sébastian Loeb „nur“ Vierter wird, zeigt welch Herausforderung die Dakar generell für Sportler diesen Formates darstellt.







Wieviel vom Dakar-Rennauto steckt nun im Bigster mit Straßenzulassung? Das ist rein technisch die falsche Frage, weil ein SUV wie der Bigster nicht auf halbrecherische Gelände-Übungen, sondern auf komfortablen Straßenverkehr ausgelegt ist. Ausserdem ist nur die 130 PS-Mildhybridvariante (TCe 130 4×4) überhaupt mit Allrad-Antrieb erhältlich, uns ist er beim Vollhybrid jedenfalls nie abgegangen. Ganz viel Imagegewinn steckt sich aber nun Marke Dacia insgesamt ein, die das wohl nicht nötig hatte, aber sicherlich gut zu nutzen weiß.
Leider konnten wir mit dem uns überantworteten Dacia Bigster auch die Stabilität und Robustheit im Fall des Falles austesten und ihr nun Bestnoten ausstellen. Dass man nämlich als supererfahrener Ober-Autofahr-Experte sowieso und immer schnell genug reagieren würde, um Wildwechsel geschickt auszuweichen, strafte ein juveniler Hirsch gegen 3 Uhr früh kurz vor Tattendorf Lügen. So schnell kann man gar nicht schauen, steht Dir das Tier vor der Schnauze, in Panik verriss ich leicht, alle Systeme griffen kompetent und akkurat, trotzdem nahm ich das arme Tier voll, was der Frontverkleidung sichtlich zusetzte. Trotzdem – die gar nicht so ungefährliche Situation wurde vom Auto und seinen Sensoren (ABS, Traktionskontrolle) souverän abgefangen, auch waren trotz solidem Hirschgewicht keine weiteren außer die optischen Schäden auszumachen. Blessuren, die wir einem wirklich tollen Auto gerne erspart hätten.




