Egal ob Gran Coupé oder Gran Turismo – bislang hatte die Vorsilbe „Gran“ immer auch einen Hauch von Grandezza und stand so für Stil und Schwung. Doch wenn BMW jetzt auf dem Genfer Salon den Gran Tourer enthüllt, wird man sich mit dieser Assoziation schwer tun.

Text: Thomas Geiger

Als großer Bruder des Active Tourer ist der neue Raumkreuzer, der im Juni zu Preisen ab 28 650 Euro (Deutschland-Preis, Österreich rund 30 000 Euro) an den Start geht, eine schwere Prüfung für all jene, die BMW mit progressivem Design, Elan und Eleganz verbinden. Noch einmal knapp 30 Zentimeter länger als der familienfreundliche Zweier und im Dach obendrein um weitere fünf Zentimeter angehoben, konkurriert der nur mühsam in Form gebrachte Kastenwagen nicht mehr mit braven Widersachern wie der Mercedes B-Klasse, sondern geht als noble Antwort auf den VW Touran gar vollends unter die Biedermänner. Doch dafür lockt BMW mit anderen Argumenten: Denn für voraussichtlich rund 1 500 Euro Aufpreis bietet der Gran Tourer mehr Platz für Kind und Kegel als jedes andere Modell aus München. Schließlich wächst mit der Länge nicht nur der Laderaum, der sich dank der verschiebbaren Bank in der zweiten Reihe stufenweise von 645 auf bis zu 1 905 Liter erweitern lässt. Sondern zum ersten und einzigen Mal bieten die Bayern nun auf Wunsch auch eine vollwertige dritte Sitzbank, die man mit ein paar Handgriffen aus dem Kofferraumboden falten kann.

Kulturschock für BMW-Fans

Auch wenn der Pampers-Bomber alles andere als dynamisch aussieht und genau wie der Active Tourer obendrein mit dem Stigma des für BMW nach wie vor untypischen Frontantriebs leben muss, schüren die Bayern die Hoffnung auf Freude am Fahren und umgarnen Premium-Papis mit entsprechend flotten Motoren. Zwar geht es für knauserige Familienväter schon jetzt beim 218i mit 136 PS und später sogar mit einem 216i los. Und wer richtig sparen will, der bestellt den 216d mit 116 PS und einem mageren Normverbrauch von 3,9 Litern. Doch damit der Spaß nicht auf der Strecke bleibt, hat BMW bei den Benzinern auch einen 220i mit 192 PS im Programm, der für 223 km/h gut ist. Und bei den Dieseln kann man sich auch für einen 150 PS starken 218d oder gleich den 220d mit 190 PS entscheiden und dabei auch elegant den Frontantrieb umgehen. Denn zumindest zum Start ist dieser Motor der einzige, der auch mit Allrad angeboten wird. Allerdings steigt der Listenpreis dann schon noch mal um rund 10 000 Euro.

Alles in allem eine völlig andere Herangehensweise von BMW an einen BMW, aber nicht an das (praktische) Auto generell. Platz kann man auch „Premium“ machen, nur ihren heiligen Antriebskonzeptsgral zu verraten, hat das wirklich sein müssen?

Wo sich alles abspielt: im Fond

So untypisch der Gran Tourer für BMW bei Konstruktion und Konzept ist, hat er aber selbst mit dem feudalen Siebener eine entscheidende Gemeinsamkeit: Die wirklich wichtigen Menschen in diesem Auto sitzen hinten – und werden von den Ingenieuren entsprechend verwöhnt. Massagesitze sucht man im Fond des Gran Tourers zwar genauso vergebens wie eine Fernbedienung oder ein Barfach. Doch zumindest für das Infotainment haben sich die Bayern etwas Spezielles einfallen lassen: Während im Luxusliner Börsenkurse und Online-Nachrichten über die Bildschirme flimmern, läuft im Gran Tourer zum ersten Mal die App „myKIDIO“, die dem Nachwuchs im Fond familienfreundliche Serien, Filme, Hörbücher oder Hörspiele auf die Tablet-Computer spielt. So vergeht zumindest in der zweiten oder dritten Reihe die Zeit an Bord des Raumkreuzers tatsächlich wie im Flug. Alles in allem eine völlig andere Herangehensweise von BMW an einen BMW, aber nicht an das (praktische) Auto generell. Platz kann man auch „Premium“ machen, nur ihren heiligen Antriebskonzeptsgral zu verraten, hat das wirklich sein müssen?