Titelverteidigung

Nissan Leaf: Bigfoots Fußstapfen

Die Fußstapfen sind groß: Die zweite Generation des Nissan Leaf will am Erfolg des Vorgängers anknüpfen. Keine einfache Aufgabe, war der erste Leaf doch noch ziemlich allein auf weiter Flur.

Text: Maximilian Barcelli

Er ist das meistverkaufte Elektroauto – und zwar aller Zeiten und weltweit. Klar ist aber auch, dass sich der Leaf als Frühchen – er wird seit fast 10 Jahren produziert – mit wenig Konkurrenz rumschlagen musste. Das ist mittlerweile ja nicht so, Elektrofahrzeuge aus allerlei Segmenten schießen aktuell aus der Erde wie Schwammerln nach einem verregneten Sommer. Vielleicht ein Grund, weshalb der neue Leaf sein markantes Äußeres abgelegt hat und nun massentauglicher geworden ist.

Anstatt des bisserl aufdringlichen Design-Statements der ersten Generation, die an die Veganer erinnert, die gerne ungefragt erwähnen, dass sie Veganer sind, übt sich der Leaf nun in vornehmer Zurückhaltung. Ob die neue Optik fad ist? Negativ, aber sicherlich langweiliger als die des Alten. Ganz unter uns: Das ist gut so.

Auch der Innenraum hat an Wertigkeit gewonnen und gibt sich jetzt nicht mehr ganz so verspielt. Der Touchscreen und die halb digitalen, halb analogen Armaturen bringen den Leaf auf die Höhe der Zeit. Bleiben durfte übrigens der kleine Knopf, mit dem das Getriebe gesteuert wird. Und auch wenn er kein Sportwagen ist, ist das Lenkrad unten abgeflacht.

Wobei: Beschleunigen wie ein Sportwagen kann der neue Nissan Leaf schon. Zumindest bis 50 km/h, danach geht ihm ein bisserl die Puste aus. Für einen Sprint auf 100 km/h in unter acht Sekunden reicht’s aber. Nur muss man gefühlvoll mit dem Gaspedal umgehen – immerhin stehen die 150 PS und die 320 Newtonmeter Drehmoment stante pede an und die Vorderachse muss allein mit diesen fertig werden. Apropos Gaspedal: Via Schalter am Mitteltunnel mutiert dieses auch zur Bremse.

Nennt sich e-Pedal, ist gewöhnungsbedürftig, doch nach zwei, drei Stunden hat man’s im Blut. Während ein herkömmliches Fahrzeug relativ schwach abbremst, wenn man vom Gas, Verzeihung, vom Strom geht, wird der neue Leaf bei aktiviertem e-Pedal via Energierückgewinnung verzögert – und das nicht gerade zimperlich. Das klappt zwar wirklich gut, übertreiben sollte man es aber nicht damit – sonst freut sich der Mechaniker beim nächsten Pickerl über die rostigen Bremsen. Das altbewährte Bremspedal gibt’s natürlich schon noch – auch, wenn dieses bei vorausschauender Fahrt obsolet wird. Mit Ausnahme von Notfällen sowie im Überland.

In dieses sollte man sich aber sowieso nicht wagen, zumindest nicht, ohne die Route akribisch geplant zu haben. Der neue Nissan Leaf verfügt über eine Akkukapazität von 40 kWh – laut WLTP sind damit 270 Kilometer drin. Wer nach der roten Ampel beim Beschleunigen nicht von Fußgängern überholt werden möchte, der wird sich mit realistischen 200 Kilometern Reichweite zufriedengeben – ohne große Abstriche in Sachen Komfort und Fahrverhalten machen zu müssen.

Noch immer zu wenig? Abhilfe schafft der Nissan Leaf e+, der mit 217 PS nicht nur viel mehr Leistung in petto hat. Dank seiner 60 kWh Batterie und der daraus resultierenden, vorläufigen WLTP-Reichweite von 385 Kilometer nimmt es das Topmodell der Leaf-Familie reichweitentechnsich auch mit Konkurrenten aus höheren Segmenten auf. Bestellt werden kann der Nissan Leaf e+ schon jetzt, ausgeliefert wird er im kommenden Sommer. Der startet dann mit der Top-Ausstattung Tekna bei 46.500 Euro. Eines hat sich wohl noch immer nicht geändert: Lokal emissionsfrei fahren ist kein günstiges Vergnügen.