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Rolls-Royce stellt Verkaufsrekord auf

Schwere Zeiten für die Automobilindustrie sind es. Heißt es. Die Hersteller müssen ums Überleben kämpfen. Heißt es. Rolls-Royce fährt einen Verkaufsrekord ein. Heißt es nicht, sondern ist so.

Text: Jakob Stantejsky

Tatsächlich handelt es sich hierbei nicht unbedingt um einen Widerspruch. Denn während Volumenshersteller den Gürtel wirklich immer enger schnallen und noch präziser planen müssen, gehen Luxusfahrzeuge so gut wie noch nie. Kein Sondermodell für ein paar Millionen Euro, das nicht nach spätestens einer Woche ausverkauft ist – das passiert, wenn die Milliardäre dieser Welt immer zahlreicher und reicher werden. Führt man sich diese Entwicklungen vor Augen, macht es plötzlich Sinn, dass Rolls-Royce 2019 so viele Autos verkauft hat wie noch nie. Ach ja, außerdem haben die Briten jetzt ja ein SUV im Portfolio. Damit kann offenbar jede Marke ihren Absatz vervielfachen…

5.152 Autos haben die Engländer letztes Jahr in über 50 Ländern ausgeliefert. Man kann davon ausgehen, dass es sich bei diesen Ländern vornehmlich um wohlhabende Nationen handelt. Zumindest haben wir noch nichts von einem Cullinan auf den Straßen Ouagadougous gehört. Das Wachstum fiel übrigens echt satt aus, mit einem Plus von 25 Prozent gegenüber 2018. Bei Rolls-Royce selbst spricht man natürlich von einem Zeugnis der vorzüglichen Qualität und der Leidenschaft der Kunden, aber sind wir uns doch mal ehrlich. Der Rolls-Royce Cullinan ist momentan einfach das fetteste, luxuriöseste und abgehobenste SUV der Welt. Dabei handelt es sich um ein echtes Wachstumssegment. So blöd das klingt, so wahr ist es.

Der Vaffanculo-Effekt

Das teuerste SUV der Welt bekommt eine Variante für böse Buben namens Black Badge. Die schwarze Plakette heißt aber nicht, dass es den Rolls-Royce Cul­linan Black Badge nur in Schwarz gibt. Grund zum ­Feiern, und zwar gleich im besten Restaurant der Welt. Warum eigentlich nicht?

Text: Gregor Josel

Rolls-Royce, das ist eine, wenn nicht die Marke, die wohl die Spitze des Eisbergs der Unnahbarkeit darstellt. Wer fährt denn schon Rolls-Royce? Kennen Sie jemanden, der einfach mal so einen Rolls für den Alltag in der Garage stehen hat? Menschen, ­deren Kühlergrill der „Spirit of ­Ecstasy“ – so der Name der Rolls-­typischen Kühlerfigur –, ziert, leben in ihrer ganz eigenen Sphäre. Entweder nämlich als geschmacklose Autobastler, die sich das massive Teil auf einen Trabant schweißen, oder eben als Teil der oberen 1.000, bei denen Geld praktisch keine Rolle mehr spielt. Doch die Zeiten ändern sich, und in der Ära von Start-ups, zig Millionen schweren Exits von Internet-­Wunderkindern und Blockchain-Milliardären verändert sich auch das Kundenprofil des potenziellen Rolls-­Royce-Käufers.
War selbiger noch bis vor einigen Jahren wohl eher jenseits des Pensionsantrittsalters zu finden und hauptsächlich auf klassische Merkmale in Sachen Farbgebung und Ausstattung erpicht, so ist der aktuelle Rolls-Royce-Interessent rund um die 40, hat es, wie auch immer er das gemacht hat, ziemlich geschafft und will neben seinen bereits unzähligen anderen Fahrzeugen in der Garage, die hauptsächlich in der Supersport-­Ecke zu finden sind, nun auch ein ­adäquates SUV sein Eigen nennen. Schließlich will man ja auch mit dem Nachwuchs mal auf Skiurlaub fahren oder die Kinder zumindest in die Schule bringen, so der Butler mal frei haben sollte.

Und exakt für diese Leute, die ­relativ jung und dynamisch sind und beim Umstieg aus dem Supersportler in das Alltags-SUV auch nicht gänzlich auf Performance verzichten wollen, hat Rolls-Royce sein SUV Cullinan nun als „Black Badge“-Variante im Programm und hat selbige, samt den anderen Black-Badge-Modellen, in Modena präsentiert, um mit dem teuersten SUV der Welt auch gleich im neuen Hotel „Villa Maria Emiglia“ des italienischen Superstar-­Kochs Massimo Bottura und seiner Frau, Lara Gilmore, vorbeizuschauen. Wobei natürlich auch ein Abend in der bereits zweimal als bestes Restaurant der Welt gekürten „Osteria Francescana“ nicht fehlen darf. Warum eigentlich nicht? Passt wie die Faust aufs Aug.
So wie Massimo Bottura es schafft, aus fünf verschieden gealterten Stücken Parmesan ein Gericht namens „Five Ages of Parmigiano Regano“ zu zaubern, in dem er kunstvoll die fünf verschiedenen Käse-Varianten in unterschiedlichen Texturen vom Parmesan-Mousse bis zum knusprigen Parmesan-Cracker vereint und damit alles relativiert, was man bis dahin über Käse zu wissen glaubte, so hat es Rolls-­Royce mit dem Cullinan Black Badge geschafft, dem Thema SUV die Krone aufzusetzen. Der Cullinan Black Badge ist wahrscheinlich das Rolls-Royce-Modell, das es am ehesten schafft, neue Kunden zur Marke zu bringen. Denn er vermag auf vollkommen unaufdringliche Weise eine Art der Begehrlichkeit zu schaffen, die es in dieser Form in dieser Fahrzeugklasse bislang nicht gab. Er meistert den Spagat zwischen gediegenem Understatement und Vaffanculo-Attitüde wie kein zweiter. Ein Hauch von Performance, ohne aber dabei anstrengend zu wirken, ein Übermaß an Luxus, ohne dabei aber den permanenten Drang zu verspüren, das Fenster runterzulassen und die Passanten mit „Eure Armut kotzt mich an“ anbrüllen zu wollen, wie man das von vielen anderen sogenannten Performance-SUVs kennt.

Der technische Schlüssel des Black-Badge-Cullinan ist die sogenannte Architektur des Luxus, die von Rolls-Royce mit dem Phantom 8 eingeführt wurde. Diese Plattform bietet nicht nur außergewöhnliche Steifigkeit, sondern vor allem auch Flexibilität und Skalierbarkeit, um beispielsweise den Cullinan mit Allradantrieb und Allradlenkung auszustatten. Diese dynamischen Funktionen wurden für den Black Badge überarbeitet, ohne den beispiellosen Fahrkomfort einzuschränken, für den Rolls-Royce berühmt ist. Motorisch wurde der V12-Twin-Turbo um 29 PS auf 600 PS und 900 Nm Drehmoment getrimmt, wer mag, kann auch die Taste „Low“ am Wahlhebel für das Getriebe drücken, damit wird der Black Badge noch agiler, dank GPS-unterstütztem Getriebe weiß er auch schon vor der nächsten Kehre, welchen Gang man nehmen sollte, Schaltpaddles sucht man vergebens, das ist auch gut so. Das würde auch nicht zum Wesen dieses Fahrzeugs passen. Über den Innenraumkomfort des Cullinan Black Badge kann man eigentlich nicht viel ­sagen, denn es ist unvergleichlich, wenn man mit diesem Fahrzeug in ambitioniertem Tempo durch die Emilia Romagna gleitet und dank des enormen technischen Aufwands die knapp 2,8 Tonnen ­Gewicht des Autos nicht wirklich fühlt und auch sonst nicht viel von der Umwelt mitbekommt, außer, wenn man den Blick in die Ferne schweifen lässt. Und damit sind wir dann wieder da angelangt, wo alles beginnt und sich gleichzeitig aber auch alles trennt. Denn es ist letztlich wie bei fünf Stücken Parmigiano Regiano, die alles in allem wohl nur wenige Euro im Einkauf kosten: Es kommt darauf an, was man daraus macht! Bleibt man belanglos und reibt ihn auf Spaghetti mit Fertigsugo aus der Fünf-Liter-­Tonne und verlangt dafür 8 Euro als Menü mit Salat oder ist man Massimo Bottura und zaubert daraus ein einzigartiges Meisterwerk, das die Welt zuvor so noch nie gesehen hat und verlangt dafür mehr als 80 Euro pro Portion. Beides ist legitim, und für beide Welten gibt es Kunden. Ja, auch der Cullinan Black Badge ist letztlich „nur“ ein SUV, doch was Rolls-Royce aus den vielen Tausend Einzelkomponenten, die, einzeln betrachtet, nichts Besonderes sind, zu einem einzigartigen Kunstwerk auf vier Rädern zaubert, rechtfertigt am Ende auch einen Einstiegspreis von 314.500 Euro. Wohlgemerkt: ohne NoVa und MwSt.

Rolls-Royce Cullinan Black Badge
Motor: 6,75 Liter V12, Twin Turbo
Leistung: 600 PS
Verbrauch: come again?
Drehmoment: 900 NM
Beschleunigung: 0–100: 4,9 s
Spitze: 250 km/h (abgeregelt)
Gewicht: 2.753 kg
Preis: 314.500 Euro exkl. österr. Steuern

Gestatten: Der Rolls-Royce Cullinan