
Seit 1983 hat sich der Nissan Micra unter den Kleinwagen nicht nur zum Bestseller, sondern auch irgendwie zum Kultobjekt gemausert. Nun wird er in seinem tiefsten Wesen umgekrempelt.
Überraschend kommt das alles freilich nicht. Man kennt die Allianzen der Marken. Nissan tut mit Renault, eh schon ewig und drei Tage. Auch Mitsubishi ist da mit dabei, wie, weiß man nicht so genau. Aber bei Renault ist die Zusammenarbeit bekannt, evident und auch schlau, was den Plattformen-Tausch betrifft. Dennoch kommt es immer wieder überraschend, wenn etwa Astara-Österreich-Chef Michael Kujus zuerst hartnäckig vermeidet, die anderen Marken der „Allianz“ zu nennen, ihm dann aber doch das Wort „Alpine“ rausrutscht, wenn es um eines jener Fahrzeuge geht, bei denen Nissan die Plattform stellt (jene des Leaf nämlich für den Alpine A390). Alpine und Nissan – a ja stimmt, die sind ja auch zusammen, irgendwie.
Anyway – es soll dem Kunden nix schlimmeres passieren als den famosen Renault 5 der aktuellsten Generation künftig auch mit Nissan-Emblem erwerben zu können. Tatsächlich hat es die hauseigene Design-Abteilung geschafft, dem eh schon peppigen 5er noch ein wenig Extrawitz aufzudrücken. Vice Versa ist es auch den Renault-Zeichnern offenbar gelungen, ein wirklich einzigartiges Auto mit dem Cinq auf vier elektrisch betriebene Räder zu stellen: es gibt kaum einen Blickwinkel, aus dem man dem Micra nicht seinen inneren Renault 5 ansieht.




Die Mittelkonsole beherbergt einen großen Teil der insgesamt 18 Liter Ablageflächen im Innenraum. Und auf ihrer Bodenplastik findet sich ein Easter Egg: Der Mount Fuji. Wir haben allerdings im vorigen Absatz auch sowas wie ein Easter Egg versteckt, für Sie, geschätze Leser. Ist es Ihnen aufgefallen? Es handelt sich um das Wörtchen „elektrisch“, das den Hinweis darauf gibt, welches Wesen der neue Micra hat. Nicht nur Optik, Plattform und Innenraum teilt er sich mit dem Renault 5. Auch den elektrischen Antrieb, selbstverständlich. Und damit stellt der neueste Micra tatsächlich einen groben Richtungswechsel in der Geschichte des feinen Kleinen von Nissan dar.
Blicken wir zurück in die 1980er. 1983 konkret, die große Zeit der kleinen Autos. Bei Nissan (oder auch: Datsun, wie damals noch die meisten sagten) hat man damals gerade mal den Cherry im Programm, sozusagen als Abrundung nach unten. Golfklasse diesfalls, aber schon Zweier von den Abmessungen her. Da geht noch was darunter. Vorhang auf für den ersten Micra, aufgrund einer hierzulande erhältlichen, besonderen Ausstattungslinie im Volksmund bald als „Micramouse“ bekannt.

Der kleine Nissan verleiht von Anfang an das Gefühl, kein Billigauto zu sein. Das Design ist durchdacht, die Features schlau, haltbar ist er auch, wie die meisten Japaner halt. 50 PS reichen für den beherzten Innenstadt-Sprint und kosten tut er unter 100.000 Schilling (genau: 99.900). Das ist ja was, in einer Zeit, in der man noch mit einem Klassiker wie dem (Mexiko-)Käfer konkurrierte. Für Freunde des gepflegten Zahlenspiels: in den neuen Micra passt der erste exakt 2,14 mal hinein, wenn man das Leergewicht (damals 645, heute 1.377 Kilogramm) nimmt.
Ab 1993 dann die Version zwei, etwas rundgelutschter, dafür ungemein erfolgreich, sogar Auto des Jahres. Ab 2002 tritt der Micra als Glupschi auf, mit aufgesetzten Lichtern und eierrunder Form, 2010 werden die Rundungen wieder etwas kantiger und ab 2017 kommt der vorerst letzte Micra auf den Markt. Zwar gefällig gezeichnet und auch sonst proper im Auftritt aber, gemessen an seinen Vorgängern, leider etwas zu unauffällig.
Und jetzt Elektro. Keine Verbrenner-Variante mehr im Konzept. Dass man da auf eine Plattform aus der Verwandtschaft zugreift ist nur schlüssig und konkludent, warum also nicht der Renault 5. Klar hätte man der Plattform auch ein völlig neues Outfit zeichnen können, inwiefern das technisch möglich gewesen wäre (ist wohl wie immer eine Kostenfrage) entzieht sich unserer Kenntnis. Allerdings hat man es wohltuend geschafft, einem ohnehin schon klassen Auto noch ein paar Extra-Merkmale aufzusetzen, die es noch origineller machen. So hat man sich beim Leuchten-Design wieder ein wenig am legendär schirchen aber umso einzigartigeren Glupschi (2003) orientiert. Dem E-Micra, dem Neuen also, tut das gut. Und das, was Auto-Leuchten anno 2026 schließlich etwas mehr können müssen, als nur die Nacht zu erhellen, nennt sich Lichtsignatur und Betrüßungsritual.


Innen ist der Micra ein Renault 5 mit Nissan-Emblem und Fujijama, machen wir uns nix vor. Das ist ja aber in dieser Kombination nichts schlechtes, bitteschön, weil den 5er mögen wir ja auch. Ein anderes Blinkergeräusch hätte man ihm allerdings komponieren können. Und die Sicht nach rechts oben als Erster an der Ampel ist ebenfalls hier wie dort schlecht – grüne Abbiegepfeile erkennt man erst am Gehupe der Hinterleute.
Zwei, hm, „Motorisierungen“ stehen zur Disposition, einmal 122 und einmal 150 PS, angetrieben werden die Vorderräder. Bekanntlich zählen beim E-Auto aber eh mehr die Batteriegrößen, da gibts einen 40 und einen 52 kWh Packen, letzterer reicht laut WLTP angeblich für 415 km Reichweite – we will see. Fürs flinke Wieseln reichts allemal, auch auf der Autobahn ist der Micra erwachsen. Bei 150 wird allerdings abgeriegelt, darf man eh ned fahren und der Reichweite ist’s bekanntlich auch nicht zuträglich. In der besten Ausstattungsvariante gibt es sogar teilautonomes Fahren, sicherlich wieder mit allerlei Schreiereien, wenn man nicht gebannt nach vorne starrt oder die Hände gar vom Lenkrad nimmt.


Kommen wir zum Preis. Wer meint, es gibt hier einen Renault 5 zum Spartarif, der schwelgt in lange vergangenen, guten alten Zeiten, als die Japaner noch billige Autos bauten. Heißen 500 Euro Preisdifferenz begegnet man seitens Importeur Astara allerdings mit tatsächlich attraktiven Einstiegsangeboten und entsprechend kalkulierten Boni, die den neuen Nissan Micra (bereits lieferbar) ab Start auf attraktive 23.490 Euro runternivellieren. Ungeschönt reicht die Preisspanne von 27.990 Euro für den Engage mit 90 kw bis 34.990 für den Evolve mit 110 kw.




