Zu cool für die Familie?

Der Audi A6 Avant im Test

Geschmack ist – vor allem beim Thema Automobildesign – bekanntlich subjektiv und deshalb kann man sich nicht darüber streiten. Also man kann schon, es führt halt nur zu nichts. Wer den neuen Audi A6 Avant schon in natura gesehen hat, kann aber zweifellos bestätigen: Dieser Kombi schaut verdammt cool aus. Egal ob man ihn nun fesch findet oder nicht – cool ist er definitiv. Aber passt das überhaupt zu einem klassischen Familienkombi?

Text: Jakob Stantejsky

Man merkt schon, dass sie es in Ingolstadt bei der Entwicklung des neuen Familiengesichts (und auch des Hinterteils) ganz gewaltig auf Coolness angelegt haben. Zu smooth, straight und kraftvoll treten die aktuellen Modellgenerationen auf, als dass es sich hierbei um einen Zufall handeln könnte. Der A6 Avant bildet da keine Ausnahme und steht ultrastylish im Schuh. Klare Linien von vorn bis hinten, eine extrem breitschultrige und geduckte Gesamtform, zackige Leuchten und elegante silberne Elemente rund um den Kühlergrill und zwischen den Heckleuchten nehmen es mit der avantgardistischen Designsprache von Mercedes locker auf. Gepaart mit der Audi-typischen Präzision in allen Belangen ergibt diese Mischung die ultimative Coolness. So richtig Sonnenbrille-und-Anzug-James-Bond-cool ist der Audi A6 Avant.

Das gilt nicht nur für seine Außenhaut, sondern mindestens genauso für sein Innenleben. Die Zwillingstouchscreens auf der Mittelkonsole, die großen digitalen Instrumente, der fette Automatikhebel und das teils perforierte Lederlenkrad ergeben ein traumhaftes Cockpit für alle Freunde von Hightech und Premium. Nur eins fehlt ihm ein bisschen, dem A6 Avant. Denn so perfekt alles gefertigt ist, die große Emotion will nicht aufkommen. Das liegt nicht daran, dass die Verarbeitung schlecht wäre oder die Fahrleistungen enttäuschend. Denn der Dieselmotor mit seinen sechs Zylindern und 231 Pferden macht den A6 gemeinsam mit dem je nach Fahrmodus angenehm straffen Fahrwerk durchaus zu einem munteren Gesellen. Trotzdem, der Audi A6 Avant ist einfach zu perfekt. Es gibt einfach nichts zu mäkeln. Allerdings polarisiert er auch nicht und in der Regel ist genau das nötig, um echte Emotion entfachen zu können.

Obwohl der V6 TDI wie erwähnt sehr kräftig zu Werke geht, bleibt in einem bestimmten Detail ein bitterer Nachgeschmack. Denn stampft man beherzt aufs Gaspedal, passiert rund eine Sekunde lang: nix, gar nix. Gleich darauf beißen die 231 PS mit ihren bis zu 500 Nm Drehmoment zwar sehr aggressiv zu und schleudern den Audi flott nach vorne. Aber das Loch vorneweg stört ganz gewaltig. Man kommt etwa zu einer Kreuzung und hat Nachrang, checkt die Lage und denkt sich: „Das geht sich gut aus vor dem Nächsten, der da kommt.“ Also latscht man aufs Gas, aber der A6 rührt sich erst nach einer Sekunde. Und plötzlich wird die ganze Geschichte viel knapper als gewünscht. Klar, mit ein wenig Eingewöhnung weiß man, wie sich das Auto verhält. Dennoch geht einem ein so massiv verzögertes Ansprechverhalten ordentlich auf die Nerven. Für alle Benzinbrüder an dieser Stelle eine gute Nachricht: Bei der ersten Pressefahrt mit dem A6 Avant konnten wir feststellen, dass der Vierzylinderbenziner dieses Problem überhaupt nicht hat. Der Diesel mit vier Töpfen schlägt sich in dieser Hinsicht auch deutlich besser.

Ist der Audi A6 Avant erst in Fahrt, steht einer vergnüglichen Ausfahrt nichts mehr im Wege. Entweder wird komfortabel und vornehm dahingeglitten oder engere Bekanntschaft mit der Fliehkraft geschlossen – wobei den Kindern auf der Rückbank letzteres vielleicht weniger gut tut. Damit wären wir auch wieder bei der eingangs gestellten Frage: Ist der Audi A6 Avant zu cool für die Familie?

Von mir gibt es hier ein dickes, fettes, klares und deutliches NEIN. Es gibt schon viel zu viele Familienkutschen, die sich nur über Platz und Praktikabilität definieren – die zwei P des Grauens sozusagen. Obwohl der A6 Avant auch beides im Überfluss bietet, bewahrt er sein supercooles Auftreten und lässt so auch das Herz des jeweiligen Autonarren in der Familie höher schlagen. Mit diesem Familienmobil muss man sich am Stammtisch nicht schämen, sondern kann getrost bewundernde Blicke ernten. Und so wichtig all der Vernunftkram auch ist, ein cooles Auto macht einfach mehr Spaß. Unterm Strich müssen wir das mit den Emotionen vielleicht nochmal überdenken. Denn auch wenn der A6 Avant nie eine Giulia sein wird, er macht schon was her und seinen Besitzer stolz. Nicht gerade die schlechteste aller Emotionen.