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Maserati MC20 Cielo: Dem Himmel so nah

Der Himmel auf Erden ist Aquamarina Blu, duftet nach Lack und Leder und hat kaum mehr als Hüfthöhe – zumindest wenn es nach Maserati geht. Denn viel mehr braucht es nicht, um den neuen MC20 Cielo zu beschreiben, der ein gutes Jahr nach dem Coupé jetzt die Sonnenanbeter in den Süden lockt. Benannt nach dem italienischen Wort für Himmel kommt er noch im Dezember zu Preisen ab 260.000 Euro in den Handel.

Dafür öffnen die Italiener einen der letzten neuen Supersportwagen nach ganz alter Schule – so analog wie irgend möglich und so leidenschaftlich, wie sie es nur südlich der Alpen können: Die ganz große Oper mit jeder Menge Passione und Amore, nur ohne jedes Drama. Denn auch wenn der 4,67 Meter lange und kaum 1,20 Meter hohe Zweisitzer alle Blicke fängt, spart er sich protzige Peinlichkeiten wie große Spoiler oder riesige Kiemen. Sondern als einzige Extravaganz leistet er sich den riesigen Dreizack auf dem babyblauen Lack des Heckdeckels und die nach oben aufschwingenden Türen. Doch sobald die wieder geschlossen sind, wird der Sportwagen zu einer stilsicheren Skulptur voller Eleganz und Eile – und sieht als Roadster noch besser denn als Coupé. Nicht umsonst gehen die hinteren Kotflügel ein paar Zentimeter in die Breite, während zwei Höcker den Rücken schmücken wie Muskeln die austrainierten Schultern eines Langstreckenschwimmers.

Unter der atemberaubenden Hülle steckt das deutlich gestreckte Karbon-Chassis des seligen Alfa 4C, das Maserati mit erstaunlich viel moderner Technik gespickt hat. Allem voran gilt das für den V6-Motor direkt hinter den Sitzen, den sie in Anlehnung an ihren Namenspatron „Nettuno“ nennen. Als erste Eigenentwicklung seit mindestens zwei Dekaden nutzt der jetzt leider unter dem Blech versteckte, dafür aber um so besser zu hörende Drei-Liter-Biturbo das so genannte Vorkammer-Prinzip aus der Formel 1 mit doppelter Einspritzung und zweifacher Zündung und baut damit ungeheuer früh ein extrem gewaltiges Drehmoment auf. Noch ehe der Fahrer das Wort Turboloch auch nur gedacht hat, rammt ihm Nettuno schon den Dreizack in die Magengrube und katapultiert den MC20 dem Horizont entgegen. Wenn 630 PS und 730 Nm auf kaum mehr als 1.500 Kilo treffen, wird die Trägheit der Masse zu einer Marginalie und Zeit plötzlich sehr relativ. Während die achtstufige Doppelkupplung die Gänge rasend schnell, aber kaum merklich ins Getriebe knüppelt und sich die Hinterreifen mit dem Asphalt verzahnen, vergehen nicht einmal drei Sekunden, bis die erste dreistellige Ziffer über den digitalen Tacho flimmert, und wer danach tapfer auf dem Gas bleibt und nachher noch schnell beim Maestro im Frisiersalon stoppt, der kann die Anzeige auf mehr als 320 km/h klettern sehen.

Dabei schlagen zwei Herzen in der breiten Brust des Boliden: Das eines kompromisslosen Rundstrecken-Renners und das eines komfortablen Gran Turismo – und je nachdem, welches der fünf Fahrprofile mit dem neuen, um einen Touchscreen ergänzten Drehschalter auf dem Mitteltunnel aktiviert ist, gibt das eine oder das andere den Takt vor: Wer Sport wählt oder Corsa oder sich gar in die ESC-Off-Stellung traut, der erlebt den MC20 als messerscharfen Bergmeister, der bei der Jungfernfahrt auf Sizilien die Serpentinen rund um den Ätna mit dem Appetit eines ausgehungerten Thunfisch-Fischers verschlingt. Das adaptive Fahrwerk bocksteif, die Lenkung feinfühlig und direkt und die Elektronik nur noch als ferner Wächter weit im Hintergrund, wird er zur intuitiven Fahrmaschine, die Kurven nimmt, wenn der Pilot nur ans Einlenken denkt und schon wieder herausschießt, bevor sich der Fuß überhaupt gesenkt hat.

Doch es braucht nur den Dreh zurück zum Beispiel auf GT, dann fährt der Maserati seine Krallen wieder ein und wird zum Genuss-Sportwagen und die Fahrt fließt so sämig und gehaltvoll durch die Landschaft wie der Caffe Ristretto beim Zwischenstopp in Gennarinos Bar in die Tasse: Heiß, aromatisch, stark und dick wie Blut: Das Lenkrad nur noch mit zwei Fingen gehalten, die Lehne der überraschend bequemen Schalensitze etwas weiter nach hinten gekippt und begleitet von einer sonoren aber keineswegs protzigen und schon gar nicht peinlichen Motor-Melodie fliegt er lässig über die Landstraßen, bügelt selbst Unzulänglichkeiten des im Streit mit der allgegenwärtigen „Famiglia“ vernachlässigten Straßenbaus aus und treibt mit jeder Kurve die Mundwinkel weiter nach oben. Und falls auf den einsamen Sträßchen im Hinterland von Catania, Noto oder Bronte doch mal ein Traktor auftaucht, eine Ape den Pass hinauf kraucht oder eine Signora ihren alten Panda ausführt, genügt ein beherzter Gasstoß, der Dreizack sticht gnadenlos zu und mit einem Augenwischen ist das Hindernis passiert und der Blick zum Horizont wieder frei. 

Weil der Cielo gerade mal 65 Kilo mehr wiegt als das Coupé, werden die Sensoren zwar kaum einen Unterschied zwischen beiden Modellvarianten messen. Doch die Sinne spüren den dagegen umso mehr. Denn wer – leider nur auf dem Touchscreen – den Schalter für das Verdeck gefunden hat und sich für blitzschnelle und trotzdem quälend lange zwölf Sekunden unter Tempo 50 zwingt, der genießt das Dolce Vita auf der Überholspur gleich viel intensiver: Die Sonne auf der Haut, den Wind in den Haaren und Nettunos leidenschaftlichen Gesang in den Ohren – so muss er sich anfühlen, der Himmel auf Erden. 

Zwar will der Sommer in diesem Auto niemals enden, doch kann selbst der stärkste Sportwagen dem Lauf der Zeit nicht davonfahren. Weil sie das auch in Modena wissen, hat sich Maserati einen Kunstgriff einfallen lassen und das versenkbare Hardtop aus einem getönten Spezialglas gegossen. Ein Knopfdruck genügt, um es von dunkel auf transparent zu schalten – und man ist dem Himmel selbst dann nahe, wenn man eigentlich längst unter der Haube ist.

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