Geschichte eines Unikats

Das Porsche Project Gold

Jeder Petrolhead kennt diesen Traum: Einmal das Lieblingsauto als Neuwagen fahren! Blöd nur, wenn das Objekt der Begierde ein paar Jahrzehnte alt ist und längst nicht mehr produziert wird. Porsche schafft jetzt zumindest für einen Liebhaber des 911 Turbo des Typs 993 Abhilfe und baut 20 Jahre nach dem letzten Serienmodell einen Neuwagen aus Originalteilen. Wir haben mit Porsche Classic Leiter Alexander Fabig und Uwe Makrutzki, seines Zeichens Leiter der Classic Werksrestaurierung, über das famose Porsche Project Gold gesprochen.

Text: Jakob Stantejsky

Die Augen der beiden Herren mir gegenüber leuchten mindestens genauso hell wie das Project Gold selbst, das draußen in der Sonne glänzt, wenn sie über ihr ganz besonderes Baby reden. Man merkt sofort, dass dieses Auto für alle Beteiligten vor allem eine Herzensangelegenheit war und ist. Die Entstehungsgeschichte gleicht allerdings auch einem automobilen Märchen. Quasi über dem Feierabendsbier entstand die allererste Spur einer Idee zu dem ehrgeizigen Vorhaben. Da kam die nahende 70 Jahr-Feier Porsches als Ausrede doch gerade recht, denn zum runden Geburtstag möchte man sich selbst doch unbedingt ein ganz besonderes Geschenk machen. Außerdem lagen noch ca. 6.600 Originalteile für diese Baureihe in den Regalen herum, die logistischen Voraussetzungen waren also gegeben. Von der fixen Idee bis zum fertigen Auto hat es dann gar nicht mal allzu lange gedauert, mit rund eineinhalb Jahren sprechen wir hier von einer kürzeren Laufzeit als es bei den meisten Restaurierungen für Kunden der Fall ist.

Die Erfahrung mit diversen 911 Turbos, die schon durch Uwe Makrutzkis und seines Teams Hände gegangen sind, war den Schwaben natürlich eine große Hilfe. So konnte der Restaurierungsleiter schon nach nur 48 Kilometern mit dem fix und fertigen Project Gold zweifelsfrei festhalten, dass es sich um ein perfekt geglücktes Auto handelte. Und somit handelt es sich bei dem Sportwagen tatsächlich um einen Neuwagen, was den Verantwortlichen auch sehr wichtig war und ist. Bei diversen Präsentationen darf auch wirklich niemand mal kurz Platz drin nehmen, denn der Wagen „gehört ja jemandem, wir wissen nur noch nicht, wem.“

Klären wird sich die Besitzerfrage am 27. Oktober im Hauptsitz von Porsche North America in Atlanta, wenn RM Sotheby’s das Project Gold versteigert. Der Erlös geht an die in diesem Jahr gegründete gemeinnützige Ferry-Porsche-Stiftung. Den Rufpreis, so haben mich die beiden Herren von Porsche Classic gebeten, solle ich doch bitte noch nicht in meinen Artikel schreiben – aber ich kann euch verraten, dass das Project Gold deutlich weiter unten anfängt als es die meisten Supersportwagen heutzutage tun und die Zahl hat einen engen Bezug zum Porsche 911 Turbo von vor 20 Jahren. Im Endeffekt wird das aber sowieso egal sein, denn bei einem derart prestigeträchtigen Unikat treiben sich die Interessenten sicher gegenseitig in schwindelerregende Höhen. Behaupte ich jetzt mal. Sehr gewagt.

Denn schließlich bekommt man nicht nur sentimentale Werte, stellt man sich das Project Gold in die Garage. Laut Uwe Makrutzki handelt es sich bei dem güldenen 450 PS-Porsche um den besten seiner Art. Eigentlich logisch, schließlich ist er erstens ganz frisch zusammengebaut und zweitens wurde natürlich jedes Teil und der gesamte Prozess mit modernster Technik überprüft, beziehungsweise vollzogen. Und da ist in den letzten 20 Jahren schon eine ganze Menge weitergegangen. Und ein Fall fürs Museum ist das Project Gold zwar vom Seltenheitsstatus her definitiv, aber eigentlich besteht bei dem nahezu komplett aus Originalteilen bestehenden Boliden kein Grund zur Schonung, schließlich ist er ja gerade erst auf die Welt gekommen.

Das mit den Originalteilen bezieht sich übrigens tatsächlich auf fast alles am Project Gold und ist kein beschönigender PR-Sprech. Allradsystem, Motor, Karosserie und so weiter und so fort – lediglich im Innenraum geht es teilweise neumodisch zu. So wurden etwa vom Sattler nigelnagelneue, einzigartige Sitzbezüge angefertigt. Der Gute konnte sich übrigens gar nicht mehr einkriegen und präsentierte in seiner Begeisterung so viele eigens kreierte Muster, dass man ihn bei Porsche schweren Herzens bremsen musste. Es ist ein Muster, dass sich bei diesem Auto vom Anfang bis zum Ende durchzieht: Alle, die mit dem Project Gold in Berührung kommen, kriegen sich vor lauter Schwärmerei kaum mehr ein – mir geht es da nicht anders. Es ist ein faszinierendes Paradoxon, wenn man vor einem Klassiker steht, der brandneu und doch kein simpler Nachbau ist. So sehen das auch die Schaulustigen, als wir uns das Auto vor dem Porsche Classic Zelt auf der Rennsport Reunion VI mal genauer anschauen. Kaum zückt Uwe Makrutzki den – ebenfalls güldenen – Schlüssel, glühen die Kamerafinger und als er dann auch noch sämtliche Schotten und Luken öffnet, gibt es kein Halten mehr. Jeder will unbedingt den Motorraum begutachten und das Interieur unter die Lupe nehmen – ich selbst bin da keine Ausnahme. Doch mit Mühe kämpfe ich den Drang nieder, mich hineinsetzen zu wollen.

Das Project Gold strahlt eine besonders respekteinflößende Aura aus. Man kann diesem Charme aus Nostalgie und Neuheit ebenso kaum widerstehen wie der Tatsache, dass da ein luftgekühlter 3,6 Liter-Sechszylinder-Boxermotor unter der Haube schlummert – der nun wirklich der Allerletzte seiner Art ist. Passt aber zum Porsche Project Gold, das ja auch das Einzige seiner Art ist. Mit dieser Idee haben sich die Zuffenhausener selbst übertroffen, wobei gerade der Classic-Abteilung hier das Lob gebührt. Ich werde am 27. Oktober jedenfalls neidisch nach Atlanta schielen. Und da bin ich sicher nicht der Einzige meiner Art.