Rolls-Royce Ghost: Geisterstunde im feinen Zwirn

Understatement gilt zwar als originär britische Tugend, ist aber offenbar auch eine Frage der Perspektive. Denn man muss schon vom aktuellen Rolls-Royce Phantom aus auf den neuen Ghost blicken, um darin ein dezentes Auto zu sehen. Und genau das ist es, was die kleine aber feine BMW-Tochter diese Woche in Goodwood enthüllt und in ein paar Wochen gegen Konkurrenten wie den nächsten Maybach auf Basis der ebenfalls in dieser Woche präsentierten S-Klasse oder den Bentley Flying Spur auf den Markt bringen will: Eine Limousine, die zwar luxuriöser kaum sein könnte, die aber dem vorgeblichen Trend der „Post-Opulenz“ folgt und deshalb nicht ganz so dick aufträgt.

Von Thomas Geiger

Wobei diese Idee, der unbestritten etwas schlichteren Linienführung zum Trotz, bereits beim Maßkonzept ad absurdum geführt wird. Denn obwohl schon der erste, 2009 präsentierte Ghost ein durchaus opulentes Auto war, legt der auf einer Rolls-Royce-eigenen Aluminium-Architektur konstruierte Nachfolger sogar noch einmal zu: Er geht nicht nur drei Zentimeter in die Breite, sondern vor allem weiter in die Länge und streckt sich nun auf 5,55 Meter. Und auch der jetzt von innen beleuchtete Tempel von Kühlergrill ist alles andere als zurückhalten. Wenngleich er die perfekte Bühne bildet für die Spirit of Ecstasy, die darüber thront – und neben den Regenschirmen in den Türen das einzige Bauteil am bis dato erfolgreichsten Rolls-Royce-Modell in der 116-jährigen Firmengeschichte ist, das unverändert in die zweite Runde geht.


Was die Briten außen an Zurückhaltung aufbringen, machen sie innen mehr als wett: Nicht nur, dass sie die mehr als 300 Paneele und Polsterelemente mit über 20 sogenannten Halbhäuten überziehen und mehr Furniere anbieten als die versiertesten Kunsttischler. Sondern sie holen ihren Kunden mehr denn je auch die Sterne vom Himmel. In dem mittlerweile fast schon Legendären LED-Firmament unter dem Dach schwirren nun erstmals sogar Sternschnuppen und in der Konsole vor dem Beifahrer lassen 152 Leuchtdioden durch 90.000 lasergeätzte Punkte rund um den Namenszug 850 weitere Sterne strahlen.

Dazu gibt noch neben digitalen Instrumenten und dem schon für den Phantom deutlich verfeinerten Infotainment-System aus Siebener & Co jede Menge Komfortfeatures und ein Detail, das die Kunden aller anderen, deutlich teureren Baureihen nicht für Geld noch gute Worte bestellen können: Zum ersten Mal schließen die natürlich wieder gegenläufig angeschlagenen Türen nicht nur elektrisch, sondern öffnen sich auch auf Knopfdruck mit einem feinen Summen.

Zwar wird man sich in Goodwood der Bezeichnung „Auto“ vermutlich verwehren, weil das ein viel zu profaner Begriff ist für einen derartiges Dickschiff. Doch kommt auch Rolls-Royce bei allem Lack und Leder nicht um den Einbau eines Fahrwerks und eines Antriebs herum. Allerdings treiben die Briten mehr Aufwand als jeder andere Hersteller, damit man davon möglichst wenig mitbekommt. „Waftability“ lautet ihre Umschreibung für eine automobile Fortbewegung, die dem Fliegen oder Schweben in ihrer abgehobenen Mühelosigkeit näher ist als dem Fahren.

Möglich machen das beim neuen Ghost ein weiter verfeinertes Setting aus Federn und Dämpfern, die mit einer Kamera weit vorausschauen und sich elektronisch auf alle Gegebenheiten einstellen. Die Automatik nutzt für den gleichen Zweck die GPS-Daten und der Motor hat zwar mit 571 PS und 850 Nm allemal genügend Kraft, um sich bemerkbar zu machen. Nicht umsonst beschleunigt er das Prunkschiff trotz 2,5 Tonnen Leergewicht in 4,8 Sekunden auf Tempo 100 und wird erst bei 250 Sachen von der Elektronik eingebremst. Doch ist der 6,75 Liter große V12 dabei so leise und dreht so niedrig, dass der Ghost ziemlich gespenstisch wirkt.

Nur an der Tankstelle wird er dafür umso präsenter – schließlich hat das Triebwerk wenig vornehme Trinksitten und gönnt sich schon auf dem Prüfstand 15,2 Liter. Das ist politisch vielleicht nicht mehr ganz korrekt und ein Plug-In-Hybrid wäre zum Start ein schönes Statement gewesen. Doch wirklich stören wird es die Kundschaft nicht. Denn wer geschätzte 300.000 Euro aufwärts für sein Auto zahlt, der greift beim Tanken in die Portokasse.