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Ennstal-Classic: La Famiglia

Ennstal-Classic

La Famiglia

Längst ist die Ennstal-Classic zur bedeutendsten Oldtimerveranstaltung des Alpenraums avanciert und für ihre Teilnehmer so etwas wie der erweiterte Familienurlaub. Mit im Gepäck dabei: das treue Hausgetier aus Blech und Benzin.

text: Franz J. Sauer

„So einen hat mein Onkel auch gehabt!“ Oder: „Das war mein erstes Auto!“ Dann, der Kenner: „Ha, is des a Rallye?“ Oder aber der kleine Bub am Straßenrand: „Dein Auto sieht aus wie ein Hut!“

Ja, liebe Kinder, so hat man früher Autos gezeichnet, als der Fiat 128 Rally auf die Welt kam. Man schrieb das Jahr 1971, Steyr-Fiats bevölkerten in großer Zahl die Straßen des erweiterten Balkans (zu dem wir uns hier frech rechnen), wurden allerorts, auch in Steyr, in Lizenz gefertigt und hatten für die ambitionierteren der heimischen Autofahrer auch immer einen heißen Reifen in der Modellpalette parat. Beim allseits beliebten Fiat 128 (der etwa im damaligen Jugoslawien als Zastava 101 in einer Schrägheck-Variante auftrat) war diese scharfe Version der Rally, für jedermann erkennbar an den run- den Heckleuchten. Und damals reichten bereits heute lächerliche 78 PS völlig aus, um zu den schärferen Teilnehmern im heimischen Straßenverkehr zu zählen.

Natürlich trägt daran auch das geringe Fahrzeuggewicht ein gerüttelt Maß an Verantwortung. Und die einfache Bauweise eines Autos, das im Wesentlichen mit einem Schraubenzieher, einem Beißzengel und ein paar Mutternschlüsseln weitreichend zu warten oder zu reparieren war. Zwei Armaturen, drei Schalter, ein hinreißendes Zweispeichenlenkrad, weil hier für Sportler gedacht, an den Streben gelocht – das wars auch schon am Armaturenbrett. Und weil Türen damals nur ein dünnes Plastiktackerl über dem Blech hatten, die Sitzschienen direkt am Bodenblech angeflanscht wurden und keinerlei feiste Mittelkonsole an den Oberschenkel drückte, hat ein übergroßer Lackel wie ich in dem putzigen kleinen Gerätchen weit mehr und komfortabler Platz als in einem, sagen wir mal, nagelneuen Range Rover Sport.

In Gesellschaft all der alten Ferraris, Jaguars, Aston Martins, Mercedesse und Porsches, die das übrige Starterfeld der Ennstal-Classic in selten toller Dichte bevölkern, braucht sich einer wie der Fiat 128 Rally keineswegs unterprivilegiert fühlen. Zwar zählt er eindeutig zu den jüngsten Vertretern der Spieler, um die Haaresbreite eines Jahres erfüllt er das Mindestalter der Veranstaltung. Aber keiner würde hier die Nase rümpfen, ob mangelnder Promi- nenz oder gar zu minderem Fahrzeugwert, ganz im Gegenteil. Die Eigner der teuersten Mobilien hier erkundigen sich anerkennend nach Herkunft des schnuckeligen Vehikels. Oftmals mit dem Hintergrund, dass sie selbst einmal einen ebensolchen besaßen. Und es könnte ja rein theoretisch auch dieser hier gewesen sein.

Ganze vier Stück des 128 Rally sind derzeit in Österreich offiziell vermerkt, weiß Fahrzeugeigner Leo Birke Bescheid. Als italophiler Vollblut-Motorist und Mastermind des in Gründung befindlichen WIENER Racing Team (dazu mehr zu geeigneter Zeit) hat er ein Faible für kleine, feine Autoware aus dem alten und mittelalten Italien. Folgerichtig verfügt er über ein nachgerade computerhaftes Know-how über Bestände, Angebote und Totalschäden der nämlichen Fahrzeuge in Österreich und Umland. Viele der in diesem Biotop herumgeisternden Alfas, Fiats und Lancias besaß er selbst einmal, viele wird er noch besitzen. Und netterweise stellt er dem WIENER alljährlich einen seiner Schätze für das fahrintensive Wochenende im Kreise der Ennstal-Familie zur Verfügung – nicht ganz uneigennützig freilich: Er selbst hat bei dem Gsturl auch eine Menge Freude.

Mit Familie ist punkto Ennstal-Classic freilich nicht nur die Edelblech-Umgebung gemeint. Es geht hier vielmehr um Menschen, die derselben Faszination zugetan sind, was sie witzigerweise auf ziemlich vielen Ebenen an Vorlieben und Charaktereigenschaften verbindet. Wer auf schöne alte Autos steht, steht zumeist auch auf schöne alte Uhren, stilvolles Gewand, zeigt sich kundig in Fragen des Heritage-Rennsports und führt Hilfsbereitschaft als edelste seiner Charaktereigenschaften stets offen am Revers. Bleibt irgendwo wer liegen, zangeln nach wenigen Minuten bereits zahlreiche helfende Hände am waidwunden Oldtimer und trachten danach, das Starterfeld möglichst bis zum Ende vollzählig zu halten.

Im Mittelpunkt der ehrenwerten Bande stehen Helmut Zwickl und Michael Glöckner, die nach 26 Veranstalterjahren wirklich jeden Teilnehmer der Ausfahrt persönlich und etwas besser kennen – sogar die meisten Zuschauer sind ihnen lieb, teuer und alte Freunde, zumindest vermitteln sie den Eindruck. Und inmitten dieser illustren Gesellschaft tummeln sich dann eben auch Rennfahrerikonen und Autosportlegenden, die einem gefühlsmäßig nahestehen wie ein entfernter Onkel aus Australien, der selten, aber doch zu Besuch kommt. Das verwandtschaftliche Bindeglied sind hier ebenfalls Zwickl und Glöckner, die von ihrem Wesen her sowieso danach trachten, jeden mit jedem bekannt zu machen und für gute Stimmung auf ihrem alljährlichen Familienfest zu sorgen.

Was dereinst stets ein kultiviertes „Dabei sein ist alles“ mit großem Gelächter über sogenannte „Ernstnehmer“ war, entwickelte sich im Lauf der Jahre zur engagierten Zeitenjagd, die uns unverhinderbar das Lager wechseln lässt. Einst fuhr man nach Kilometerzähler, heute fährt man nach Tripmaster, inklusive aufwendiger Kalibrierung. Früher hätte man nicht mal mitgekriegt, sich in einer Sonderprüfung mit Zeitnahme zu befinden, heute ärgert man sich kurz, aber durchaus nachhaltig über einen „1000er“, sprich: das Verfehlen der vorgegebenen Sollzeit um mehr als 1.000 Hundertstelsekunden. Nachteil: Man hat sich über einen 98. Platz im Vorjahr mehr gefreut, als über den 79. heuer. Vorteil: Man erlebt die Veranstaltung damit noch intensiver, und ein bisserl anstrengen hat schließlich noch niemandem geschadet.

Es steht noch nicht fest, welches Auto aus Leos Privatangebot wir im nächsten Jahr zur Veranstaltung bringen werden, vielleicht ist es auch noch gar nicht gekauft. Aber dabei sein werden wir. Und diesmal werden wir im Vorfeld auch ein wenig trainieren.

Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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