Rolls-Royce Boattail: Luxusyacht auf Landgang

Für die große Mehrheit der automobilen Menschheit ist ein Rolls-Royce an Exklusivität kaum zu überbieten. Doch wer sich in den richtigen Kreisen bewegt, für den ist ein Ghost so gewöhnlich wie für unsereins ein Golf. Das wissen sie natürlich auch bei der britischen BMW-Tochter und kommen den zahlungskräftigen Kunden mit einem gesteigerten Geltungsbedürfnis nun noch weiter entgegen. Denn nachdem Rolls-Royce schon bislang nahezu jeden Sonderwunsch bei Farben und Materialien erfüllt hat, greifen sie nun auch in Karosserie und Konstruktion ein und kehren so zur Tradition des Coachbuildings zurück.

Früher allenfalls für Designstudien und Showcars und nur ausnahmsweise mal für einen Kunden möglich, soll die Ausnahme bald zur Regel und so zu einem elementaren Bestandteil des Geschäfts werden, sagt Firmenchef Tosten Müller-Ötvös. Und um diesen Worten Gewicht zu verleihen zieht er dabei das Tuch vom Boattail, der nach genau dieser Philosophie entstanden ist. 

Denn die Idee für die Luxusyacht auf Landgang, die nur noch entfernt an den Dawn erinnert, geht zurück auf drei besonders treue Kunden mit einer hohen Affinität zum Yachtsport, die im Dialog mit den Designern in Goodwood ihren eigenen Rolls-Royce entworfen haben. Der wird deshalb auch nur dreimal gebaut, und auch diese drei Exemplare werden sich vom Grundkörper einmal abgesehen, dramatisch voneinander unterscheiden. Allen gemein ist deshalb die maritime Form mit dem neuen Bug samt integriertem Kühler, der wie auf einem Motorboot weiter herum gezogenen Frontscheibe, der Segelkonstruktion des Stoffdaches und dem sich verjüngenden Achterdeck, das dem Boattail seinen Namen gegeben hat. 

Einzigartig dagegen sind Auftritt und Ausstattung, die beim Erstling vor allem geprägt ist von einer ausgeprägten Liebe zum Champagner. Denn dort, wo bei Yachten für gewöhnlich der Motor montiert ist, hat der Eigner eine „Hosting Suite“ installieren lassen, zu der neben Kelchen aus Kristallglas auch ein maßgeschneidertes Kühlfach für die favorisierten Flaschen des Genießers gehören. Außerdem gibt es für den gepflegten Cocktail auf dem Boulevard der Eitelkeiten zwei Klapptische sowie anstelle der üblichen Regenschirme in den Türen einen hydraulischen Sonnenschirm, der zwischen den beiden Schmetterlingsklappen auf dem Holzdeck ausfährt. 

So viel die Briten über die Ausstattung, die Farben und die vornehmen Materialien fabulieren, so wenig sagen sie zur Technik. Doch dürfte unter der langen Haube im Bug wie üblich der V12 montiert sein, und die Kunden wären gut beraten, die jüngste Ausbaustufe aus dem neuen Ghost zu nutzen. Dann stünden zum 6,75 Liter Hubraum, 571 PS und 850 Nm im Fahrzeugschein und bei maximal 250 km/h sollte eine ziemlich steife Brise garantiert sein. 

Noch weniger als zur Technik lassen sich die Briten zu den Preisen entlocken. Doch wenn schon der normale Dawn um die 350.000 Euro kostet und die kumulierte Entwicklungszeit der drei Einzelstücke bei rund 20 Jahren liegt, dann dürfte der Preis nicht nur siebenstellig sein, sondern auch noch weit über dem Bugatti Chiron liegen und den Boattail zum teuersten Auto eines deutschen Konzerns machen. Die Kunden scheint das nicht zu stören. Sie haben bereits angekündigt, ihre Luxusyacht für den Landgang regelmäßig zu nutzen – und können die Jungfernfahrt wohl kaum erwarten. 

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