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Jaguar F-Type: Wahnsinn oder Vernunft – oder ein bisserl was von beidem

Der V6 hat im facegelifteten Jaguar F-Type ausgedient – zumindest in Europa. Bleibt also der Achtzylinder und der halbe. Müssen sich potenzielle Kunden des britischen Sportwagens also zwischen Wahnsinn und Vernunft, zwischen, alles oder nichts, zwischen ganz oder gar nicht entscheiden?

Text: Maximilian Barcelli

Vernunft

Bevor wir diese Frage beantworten: Was heißt hier eigentlich „gar nicht“? Immerhin, der Einstiegs-Motor, ein Vierzylinder-Turbobenziner, erwirtschaftet 300 PS. Schon klar, die reißen dir beim Kick-down nicht den Schädel vom Kopf. Dafür wird das Tempo angenehm linear aufgebaut. Außerdem spart das 2-Liter-Triebwerk maßgeblich Gewicht ein: Über 200 Kilogramm bringt der Jaguar F-Type P300 weniger auf die Waage, als der F-Type mit V8.

Bis auf der Autobahn-Etappe, auf der die Beschleunigung bei höherem Tempo etwas zu wünschen übrig lässt und die Automatik oftmals gehetzt zurückschaltete, weil im höchsten Gang einfach zu wenig Kraft abrufbar ist, fehlt es im F-Type P300 an nichts. Selbst der Sound überzeugt, hie und da gibt der viertöpfige F-Type sogar ein wohliges Blubbern von sich. Könnte aber auch aus den Boxen tönen. Zwar ist so ein im Innenraum künstlich generierter Motorsound immer etwas peinlich, im F-Type klingt der aber überraschend unsynthetisch.

Vor allem auf der Landstraße spielt der kleinste F-Type dann seine Stärken aus. Forciert schwingt man sich von Kurve zu Kurve, erfreut sich an seiner präzisen, feedback-gebenden Lenkung. Er wiederum erfreut sich daran, Befehle an diese punktgenau umzusetzen. Man erfreut sich an seinem überraschend komfortabel abgestimmten Fahrwerk und er erfreute sich daran beweisen zu können, wie dieses die Fuhre bei grober Fahrweise trotz Eingeständnisse an die Langstrecke auf Kurs hält. Mit 300 PS ist der F-Type weder über- noch untermotorisiert, kann verhältnismäßig sparsam bewegt werden, ist kurzum ein ausgewogenes Fahrzeug. Da läuft man schnell Gefahr, voreilige Schlüsse zu ziehen: Braucht man den Achtzylinder überhaupt?

Spoiler: Ja, braucht man. Ein Hauptgrund: die Musik, die aus diesen Endrohren tönt.

Wahnsinn

Wir wollen’s herausfinden und steigen um in den: Wahnsinn. Es erwarten uns fast doppelt so viel Leistung, exakt doppelt so viele Zylinder und mehr als doppelt so viel Hubraum. Und plötzlich ist der Jaguar F-Type gar nimmer so der nette Schwiegersohn, der bei einer Bank arbeitet und schon um elf nachhause kommt, nachdem er sich mit den Jungs auf ein Bier trifft, was in diesem speziellen Fall auch tatsächlich exakt ein Bier bedeutet, manchmal sogar nur ein kleines. Er ist dann eher der Typ Schwiegersohn, den man sich nicht unbedingt für die Tochter wünscht; Haschisch rauchend, tätowiert, kleinkriminell und respektlos. Und zur Begrüßung gibt er dir die Faust, als wärst du 15.

Genug der Klischees, wir schweifen ab. Fokus auf das Wesentliche. Einsteigen, Startknopf drücken und den V8 erwecken. Im Vergleich zu diesem Gebrüll, das direkt aus dem Schlund eines Löwen kommen könnte, miaut der P300 wie eine Hauskatze. Fünf Liter Hubraum sind eben fünf Liter Hubraum – Punkt, Aus, Ende. Der Achtender im F-Type R entsendet seine Reitstaffel, bestehend aus 575 Pferden, an alle vier Räder, was nicht unpraktisch ist, weil die Leistung beziehungsweise das Drehmoment sehr plötzlich ansteht. Da pirschst du dich gerade an den Scheitelpunkt ran, gehst etwas zu voreilig aufs Gas und auf einmal: baaaam! Der Jag springt mit einem Satz nach vorne.

Die Gangwechsel erfolgen mit ähnlicher Aggressivität. Übrigens: die Briten haben es hinbekommen, dass man die acht Stufen der Automatik mit Vergnügen selbst über die hochwertigen Paddles verwaltet. Kommt tatsächlich selten vor. Neben einem ordentlichen Nackenklatscher beim Gangwechsel sorgt auch die Klangkulisse für Gänsehaut: es blubbert, es röhrt, es rotzt, es knallt und beim Hochschalten zerreißt es akustisch den Auspuff – und das trotz Ottopartikelfilter, wobei der Sound des neue F-Type schon merkbar zahmer geworden ist.

Die Sache mit dem Wahnsinn ist auch folgende: selbst statisch sorgt er für mehr Herzrasen. „Schuld“ sind die Auspuffendrohre, von denen es vier gibt und die das Heck einerseits martialischer wirken lassen, anderseits in die Breite ziehen. Da kann die mittig platzierte Blende des P300 einfach nicht mithalten. Überhaupt ist der F-Type R als Coupé eines der schönsten Automobile, die man dieser Tage erwerben kann. Die Dachlinie ist unendlich lange und fügt sich nahtlos ins Heck ein. Neu beim Facelift: die Front. Insbesondere die tiefer platzierten und schmaleren Scheinwerfer verleihen dem F-Type einen frischen Look und verlängern die Motorhaube optisch. Das Exterieur in einem Adjektiv zusammengefasst? Formvollendet.

Die goldene Mitte

Fassen wir also zusammen: der Jaguar F-Type P300 punktet mit Greta-verträglichen Verbräuchen und einem angenehmeren Fahrwerk. Und der F-Type R? Mit einer unfassbaren Vorwärtsdrang und Sound zum Niederknien. Er ist halt: arg. Vielleicht sogar ein bisserl zu arg. Womit wir wieder zum Kernproblem kommen. Wahnsinn oder Vernunft? Wie wär’s mit einem Mix aus beiden? Jaguar schließt die Lücke, die der V6 hinterlassen hat, mit einem neuen V8.

Wobei neu so nicht stimmt. Im Grunde handelt es sich um den bekannten 5-Liter-Bären, allerdings mit weniger Leistung. So peitschen den Jaguar F-Type P450 die namensgebenden 450 PS nach vorne. Die 580 Nm stehen 1.000 Touren früher an als die 700 Nm des F-Type R, also ab 2.500 Umdrehungen. Der 100er ist nach 4,6 Sekunden geknackt, beim 575 PS-Brocken ist’s keine ganze Sekunde weniger. Und enden tut der Vortrieb bei 285 Sachen. Der R legt da noch 15 km/h drauf.

Doch nicht nur die Überschaubarkeit der Unterschiede punkto Beschleunigung und Spitzentempo lassen uns zur goldenen Mitte tendieren: die Motorcharakteristik des P450 ist ausgewogener. Die Leistung baut sich angenehmer auf, der V8 verpasst dir nicht so eine heftige Drehmoment-Watsche, somit fordert einen die Fahrerei weniger und kann mehr genossen werden.

Außerdem gibt es den P450 mit Hinterradantrieb, während der R nur als Allradler gebaut wird. Gut, auch beim Überdrüber-F-Type ist die Hinterachse federführend, das merkst du beim Kurvenausgang, wenn es bei zu groben Gasbefehlen zu Leistungsübersteuern kommt. Trotzdem: Hinterradantrieb ist eben Hinterradantrieb. Und: der geile Sound des R verwöhnt auch im P450 das Trommelfell.

Was jedenfalls alle drei Fahrzeuge gemein haben: sie fahren wie auf Schienen. Untersteuern? Nur, wenn man es drauf anlegt. Übersteuern? Etwas im P450 mit Hinterradantrieb und im R, allerdings angenehm anmeldend und eher nur mit abgeschalteter Elektronik. Die tut einer sportlichen Gangart übrigens keinen Abbruch, weil sie wirklich fein und unmerkbar regelt. Eine weitere Gemeinsamkeit der drei Raubkatzen: die analogen Armaturen sind im Zuge des Facelifts rausgeflogen, man blickt nun auf ein volldigitales Display. Ohne die Vorteile hier außen vor zu lassen: es passt irgendwie nicht zu so einer rohen Haut, die der F-Type vor allem mit dem V8 ist. Jaguar macht allerdings das Beste daraus. Im Sportmodus blinkt der Drehzahlmesser dominant, wenn man sich dem Begrenzer nähert. Das sieht optisch schon richtig gut aus.

Die Instrumente sind jetzt volldigital und können vielfach konfiguriert werden.

Überrascht hat uns der Preis: Zwar ist der Vierzylinder teurer geworden und startet jetzt bei etwa 74.000 Euro, dafür gibt’s den mit zwei Zylindern mehr ausgestattete und stärkeren P450 zum ähnlichen Preis eines „alten“ P380 – nämlich ab etwa 111.000 Euro. Und nicht einmal der Jaguar F-Type R schreckt uns mit seinem Einstiegspreis: 153.000 Euronen werden mindestens fällig. Zum Vergleich: Für einen neuen Porsche Carrera 4S (450 PS) müssen etwa drei Riesen mehr investiert werden. M8-Interessenten bekommen beim BMW-Händler für das Geld einen feuchten Händedruck: das 25 PS stärkere Sport-Coupé startet bei knapp 200.000 Euro. Also eigentlich kontert Jaguar hier mit einem richtigen Kampfpreis. Unser Favorit ist im Übrigen der F-Type P450. Mit Hinterradantrieb. Und als Coupé – weil das einfach unschlagbar sexy aussieht.