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Der Vaffanculo-Effekt

Das teuerste SUV der Welt bekommt eine Variante für böse Buben namens Black Badge. Die schwarze Plakette heißt aber nicht, dass es den Rolls-Royce Cul­linan Black Badge nur in Schwarz gibt. Grund zum ­Feiern, und zwar gleich im besten Restaurant der Welt. Warum eigentlich nicht?

Text: Gregor Josel

Rolls-Royce, das ist eine, wenn nicht die Marke, die wohl die Spitze des Eisbergs der Unnahbarkeit darstellt. Wer fährt denn schon Rolls-Royce? Kennen Sie jemanden, der einfach mal so einen Rolls für den Alltag in der Garage stehen hat? Menschen, ­deren Kühlergrill der „Spirit of ­Ecstasy“ – so der Name der Rolls-­typischen Kühlerfigur –, ziert, leben in ihrer ganz eigenen Sphäre. Entweder nämlich als geschmacklose Autobastler, die sich das massive Teil auf einen Trabant schweißen, oder eben als Teil der oberen 1.000, bei denen Geld praktisch keine Rolle mehr spielt. Doch die Zeiten ändern sich, und in der Ära von Start-ups, zig Millionen schweren Exits von Internet-­Wunderkindern und Blockchain-Milliardären verändert sich auch das Kundenprofil des potenziellen Rolls-­Royce-Käufers.
War selbiger noch bis vor einigen Jahren wohl eher jenseits des Pensionsantrittsalters zu finden und hauptsächlich auf klassische Merkmale in Sachen Farbgebung und Ausstattung erpicht, so ist der aktuelle Rolls-Royce-Interessent rund um die 40, hat es, wie auch immer er das gemacht hat, ziemlich geschafft und will neben seinen bereits unzähligen anderen Fahrzeugen in der Garage, die hauptsächlich in der Supersport-­Ecke zu finden sind, nun auch ein ­adäquates SUV sein Eigen nennen. Schließlich will man ja auch mit dem Nachwuchs mal auf Skiurlaub fahren oder die Kinder zumindest in die Schule bringen, so der Butler mal frei haben sollte.

Und exakt für diese Leute, die ­relativ jung und dynamisch sind und beim Umstieg aus dem Supersportler in das Alltags-SUV auch nicht gänzlich auf Performance verzichten wollen, hat Rolls-Royce sein SUV Cullinan nun als „Black Badge“-Variante im Programm und hat selbige, samt den anderen Black-Badge-Modellen, in Modena präsentiert, um mit dem teuersten SUV der Welt auch gleich im neuen Hotel „Villa Maria Emiglia“ des italienischen Superstar-­Kochs Massimo Bottura und seiner Frau, Lara Gilmore, vorbeizuschauen. Wobei natürlich auch ein Abend in der bereits zweimal als bestes Restaurant der Welt gekürten „Osteria Francescana“ nicht fehlen darf. Warum eigentlich nicht? Passt wie die Faust aufs Aug.
So wie Massimo Bottura es schafft, aus fünf verschieden gealterten Stücken Parmesan ein Gericht namens „Five Ages of Parmigiano Regano“ zu zaubern, in dem er kunstvoll die fünf verschiedenen Käse-Varianten in unterschiedlichen Texturen vom Parmesan-Mousse bis zum knusprigen Parmesan-Cracker vereint und damit alles relativiert, was man bis dahin über Käse zu wissen glaubte, so hat es Rolls-­Royce mit dem Cullinan Black Badge geschafft, dem Thema SUV die Krone aufzusetzen. Der Cullinan Black Badge ist wahrscheinlich das Rolls-Royce-Modell, das es am ehesten schafft, neue Kunden zur Marke zu bringen. Denn er vermag auf vollkommen unaufdringliche Weise eine Art der Begehrlichkeit zu schaffen, die es in dieser Form in dieser Fahrzeugklasse bislang nicht gab. Er meistert den Spagat zwischen gediegenem Understatement und Vaffanculo-Attitüde wie kein zweiter. Ein Hauch von Performance, ohne aber dabei anstrengend zu wirken, ein Übermaß an Luxus, ohne dabei aber den permanenten Drang zu verspüren, das Fenster runterzulassen und die Passanten mit „Eure Armut kotzt mich an“ anbrüllen zu wollen, wie man das von vielen anderen sogenannten Performance-SUVs kennt.

Der technische Schlüssel des Black-Badge-Cullinan ist die sogenannte Architektur des Luxus, die von Rolls-Royce mit dem Phantom 8 eingeführt wurde. Diese Plattform bietet nicht nur außergewöhnliche Steifigkeit, sondern vor allem auch Flexibilität und Skalierbarkeit, um beispielsweise den Cullinan mit Allradantrieb und Allradlenkung auszustatten. Diese dynamischen Funktionen wurden für den Black Badge überarbeitet, ohne den beispiellosen Fahrkomfort einzuschränken, für den Rolls-Royce berühmt ist. Motorisch wurde der V12-Twin-Turbo um 29 PS auf 600 PS und 900 Nm Drehmoment getrimmt, wer mag, kann auch die Taste „Low“ am Wahlhebel für das Getriebe drücken, damit wird der Black Badge noch agiler, dank GPS-unterstütztem Getriebe weiß er auch schon vor der nächsten Kehre, welchen Gang man nehmen sollte, Schaltpaddles sucht man vergebens, das ist auch gut so. Das würde auch nicht zum Wesen dieses Fahrzeugs passen. Über den Innenraumkomfort des Cullinan Black Badge kann man eigentlich nicht viel ­sagen, denn es ist unvergleichlich, wenn man mit diesem Fahrzeug in ambitioniertem Tempo durch die Emilia Romagna gleitet und dank des enormen technischen Aufwands die knapp 2,8 Tonnen ­Gewicht des Autos nicht wirklich fühlt und auch sonst nicht viel von der Umwelt mitbekommt, außer, wenn man den Blick in die Ferne schweifen lässt. Und damit sind wir dann wieder da angelangt, wo alles beginnt und sich gleichzeitig aber auch alles trennt. Denn es ist letztlich wie bei fünf Stücken Parmigiano Regiano, die alles in allem wohl nur wenige Euro im Einkauf kosten: Es kommt darauf an, was man daraus macht! Bleibt man belanglos und reibt ihn auf Spaghetti mit Fertigsugo aus der Fünf-Liter-­Tonne und verlangt dafür 8 Euro als Menü mit Salat oder ist man Massimo Bottura und zaubert daraus ein einzigartiges Meisterwerk, das die Welt zuvor so noch nie gesehen hat und verlangt dafür mehr als 80 Euro pro Portion. Beides ist legitim, und für beide Welten gibt es Kunden. Ja, auch der Cullinan Black Badge ist letztlich „nur“ ein SUV, doch was Rolls-Royce aus den vielen Tausend Einzelkomponenten, die, einzeln betrachtet, nichts Besonderes sind, zu einem einzigartigen Kunstwerk auf vier Rädern zaubert, rechtfertigt am Ende auch einen Einstiegspreis von 314.500 Euro. Wohlgemerkt: ohne NoVa und MwSt.

Rolls-Royce Cullinan Black Badge
Motor: 6,75 Liter V12, Twin Turbo
Leistung: 600 PS
Verbrauch: come again?
Drehmoment: 900 NM
Beschleunigung: 0–100: 4,9 s
Spitze: 250 km/h (abgeregelt)
Gewicht: 2.753 kg
Preis: 314.500 Euro exkl. österr. Steuern

Mercedes-Maybach GLS 600: Hochkaräter

Schluss, aus, Ende und Vorbei – Mercedes hat sich lange genug von Rolls Royce und Bentley die Butter vom Brot nehmen lassen und dem vornehmen Treiben unter den SUV tatenlos zugesehen. Doch jetzt schlägt der selbsternannte Gralshüter des automobilen Luxus zurück und schickt gegen Cullinan und Bentayga den ersten Maybach für den Matsch ins Rennen: Was da in der zweiten Hälfte des neuen Jahres für Schätzpreise jenseits von 150.000 Euro anrollt, ist zwar anders als die Studie Vision Ultimate Luxury aus dem letzten Jahr noch hoffen ließ, doch kein eigenständiges Auto und erst recht kein SUV mit Stufenheck, sondern ein GLS im Smoking. Doch haben die Schwaben ihr dickstes Ding außen so üppig mit Lametta behängt und innen so fein ausstaffiert, dass der Geländewagen buchstäblich zum Hochkaräter wird und eben doch um zwei Klassen aufsteigt.

Von Thomas Geiger

Damit man das Prunkstück für Prachtstraßen und Pampa trotz der engen Verwandtschaft mit der schnöden Großserie auf Anhieb erkennt, trägt der GLS stolz den Maybach-Grill im Nadelstreifen-Design und darunter mehr Chrom vor den Lufteinlässen als die amerikanische Rapperszene Gold um den Hals. Dazu gibt’s breit verchromte Rahmen um die Scheibe und – ein entsprechendes Selbstbewusstsein voraus gesetzt – auch die nur den Maybach-Modellen vorbehaltene Zweifarblackierung. Der Clou sind allerdings die beiden riesigen Trittbretter von mehr als zwei Metern Länge und 20 Zentimetern Breite, die sich samt LED- Beleuchtung in einem faszinierenden Spektakel unter dem Wagenboden hervorschieben, sobald sich die Türen öffnen. Denn selbst wenn der Maybach einen Knicks macht und sich die Luftfederung um drei Zentimeter absenkt, mag Mercedes dem gemeinen Krösus so eine unbequeme Kletterei offenbar nicht ohne Aufstiegshilfe zumuten.  

Dass aus dem Einstieg auch im übertragenen Sinne ein Aufstieg wird, liegt am noblen Interieur des Maybach, der seine Passagiere in einem Kokon aus Lack und Leder lockt. Statt der bis zu fünf gewöhnlichen Sessel aus dem GLS sind hier wie in der Langversion der Limousine nur zwei Loungeliegen montiert, mit über einem Meter Beinfreiheit davor und einer riesigen Konsole für Barfach, Klapptische und Kleinkram dazwischen. Der Rücken wird fein massiert und klimatisiert, um die Nase weht der Duft von Osmanthusblüten, zarten Ledernoten und würzigem Tee und die Welt da draußen verschwindet hinter Isolierglas und schwarzen Vorhängen, die auf Knopfdruck vor die Scheiben surren: Willkommen in Ihrer eigenen Welt, lautet die Botschaft. 

Technisch dagegen ist der Maybach dem GLS näher, als es den meisten Kunden lieb sein dürfte. Zwar haben die Ingenieure die Profile des vorausschauenden Luftfederfahrwerks mit seinen schlauen 48 Volt-Stellern um einen Maybach-Modus ergänzt, mit dem man wie auf Wolken gebettet über den Asphalt gleitet, und für den Motor gibt es ein neues Setup. Doch wer sich angesichts des Typenkürzels 600 auf einen Zwölfzylinder freut, wird beim Blick unter die Haube jäh enttäuscht. Statt am BMW X7 gar vollends vorbei zu ziehen und tatsächlich zu den Briten aufzuschließen, belässt es auch Mercedes beim V8. Der ist immerhin der modernste im Programm, kommt als Mild-Hybrid mit einem 22 PS starken E-Booster und hat trotz soliden 2,8 Tonnen sicher leichtes Spiel mit dem 5,21 Meter langen Luxusliner. Nicht umsonst wuchten die 558 PS und 730 Nm den Maybach für den Matsch in 4,9 Sekunden auf Tempo 100 und danach unbeirrt weiter bis auf 250 km/h. Und dass er dabei schon in der Norm 11,7 Liter verbraucht, wird die erlauchte Kundschaft kaum stören. Wer Maybach fährt, zahlt solche Tankrechnungen wie andere das Trinkgeld. 

Zwar feiert Mercedes Maybach nach dem gescheiterten Comeback-Versuch mit den Modellen 57 und 62 mittlerweile als Erfolgsgeschichte und rühmt sich immerhin 45.000 verkaufter S-Klassen mit dem doppelten M seit dem Relaunch in Jahr 2016, und im letzten Jahr war schon jede siebte S-Klasse ein Maybach. Doch geht es nach Designchef Gorden Wagener, ist der GLS nur der zweite Schritt auf einem weiten Weg: Langfristig will er Maybach zu einer starken Submarke machen, die sich auch wieder eigene Modelle leisten kann . Als Vorbild dienen ihm dabei die Kollegen von AMG, die sich mit SLS, GT und ihrem Viertürer bereits weit von der Großserie entfernt haben. Allerdings hat der Vergleich auch einen Haken – bis AMG so weit war, hat es Jahrzehnte gedauert. Deshalb werden sich wohl auch die Maybach-Kunden noch ein wenig in Geduld fassen und zurücklehnen müssen – Platz genug dafür haben sie im neuen GLS ja.