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BMW 640d xDrive GT: Viel Geld, viel Auto

Mit 5er Limousine und Touring hat BMW auch dem 6er GT ein Facelift spendiert. An seinem Wesen als erstklassiger Langstreckengefährte wurde nicht gerüttelt.

Keine Frage: BMW kann Nische. Da braucht man nur an den X6 denken, der mal eben im Vorbeifahren ein neues, mittlerweile wahnsinnig erfolgreiches Segment geschaffen hat. Oder an die elektrischen Frühstarter i3 und i8. Klar, dass Stromer mittlerweile so boomen, haben weniger einzelne Hersteller, sondern der Zeitgeist (und die EU) zu verantworten. Trotzdem war BMW damals vorne dabei, verglichen mit anderen europäischen Herstellern.

Einen Griff ins Klo verhindert diese Nischenaffinität aber nicht. Das hat der BMW 3er GT bewiesen, der 2019 nach nur einer Generation wieder eingestellt wurde. Sein größeres Pendant, einst als 5er GT, mittlerweile als 6er GT vermarktet, rettete sich hingegen in eine zweite Generation. In der Pressemeldung verlautbart BMW, dass sich „weltweit mehr als 50.000 Kunden für diesen eigenständigen Fahrzeug-Charakter entschieden“ haben. Zum Einordnen: Von der 5er-Reihe verkauft BMW weit über 300.000 Stück – in einem einzigen Jahr.

Feinste Materialien bestens verarbeitet.

Okay, insgesamt also 50.000 6er GT und ein paar zerquetschte. Das ist nicht nichts, schon gar nicht bei den Preisen. Aber ein voller Erfolg ist er auch keiner. Doch mit jedem Kilometer mehr im 640d GT xDrive, drängt sich uns die Frage auf: Wieso eigentlich nicht? Versucht dieses Etwas aus Limousine, Coupé und SUV ein Element zu viel in sich zu vereinen? Es kann jedenfalls nicht am Design liegen.

Also: nicht mehr. Sicher, ist immer sehr subjektiv, aber so klobig und fast schon pummelig, wie der alte 5er GT, sieht der neue nicht aus, schon gar nicht nach dem Facelift. Das offenbart sich übrigens durch die neue gezeichneten Leuchten und den leicht(!) vergrößerten Nieren. Mit 5,091 Metern Länge, 3,07 Metern Radstand und vor allem 1,902 Metern Breite ist er immer noch eine wuchtige Erscheinung, wirkt gleichzeitig aber elegant, besonders, wenn man einen X7 daneben stellen würde.

Vor allem das Heck des alten 5er GTs war klobig. Beim neuen kann man das aber nicht behaupten.

Apropos X7: Der, und der kleinere X5, sind die einzigen BMW-Modelle, die es mit dem Kofferraum des 6er GT aufnehmen können. 600 Liter verstecken sich hinter der monströsen Heckklappe. Richtig imposant sind aber nicht nur die Liter hinten, sondern vor allem jene vorne – und das, obwohl es sich nicht um 600, sondern lediglich drei handelt.

Zumindest, wenn man ein bisserl mehr Geld investiert. Es können auch weniger Liter sein, aber: naja. Nix gegen den selbstzündenden Vierender von BMW, der in anderen (soll heißen: kleineren) Modellen großartige Arbeit verrichtet. Und auch die 7,9 Sekunden des 620d hören sich mehr als passabel an. Doch das Wesen dieses Automobils verlangt geradezu nach einem Dreiliter-Reihensechser. Weil der 6er GT kompromisslos auf Langstrecke ausgelegt ist. Und weil er ein BMW ist.

Der 640d ist das Spitzenaggregat unter den Selbstzündern. Doppelt aufgeladen werden aus den drei Litern 340 PS geholt. Dazu gibt’s natürlich so viel Drehmoment, das man eigentlich gar nicht weiß, wohin damit. Bärige 700 Nm liegen zwischen 1.750 und 2.250 Umdrehungen an. In nur 5,3 Sekunden geht der 2-Tonner auf Landstraßentempo und dank des phänomenalen Durchzugs schüttelt der 6er GT Überholvorgänger lässig aus dem Ärmel. Dabei bleibt der Diesel so vornehm, wie ein britischer Lord beim Nachmittagstee. Die Laufkultur ist wirklich hervorragend.

Sechs Zylinder in Reih und Glied.

Allerdings: Die gibt’s im 30d auch. Dort gibt’s auch saftige 650 Nm Drehmoment und immerhin noch 286 PS. Gleichzeitig kostet der 630d etwa 4.000 Euro weniger, von den laufenden Kosten ganz zu schweigen. Ob sich der Mehrpreis lohnt, darf jeder für sich selbst entscheiden. Wir sind da skeptisch. Auch, weil wir die schwächere Leistungsstufe des Reihensechsers eben im 5er zum Testtänzchen hatten und die echt auch keine Wünsche offen lässt.

Keine Wünsche offen lässt auch das Fahrwerk: Ob man es nun ambitioniert oder gemütlich angeht – es spielt wirklich alle Stücke. Nicht zuletzt wegen der Sonderausstattung „Executive Drive“. Für knapp unter 4.000 Euro bringt die ein sensationelles Luftfahrwerk samt Wankstabilisierung mit sich. Komplementiert wird das Fahrgefühl von der Integral-Aktivlenkung und weiteren, typischen BMW-Ingredienzien – sprich einem heckbetonten Allradantrieb oder etwa der direkten, schwergängigeren (und halt auch: aktiven) Lenkung.

Zu all diesen technischen Schmankerln kommt dann noch ein fetter Batzen Luxusausstattung hinzu: Vom Panorama-Glasdach über die großartige Anlage von Bowers & Wilkins bis hin zum First Class Paket, das so Feinheiten, wie die Volllederausstattung, Soft-Close-Automatik, Lüftung und Massagefunktion der Sitze und 4-Zonen-Klima mit sich bringt.

Besser ausgestattet als die US Army: „Unser“ 6er GT.

So viel Superlative kostet aber: Der BMW 640d xDrive GT startet bei 85.445 Euro. Wie von vielen deutschen Herstellern gewohnt, kommt da aber noch einiges hinzu. Kurz und schmerzvoll: Für den Testwagen werden insgesamt fast 132.000 Euro fällig. Viel Geld für viel Auto.

Maximilian Barcelli

Bei 7.000 Touren beginnt der Spaß für den mehr begeisterten denn begnadeten Autofahrer.

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