Ein Höllenritt zum Himmelstor im VW ID.R

Yang Hua kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Mag ja sein, dass die Tianmen Shan Big Gate Road für andere Zeitgenossen zu den spektakulärsten Straßen der Welt zählt. Doch als Busfahrer am Tianmen Mountain in Zhangjiajie, 1.500 Kilometer südwestlich von Peking, nimmt er die 99 Haarnadelkurven auf der elf Kilometer langen Strecke an guten Tagen mehr als ein Dutzend Mal. So oft karrt er die Touristen hinauf zu dem Plateau, von wo aus die noch einmal 999 Stufen zu jenem riesigen Durchbruch in der Felswand führen, der als „Tor zum Himmel“ bei den Chinesen eine mystische Bedeutung hat. „Wahrscheinlich könnte ich die Strecke mittlerweile blind fahren“, lacht der smarte Mittdreißiger, der jetzt schließlich schon vier Jahre am Berg arbeitet.

Von Thomas Geiger

Doch hier und heute trifft er seinen Meister. Denn ein paar Meter neben seinem grünen Kleinbus mit dem lahmen Diesel parkt der VW ID.R, aus dem gerade Romain Dumas klettert: Ein Jahr, nachdem der Franzose mit dem elektrischen Prototypen den Rekord beim Run auf den Pikes Peak pulverisiert hat und wenige Wochen nach neuerlichen Bestzeiten beim Hill Climb in Goodwood und vor allem auf der Nordschleife des Nürburgring, ist das flache Flügelmonster aus Wolfsburg umweltfreundlich per Bahn auf der Neuen Seidenstraße nach China gekommen, um auch dort eine Fahrt für die Ewigkeit anzutreten.

Damit will sich nicht nur das Motorsportteam eine weitere Medaille an die Brust heften. Sondern vor allem geht es den Niedersachsen darum, mit dem Rekordrenner Reklame für ihre E-Offensive zu machen, mit der sie – mal wieder – ein bisschen hinten dran sind. „Wir kommen spät“, räumt China-Chef Stephan Wöllmann deshalb auch ein. „Aber wir kommen gewaltig,“ sagt der VW-Statthalter und verspricht eine ganze Flut elektrischer Neuheiten aus China für China: „Nächstes Jahr im Herbst geht es mit dem ersten lokalen ID los und danach folgen bis zu zehn Modelle von der Limousine bis zum SUV.“

Während Wöllmanns Rennen gegen lokale Konkurrenten wie BYD, Geely und Newcomer wie Nio oder Byton und all die vielen anderen Importeure etwas länger dauert, denkt Dumas in kleineren Zeitabschnitten. Wenn schon Yang mit seinem Bus kaum mehr als 20 Minuten braucht, müsste er die Strecke doch einem Bruchteil der Zeit schaffen. Schließlich hat er die 19,9 Kilometer, 156 Kurven und 1.500 Höhenmeter auf den Pikes Peak in 7:57 Minuten hinter sich gebracht.

Doch man darf sich nicht täuschen: „Die Herausforderung ist riesig“, räumt Dumas ein, der so eine Straße im Leben noch nicht gesehen hat. Klar, kennt er all die legendären Pässe in den Seealpen. Und natürlich ist auch die Fahrt auf den Pikes Peak kein Sonntagsausflug. „Aber 99 so scharfe Kurven auf elf Kilometern gibt es sonst wohl nirgends auf der Welt“, sekundiert ihm VW-Motorsportchef Sven Smeets. Zumal viele davon so eng sind, dass der mehr als zwei Meter breite ID.R. mit seinem vergleichsweise großen Wendekreis in ihnen kaum ums Eck kommt. Und als wären so viele Kehren auf so einer kurzen Distanz nicht schon schwer genug, ist die Straße auch noch extrem ruppig, hat viele Bodenwellen und einen extrem rutschigen Betonbelag, durch den sich tiefe Fugen ziehen. Viel schlimmer kann der Pikes Peak früher auch nicht gewesen sein, als Teile der Piste wie zu Walter Röhrls Zeiten noch geschottert statt geteert waren.

Wo Rennfahrer wie Dumas sonst viele Wochen im Simulator trainieren, gibt es für die Tianmen Shan Big Gate Road natürlich keinen entsprechenden Datensatz. Selbst wenn die Niedersachsen mittlerweile zumindest ein entsprechendes Computerspiel programmiert haben, mit dem binnen weniger Tage über 100.000 Chinesen mehr als fünf Millionen Mal zum Gipfel gestürmt sind. Denn nicht nur, dass die erst 2006 nach acht Jahren Bauzeit eröffnete Steilstrecke mit ihren bis zu zehn Prozent Steigung und 1.100 Höhenmetern natürlich keine offizielle Rennstrecke ist. Sondern außer Männer wie Yang in ihren grünen Bussen darf sie sonst auch niemand befahren. Zumindest normalerweise. Aber genau wie VW haben natürlich auch schon andere eine Sondergenehmigung erwirkt und den Gipfel gestürmt: Mal im Drift, mal mit SUV oder Seriensportwagen und sogar mit schweren amerikanischen Motorrädern aus der Cruiser-Fraktion. Nur offizielle Zeiten sind dabei nie genommen worden, sagt Smeets. Als bislang zuverlässigste Referenz gelten deshalb die knapp 10 Minuten, die ein neuer Range Rover gebraucht hat, bevor er danach auch noch die 999 Stufen in Angriff genommen hat.

Doch gemessen am ID.R ist jeder Geländewagen ein ungelenker Gigant: Nicht nur von den beiden zusammen 680 PS und 650 Nm starken Motoren an den beiden Achsen andere nur träumen. Sondern auch das Gewicht von weniger als 1.100 Kilo ist unterreicht. Daraus resultiert eine Beschleunigung, die jenseits von gut und böse ist: Während der ID.R faucht wie ein Raumschiff in Lichtgeschwindigkeit, schießt der Monoposto in 2,2 Sekunden auf Tempo 100 und nimmt damit einem Formel 1-Auto etwa vier und einem Formel E-Renner etwa sieben Zehntel ab. Kein Wunder, dass er schon in der ersten Sekunde das offizielle Tempolimit von 40 km/h knackt, an das sich Yang und seine Kollegen sklavisch halten. Und selbst wenn die 273 km/h, die er damals auf der Nordschleife erreicht hat, nie und nimmer greifbar sind, prügelt er das Flügelmonster auf den wenigen Geraden zwischen den Turns immerhin mal über 200 km/h.

Viel mehr als ein halbes Dutzend Probeläufe hat Dumas nicht, schließlich geht der normale Touristenverkehr munter weiter und Busfahrer Yang und seine Kollegen räumen für den ID.R immer nur für ein paar Minuten die Straße. Doch selbst wenn er sich dabei nur die gefährlichsten Passagen einprägen kann und sich für den Rest der Strecke auf Intuition und Erfahrung verlässt, steigert er sich von Gipfelsturm zu Gipfelsturm. Und als am Nachmittag dann auch noch eine Gewitterfront naht, hat er auch den Nervenkitzel, der ihm ohne Rennen sonst vielleicht gefehlt hätte. Denn genau wie damals am Pikes Peak muss alles wieder ganz schnell gehen – auch im Fahrerlager am Fuß des Berges. Einmal noch hängen sie den Akku des ID.R deshalb an den mit umweltfreundlichem Glycerin betriebenen Generator und pressen nochmal ein bisschen Strom in die Zellen, dann stöpseln sie ihn ab, Dumas klettert durch die Dachluke ins Auto, während ihn die Mechaniker in der Karbonkabine festzurren, versteinert sein Blick und seine über die Tage schwer gewordenen Arme reißen noch einmal die 99 Kurven ab, von der jede im Bizeps brennt. 7 Minuten, 38 Sekunden und 585 Tausendstel – dann hat er es geschafft, der ID.R steht einmal mehr auf dem Gipfel und hat eine weitere Höchstleistung erbracht.

Während Dumas zusammen mit Chinachef Wöllenstein im Champagner duscht und auch ohne echten Gegner den strahlenden Sieger gibt, zerreißt Yangs Diesel die elektrische Stille und der Busfahrer kann es kaum erwarten, bis die Strecke wieder freigegeben wird. Fünf Touren hat er noch an diesem Tag. Und wenn sie ihm nur einmal den IDR geben würden, dann hätte er endlich mal pünktlich Feierabend.