Skoda Octavia: Die Tochter wird groß

Davon können viele Mütter ein trauriges Lied singen: Erst ziehen sie ihre Töchter groß, bringen ihnen das Laufen bei und putzen sie ordentlich heraus – und müssen sich dann von ihnen spätestens beim Abi-Ball die Schau stehlen lassen. Das ist nicht nur im richtigen Leben so, sondern auch in der Autowelt. Und wer das nicht glaubt, muss nur einmal auf VW und Skoda schauen. Denn so solide der gerade vorgestellte Golf auch sein mag, so schlau, sparsam, sicher und souverän, bekommt sein Glanz jetzt mit der Premiere des neuen Octavia einen gewaltigen Schatten.

Von Thomas Geiger

Schließlich hat Skoda nicht nur beim Design noch einmal nachgelegt, noch klarere Kanten für mehr Eleganz eingezogen und die Proportionen zurechtgerückt. Sondern wenn die Tschechen Ende März zu Preisen ab 28.060 Euro (D) erst mit dem Kombi und ein paar Wochen später auch wieder mit der jeweils 700 Euro günstigeren Limousine in die vierte Generation der Neuzeit gehen, bietet der Octavia von allem ein bisschen mehr: Noch einmal mehr Platz für Kind und Kegel, mehr Technik, mehr Finesse und mehr Details aus der Abteilung Simply Clever. Nur bei den Motoren marschiert Skoda in die Gegenrichtung und ist stolz auf bis zu 14 Prozent weniger Verbrauch. So verlieren nicht nur die Importmodelle aus Korea, aus Frankreich oder Japan an Reiz, sondern auch für den König der Kompakten gerät gehörig der Thron ins Wackeln.


Dabei baut Skoda freilich vor allem auf die Möglichkeiten des Mutterkonzerns und sein Technik-Vorstand Christian Strube hat entsprechend tief in den Modularen Querbaukasten gegriffen. Das gilt neben der Plattform vor allem für den Antrieb. So gibt es hier wie dort die ersten Benziner, die mit 48-Volt-Technik zu Mild-Hybriden werden, die Diesel stoßen mit doppelter AdBlue-Einspritzung bis zu 80 Prozent weniger Stickoxide aus und dem Golf sei Dank bekommt der Octavia nun seinen ersten Plug-In, der auch bei Skoda genau wie bei VW gleich in zwei Leistungsstufen angeboten wird. Und bei der CNG-Technik ziehen beide ebenfalls am gleichen Strang und bieten deshalb den identischen Erdgas-Motor an.

Los geht es dabei aber zunächst einmal eher konventionell mit einem 150 PS starken TSI-Motor mit 1,5 Litern Hubraum und einem weiterentwickelten 2,0-Liter-TDI, den es mit 115 und 150 PS gibt. Das sind trotz verbesserter Abgasreinigung vielleicht nicht die innovativsten Motoren, aber die wichtigsten. Denn vor allem der starke Diesel dürfte sich einmal mehr als Bestseller erweisen – aus gutem Grund. Schließlich ist er mit seinen 360 Nm wunderbar dynamisch und elastisch, macht Überholen zum Kinderspiel und den Ampelspurt bei einem Sprintwert von 8,8 Sekunden zum Vergnügen, schafft auf der Autobahn bis zu 222 km/h und lässt sich mit ein bisschen Weitsicht und Zurückhaltung trotzdem knapp unter fünf Litern Fahren. Und spätestens, wenn man die adaptiven Dämpfer bestellt, die den Wagen wahlweise stramm mit der Fahrbahn verzahnen oder butterweich allen Unbill wegfedern, hat man schnell vollends vergessen, dass man hier noch in der Kompakt- und nicht schon in der Mittelklasse unterwegs ist.

Das gilt auch für das Ambiente, das von einem gründlich aufgemöbelten Cockpit, neuen Lenkrädern mit nur noch zwei Speichen, reichlich aufgewerteten Materialien und jeder Menge Konzern-Elektronik für Assistenz und Infotainment lebt. So gibt es virtuelle Anzeigen auf zwei Zehn-Zoll-Bildschirmen und einem Head-Up-Display, es gibt LED-Matrix-Scheinwerfer und ein Online-Navi mit eigenem Appstore, es gibt jede Menge Touchsensoren statt Tastern und ein Heer von Assistenten, die nun auch beim Ausweichen helfen oder beim Türöffnen nach Radfahrern und anderen Verkehrsteilnehmern schauen.

Aber so viel Skoda im allgemeinen und der Octavia im besonderen dem VW-Konzern zu verdanken hat, ist es weniger die Nähe zum Golf, die den Octavia ausmacht. Sondern besonders gut ist der Skoda dort, wo er sich seinen eigenen Weg erlaubt. Bei der Form ist das natürlich eine Frage des Geschmacks. Doch beim Format ist der Skoda der klare Sieger:

In jeder Dimension noch einmal ein paar Millimeter gewachsen und mittlerweile 4,69 Meter lang, klopft der Octavia künftig lautstark an die Tür zur Mittelklasse – zumindest was das Platzangebot angeht. Denn selbst Erwachsene können im Fond jetzt bequem sitzen und der Kofferraum war schon bislang der größte der Klasse und legt nun sogar noch einmal zu: Beim Kombi um 30 auf 640 und bei der Limousine um 10 auf 600 Liter.

Und dann ist da noch die Rubrik Simply Clever, in der sich schon wieder ein paar pfiffige Petitessen mehr finden, die oft gerade wegen ihrer Einfachheit beeindrucken. Denn so simpel eine zweite, kleinere Tasche an der Rücklehne des Vordersitzes sein mag, so praktisch ist sie, wenn die Hinterbänkler darin ihre Handys verstauen können. Wer mal eine Dashcam benutzt und sich am Kabelsalat hinter der Scheibe sattgesehen hat, der wird sich auch an der USB-Schnittstelle am Dachhimmel freuen. Und spätestens wenn der nächste Winter kommt, ergibt auch der Schneebesen einen Sinn, den die Tschechen als Alternative zum allfälligen Regenschirm in das Staufach der Tür schieben.

Er bietet mehr Auto fürs Geld, hat den ausdruckstärkeren Charakter und beweist mehr Sinn fürs Praktische – so rüttelt der Octavia ganz kräftig am Thron des bisherigen Königs der Kompaktklasse und stiehlt dem Golf gehörig die Schau. Dafür haben die Tschechen allerdings nicht nur mehr Hirnschmalz verbraten als die Niedersachsen und sich mehr neues einfallen lassen. Sondern sie haben auch mehr Liebe zum Detail beweisen – selbst da, wo es der Kunde kaum merkt. Denn während man beim VW die Motorhaube nun allein mit Muskelkraft öffnen muss, gibt’s beim Seat nach wie vor die noblen Gasdruck-Dämpfer.