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Der Bentley Bentayga Hybrid

Bentley schlägt neue Töne an. Wo die Autos der Briten beim Anlassen bislang erst einmal laut aufgebrüllt haben, um wie der Löwe im Dschungel ihren Führungsanspruch zu manifestieren, macht sich die neueste Version des Bentayga in aller Stille zum Fahren bereit. Denn zum ersten Mal baut die VW-Tochter jetzt ein Auto, das zumindest streckenweise elektrisch fährt und bringt den feinen Bruder von Porsche Cayenne und Audi Q7 deshalb im Herbst als Plug-In-Hybrid.

Von Thomas Geiger

Auf dem Weg vom Saulus zum Paulus bekommt das Sinnbild des ebenso überflüssigen wie übergewichtigen Protz-Panzerns statt des bisherigen W12- oder V8-Motors einen mit drei Litern Hubraum und 340 PS fast schon bescheidenen V6-Benziner, der mit einer E-Maschine von 128 PS zusammengespannt wird. Dazu gibt’s einen Akku von 13 kWh unter dem Kofferraum, der für bis zu 50 Kilometer emissionsfreies Fahren reichen soll.

Solange man das riesige Gaspedal im Fußraum entsprechend sanft touchiert, rollt der Luxusliner damit erst einmal flüsterleise vom Hof und beschleunigt in gespenstischer Stille wie von Geisterhand auf bis zu 135 km/h. Diese Ruhe passt gut zum Luxus in der Lounge aus Lack und Leder und je entspannter der Fahrer wird, desto länger fährt der Bentayga auch dann elektrisch, wenn man die Regie für das Zusammenspiel der beiden Aggregate im Hybrid-Modus dem Bordcomputer überlässt. So dauert es nur ein paar Minuten, bis man vergessen hat, dass man in einem Sonderling sitzt und man muss schon auf den modifizierten Drehzahlmesser links im Cockpit schauen, wenn man den Betriebszustand erkennen will.

Viel öfter allerdings schaut man auf das so genannte Spiegelei, das Bentley in sattem Grün auf die Navigationskarte programmiert hat. Schließlich gibt das viel anschaulicher Auskunft über den Aktionsradius als die Restreichweite, die im großen Bildschirm zwischen den analogen Anzeigen hinter dem Lenkrad eingeblendet wird. Doch egal, wo man auch hinschaut, schrumpft der Wert schneller, als einem lieb ist und die versprochenen 50 Kilometer sind nur in der Theorie zu halten. Im hügeligen San Francisco bei sommerlichen Temperaturen jedenfalls, wo Bentley zur ersten Testfahrt gebeten hat, sind schon 30 Kilometer nur schwer zu schaffen.

Ist der Akku erst einmal leer, führt an der Ladesäule kein Weg vorbei. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Plug-In-Hybriden bietet Bentley kein Fahrprogramm, bei dem die Batterie mit der überschüssigen Leistung des Verbrenners geladen wird. Und allein mit Rekuperation kommen die 13 kWh so schnell nicht zusammen. Aber hey – wer sich einen Bentayga leisten kann, der hat keine Eile und macht gerne mal 2,5 Stunden Pause.

Oder er fährt eben mit dem Sechszylinder alleine – was allerdings nur bedingt ein Vergnügen ist. Denn so ordentlich der Motor seinen Job in anderen Konzern-Modellen macht, so wenig will er zum opulenten Bentley passen. Klar sind 340 PS und 450 Nm auch für mehr als zwei Tonnen SUV genug und die Fahrleistungen sind allemal ausreichend. Immerhin sprintet der Bentayga in 5,5 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht bei Vollgas 254 km/h. Doch wer den sonoren Sound und die Mühelosigkeit eines Zwölfzylinders mit bis zu 635 PS und 900 Nm gewohnt ist, der gibt sich nur ungern mit weniger zufrieden – selbst wenn die Nachbarn ob der klimatischen Verantwortung anerkennend nicken mögen. Und irgendwie wollen die 3,9 Sekunden und 306 km/h des gerade vorgestellten Bentayga Speed besser zu Bentley passen. Immerhin spart Bentley sonst nicht bei der Opulenz und bietet auch für den Bentayga alles, was gut und teuer ist – vom Mullinner-Leder über die 22-Zöller bis hin zu einer Breitling-Uhr mit Brillanten im Ziffernblatt.

Ja, der Plug-In-Hybrid passt in die Zeit und bringt Bentley auf den richtigen Weg, zumal in den nächsten fünf Jahren alle Modelle elektrifiziert werden und ein reines Akku-Auto kommen soll. Doch für den Wandel vom Saulus zum Paulus verkaufen die Briten zugleich ihre Seele. Denn ausgerechnet die Marke, die bislang in jeder Disziplin den Überfluss zelebriert hat und erst zufrieden war, wenn sie das schnellste Auto im Segment zu bieten hatte, setzt jetzt auf Vernunft und einen V6. So richtig Bentley wäre es gewesen, mindestens einen V8 oder besser gleich den W12-Motor mit der E-Maschine zusammen zu spannen und so einmal mehr ein einzigartiges Auto zu bauen.

Über den Erfolg des Teilzeitstromers wird sich die VW-Tochter trotzdem keine Gedanken machen müssen – ob die Kunden nun nennenswert elektrisch fahren oder nicht. Denn für den Hybriden gibt es noch einen ganz anderen Grund: Er ist das mit Abstand billigste Modell im Portfolio.