Elefant in Eile

Bentley Bentayga Speed

Er kam, sah und siegte – doch der Triumph war nur von kurzer Dauer. Denn kaum hatte Bentley den Bentayga als schnellstes SUV der Welt etabliert, hat den Briten ausgerechnet die Schwestermarke Lamborghini den Titel wieder streitig gemacht und mit dem Urus und seinen 305 km/h eine neue Bestmarke erzielt. Doch so etwas lassen die eiligen Engländer nicht lange auf sich sitzen und legen deshalb jetzt entsprechend nach: Wenn der Bentayga nach den Werksferien im Sommer auch als Speed ausgeliefert wird, rennt er nun bis zu 306 km/h schnell und ist damit wieder ganz offiziell das schnellste Serien-SUV der Welt.

Von Thomas Geiger

Den Weg zurück an die Spitze schafft das Nilpferd im Nerzmantel vor allem mit Hilfe der Elektroniker. Denn viel mehr als ein paar Software-Updates hat es nicht gebraucht, um dem sechs Liter großen W12-Motor 635 statt 608 PS zu entlocken und die Drehmomentkurve noch etwas fülliger zu gestalten. Sie gipfelt zwar weiterhin bei 900 Nm, was schließlich imposant genug ist. Doch weil sie früher und steiler ansteigt, beschleunigt der 2,5-Tonner jetzt noch etwas flotter und braucht nur 3,9 statt 4,1 Sekunden, bis Tempo 100 erreicht ist.

Zum stärkeren Motor gibt es auch ein neues Setup für das mit 48 Volt-Stellern ruhig gehaltene Fahrwerk, die Lenkung und die elektronischen Regelsysteme: Im Alltag ist und bleibt der Bentayga damit ein kommoder Cruiser, der die Insassen in Watte packt und auf Wolken bettet. Doch wer es wissen will, der wechselt ins Sportprogramm und spürt, wie sich unter dem feinen Zwirn die Muskeln spannen. Und zumindest mit ein bisschen Phantasie ist die Luftfederung dann tatsächlich ein bisschen strammer, man braucht ein wenig mehr Kraft am Steuer und das ESP ist nicht ganz so pingelig.

Derart konditioniert und von entsprechend Adrenalin aufgeputscht, treibt man den Bentayga so scharf über den Kurs, dass man an den Gesetzen der Physik zu zweifeln beginnt. Wenn der Elefant erst einmal in Eile ist, kennt er keine Gnade mehr und walzt überraschend linientreu seinem Ziel entgegen. Tapfer stemmt er sich beim Bremsen in den Boden, eng traut er sich in den Kurven an den Scheitelpunkt und wild stürmt er bei Vollgas am Kurvenausgang dem nächsten Abenteuer entgegen. Wer immer das Gesetz von der Trägheit der Masse aufgestellt hat, saß noch nie am Steuer eines Bentayga. Ganz egal ob Serie oder Speed. Und genau das ist ein bisschen das Problem.

Zwar dürften den Unterschied am Steuer nicht einmal Profis spüren und man muss schon ein professioneller Car-Spotter sein, wenn man den normalen Speed an seinen dezent modifizierten Anbauteilen und dem dezenten Heckflügel erkennen will. Doch keine Sorge, Bentley weiß, wie man den Unterschied erlebbar macht. Und das meint nicht das feine Alcantara-Leder, mit dem die Briten zum ersten Mal die komplette Kabine ausgekleidet haben. und auch nicht die etwas voluminösere Klangkulisse beim Beschleunigen. Sondern den Moment, in dem man wirklich merkt, dass man was Besonderes bekommt, erlebt man schon beim Bezahlen: Schließlich verlangt Bentley für die 27 PS stolze 20.000 Euro mehr und schreibt mindestens 235.000 Euro auf die Rechnung.