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Ford Focus ST Diesel: Die Grenze verschwimmt

Dass der Focus RS tot ist, hinterlässt in unseren Herzen selbstredend tiefe Furchen der Trauer. Doch ehrlich gesagt könnten ihn sich eh die wenigsten leisten, vor allem was die laufenden Kosten betrifft. Das gilt ebenso für den ST, der mit 280 PS immer noch gut bestückt ist. Doch wie wäre es mit einem Kompaktsportler, der wirklich was für die Masse ist? Hier kommt der Diesel ins Spiel – so eigenartig das klingt.

Denn den Ford Focus ST gibt es auch als Selbstzünder. Der kann mit den Leistungsdaten „herkömmlicher“ Benzinkompaktsportwagen zwar nicht mithalten, aber meldet mit seinen 190 Pferden doch einen gewissen Anspruch an. Der wird auch optisch unterstrichen, was in dieser Klasse sowieso die halbe Miete ist – sind wir uns doch ehrlich. Und das Totschlagargument bei diesem Wagen ist und bleibt, dass er Action (in Maßen) bietet, die man wirklich bezahlen kann. Sonst redet man oft von „leistbaren“ Kompaktsportlern, wo einem dann aber spätestens der Blick auf die Tankrechnungen oder diverse Abgaben die Tränen doch noch in die Augen treibt.

Beides auf einmal – volle Power und volles Börserl – gibt es für Normalverdiener schlicht nicht. Deshalb schrauben wir beim Focus ST Diesel Turnier (so heißen die Kombis bei den Amerikanern nun wieder) die Ansprüche an bedingungslose Gewalt ein wenig herunter und gehen das Experiment an, ob denn ein Selbstzünder wirklich sportlich sein kann. Ford müht sich jedenfalls aus ganzen Kräften, das entsprechende Feeling aufkommen zu lassen. Straffes Fahrwerk und eine göttlich-geschmeidige Schaltung gehören bei den Amerikanern zwar sowieso zum Standard, aber beim Diesel-ST gehen sie noch ein Stück weiter, damit wirklich keine Zweifel auftauchen. Deshalb klingt der Zweiliter-Vierzylinder trotz seines Namens (EcoBlue 190) verdammt grimmig.


Otto-Gekreische darf man sich nicht erwarten, ganz klar. Fans von V12-Motoren aus der goldenen Ära der Formel 1 beglückt der Selbstzünder wohl kaum. Doch die Ingenieure holen aus dem kraftvollen Aggregat ein dunkles Knurren heraus, das nicht nur satt im Ohr liegt, sondern auch mal willkommene Abwechslung in die Sache bringt. An dieser Stelle schieße ich gleich eine ganz persönliche, eventuell polarisierende Meinung nach: Im Alltag bereitet das grimmige Grollen sogar mehr Vergnügen als ein quäkender Viertopf-Turbobenziner, es wird vor allem nie lästig. Man kommt sich selbst gleich ein wenig gefährlicher vor ob der sonoren Klangkulisse.

Ford hat sich außerdem dazu entschieden, den Diesel fahrtechnisch so nah wie möglich an die Tugenden eines Benziners zu bringen. Das merkt man im Negativen, wenn bei sehr niedrigen Drehzahlen der Motor eher in die Knie geht als andere Selbstzünder, und im Positiven, wenn auch auf der Autobahn das Drehmoment von 400 Nm äußerst spontan am Gaspedal leckt. Das Fahrwerk ist auch dank der dicken 19-Zöller eindeutig auf der härteren Seite zuhause, aber keineswegs unangenehm. Langstreckenfahrten, von denen wir lockdownbedingt abgesehen haben, sind im Focus ST Diesel sicher keine Krux.

Die Kurven einer Landstraße schneidet auch dieser Focus ST sowieso wie einen saftigen Schokoladenkuchen, die Mischung aus Diesel-Laufruhe, Kraft und Sound entpuppt sich als geniales Rezept für einen Alltags-Kompaktsportler, der diesen Namen auch wirklich verdient. Und beim Verbrauch steht dann eben eine Sechs vorne. Was soll man dazu noch sagen? Hält man sich länger ausschließlich in der Stadt auf, taucht schon mal die Sieben auf und lässt man dann auch noch wirklich keinen Ampelstart aus, wird es mitunter auch mal die Acht. Alles lächerlich, wenn man es mit benzinbetriebenen Kompaktsportlern bei gleicher Fahrweise vergleicht.

Im Interieur darf man sich jetzt keine Prunkstücke des Automobildesigns erwarten, es ist vom cleveren Tempomaten bis hin zum gescheiten Infotainmenttouchscreen alles dabei, aber vieles wird halt einfach per Knopfdruck statt Wisch und Weg bedient. Hat jahrzehntelang bestens funktioniert, gelingt auch hier mühelos und vor allem ohne Einarbeitungszeit. Das Platzangebot spielt brav mit und punktet mit 233 Litern mehr Laderaum als beim Fünftürer, hinten logiert es sich ebenfalls bequem. Die Sportsitze von Recaro schmiegen sich fein an die Insassen an und umklammern einen auch ordentlich im Fall der Raserei. Hinzu kommen nette Extras wie ein Soundsystem von Bang & Olufsen und schon lebt es sich mehr als nur gut im Ford Focus ST Diesel.

Doch wie alles andere, hat die ganze Herrlichkeit ihren Preis. Der lautet in dem Fall 43.300 Euro. Da ist jetzt keiner erschrocken vom Sessel gefallen. Andere Kompaktsportler legen da noch ein paar Tausender drauf – mindestens. Ganz klar, der Diesel-ST kann mit dem guten alten RS oder auch dem aktuellen ST nicht mithalten, wenn es um Rasanz geht. Das gilt für andere Kompaktsportler dieser Leistungsklasse natürlich auch. Aber das haben wir ja auch nie behauptet. Doch in Zeiten, wo Sportwagen zunehmend durch SUV ersetzt werden, weil sie sich unterhalb der oberen 10.000 schlicht niemand mehr leisten kann, bietet Ford mit diesem Auto eine exzellente Alternative. Am Stammtisch schämen muss man sich mit dem ST Diesel garantiert nicht, und sportliche Fahrer kommen voll auf ihre Kosten. In jedem Sinne. Und die Grenze zwischen Benziner und Diesel verschwimmt hier ein wenig, was auf jeden Fall ein Kompliment sein soll.

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Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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