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Seat Leon ST TGI: Dauertesttagebuch #5

Der aktuelle Seat Leon steht vor seiner Ablöse – Ende Jänner wird die neue, vierte Generation enthüllt. Und weil unser Dauertester, der Seat Leon ST TGI nun doch schon einiges an Kilometer runtergespult hat, wissen wir genau, was wir uns vom Leon IV wünschen. Viel ist das allerdings nicht.

Text: Maximilian Barcelli

Denn wenn uns die letzten rund fünf Monate eins gelehrt haben: der aktuelle Seat Leon ist ein komplett ausgereiftes Auto. Das ändert sich auch dann nicht, wenn er unkonventionell angetrieben wird. Etwa mit einem 1,5 Liter großen Vierzylinder, dessen Brennräume nicht nur Benzin-, sondern auch CNG-verträglich sind. Es gab keinen Moment, in dem wir uns ein anderes Aggregat herbeigewünscht hätten und in dem wir ein solches als effizienter empfunden hätten – sowohl ökonomisch als auch ökologisch. Einzig in Polen lagen einmal die Nerven etwas blank, weil dort Erdgas so exotisch ist wie Schneefall in Äquatornähe.

Umso erfreulicher, dass auch die neue, vierte Generation des spanischen Kompakten mit ziemlicher Sicherheit wahlweise als TGI vorfährt. Der Motor wird wohl der gleiche bleiben, immerhin setzten auch die neuen Generationen von VW Golf und Skoda Octavia auf den 130 PS starken TGI. Was sicherlich kein Schaden ist: das Triebwerk wurde erst 2019 überarbeitet, ist sparsam und auch wenn es sicherlich kein Quell der Dynamik ist, so haben wir uns nur in seltenen Fällen untermotorisiert gefühlt.

Überzeugen konnte uns der Seat Leon ST TGI im Jahr 2019 auch punkto Design. Der Spanier ist schärfer gezeichnet als etwa Golf oder Octavia, schafft es allerdings dennoch, ein harmonisches Gesamtbild abzugeben. Kurzgesagt: Nie underdressed, nie overdressed, immer genau richtig. Von unserem Standpunkt aus ist eine Revolution des Leon-Designs also gar nicht notwendig. Und das, obwohl das Midlife-Facelift auch schon wieder fast eine halbe Dekade her ist. Was bereits bekannt ist über die Optik der vierten Generation: das ein Hauptaugenmerk auf dem Thema Licht lag; so ist ein durchgehendes Leuchtenband am Heck zu sehen. Und den Innenraum wertet neue Ambientebeleuchtung auf.

Die hat unser Leon, der in der Ausstattungslinie FR noch ein bisserl sportlicher aussieht, aber auch. Genauso wie ein Infotainmentsystem mit Navigation, Bluetooth-Verbindung und eine induktive Ladeschale. Und trotzdem: wenn wir uns etwas von der neuen Generation wünschen, dann ist das ein moderneres Interieur (und vielleicht eine fette Cupra-Version … ). Nicht, dass das der Innenraum unseres Dauertesters eingestaubt wäre, doch das Facelift ist wie erwähnt mittlerweile vier Jahre her. In dieser Zeit hat sich in Sachen Digitalisierung nun mal extrem viel getan, was auffällt. Für Freunde analoger Knöpfe und Schalter und für diejenigen, die fahrenden Computern negativ gesinnt sind, punktet der Leon dafür mit wohltuender Schlichtheit ohne auf die wichtigsten praktischen und digitalen Lösungen zu verzichten.

Nicht eingestaubt, aber auch nicht modern: dem Interieur wird der Generationenwechsel wohl am besten tun.

Abschließend bleibt zu sagen: Das Jahr 2019 brachte vor allem eine Erkenntnis mit sich: Erdgas-Antriebe sind ausgereift, freundlich zu Umwelt sowie Geldbörse und schränken die individuelle Mobilität in keiner Weise ein – anders als manch andere alternative Antriebe. Wir freuen uns jedenfalls auf das Jahr 2020 mit dem Seat Leon ST FR, sind gespannt, wie er sich bei etwaigen wintersportlichen Aktivitäten schlagen, auf welchen Reisen er uns begleiten und wie er den Alltag bereichern wird. Wie er das bis dato gemacht hat, lest ihr unter den folgenden Links:

Dauertesttagebuch #1
Dauertesttagebuch #2
Dauertesttagebuch #3
Dauertesttagebuch #4

Wie alltagstauglich ist der Seat Leon ST TGI?

Das Elektroauto lädt Stunden und kommt dann doch nur 300 Kilometer weit, Wasserstoff-Tankstellen sind ein selteneres Ereignis als die totale Sonnenfinsternis und mit Flüssiggas darfst du in keine Garagen – Fahrzeuge, die alternativ angetrieben werden, sind leider nur selten richtig alltagstauglich.

Text: Maximilian Barcelli

Klar, der Porsche Taycan-Besitzer wird sich damit arrangieren können, der hat ja auch einen Audi RS Q8 für Kind und Kegel sowie einen Lamborghini Huracán für alles andere vor der Einfahrt seiner Villa in feinster Wien-1190-Lage stehen. Aber Menschen wie Sie und ich? Also Menschen, die sich keine zwei Autos leisten können oder wollen? Die im Sommer auch Mal runter nach Istrien fahren und im Winter nach Zell am See – und das bevorzugt ohne Ruhepuls von 180, weil die nächste Ladesäule weiter weg ist als angenommen? Wir haben keine Wahl, Umwelt hin, Finanz her. Wir müssen auf Benzin respektive Diesel zurückgreifen.

Nö, nicht zwangsweise. Meint zumindest Seat und klatschte uns im August 2019 einen neuen Dauertestwagen vors Büro. Etwa drei Monate lang begleitet uns nun schon der Seat Leon ST TGI im Alltag und auch abseits dessen. Urlaub in Polen, Urlaub in Deutschland, das gleich zweimal (hier geht’s zur anderen Germany-Reise), und ganz, ganz viel Pendlerei, weil irgendwann muss ja auch gearbeitet werden. Meint zumindest der Chef. Ja, der schneeweiße Kombi hat schon richtig Kilometer gemacht. Höchste Zeit also, ein Zwischenfazit zu ziehen und die vielleicht wichtigste Frage zu klären: Wie lebt es sich mit einem Seat CNG-Modell? Ist ein solches alltagstauglich?

Bis vor etwa einem Jahr hätten wir gar keine Praxis gebraucht, um eine Antwort zu offerieren, da wäre ein Blick auf die technischen Daten ausreichend gewesen. Denn erst mit dem großen Facelift der gesamten CNG-Flotte von Seat – und das sind mit Arona, Ibiza, Leon und Leon ST immerhin vier Fahrzeuge – setzen die Spanier den Schwerpunkt auf Erdgas. Der im Vor-Facelift noch üppige Benzintank wurde zu einem neun Liter großen Nottank degradiert, die CNG-Tanks im Gegenzug auf ein Fassungsvermögen von über 17 Kilogramm vergrößert. Aber genug der Theorie.

Im ersten Dauertest-Quartal bewies der Seat Leon ST TGI, dass nicht alle alternativen Antriebe den Alltag einschränken. Von den etwa 15 Erdgas-Tankstellen in Wien ist schnell eine bevorzugte gefunden, die dann alle 400 Kilometer angepeilt wird. Kleines Rechenbeispiel: der österreichische Durchschnitts-Pendler fährt rund 35 Kilometer pro Tag. Wie lange also kann dieser ins Bergwerk pendeln bis er wieder tanken muss? Taschenrechner weg, ich sag’s ja schon: elf Arbeitstage lang. Und am elften beziehungsweise zwölften muss die Gattin oder der Gatte dann auch nicht über eine späte Rückkehr des Brotgebers respektive der Brotgeberin informiert werden. Denn keine zwei Stunden wie bei einem E-Auto, sondern zwei Minuten und schon ist der Seat Leon ST TGI wieder fit für die nächsten 400 Kilometer.

Nach nur zwei Minuten wieder fit für die nächsten 400 Kilometer.

Die CNG-Tankstellen-Infrastruktur ist aber nicht nur in Wien bestens ausgebaut, sondern in ganz Österreich. Und in Tschechien. Und in Deutschland. Und der Schweiz, Belgien, … nur in Polen, da haperts ein bisserl. Das großflächige Land verfügt über lediglich rund 20 Tankstellen, die meisten davon konzentriert im Süden oder Norden. Mit akribischer Planung und dort dann manchmal einem etwas erhöhten Ruhepuls klappt’s aber auch in einem Land wie Polen.

Mit der akribischen Planung sind wir auch bei der einzigen „Einschränkung“ angekommen, die wir in den ersten Monaten feststellen konnten. Denn einfach reinsetzen und los düsen ist nicht immer. Zumindest unbekannte, längere Strecken erfordern eine Vorrecherche. Da gehen halt ein paar Minuten drauf. Aber die sind spätestens an der nächsten CNG-Tankstelle wieder vergessen, wenn man weitere 400 Kilometer Reichweite für läppische 15 Euro nachtankt. Zeit ist eben Geld. Meint zumindest Seat. Und der Chef.

Seat Leon ST TGI: Dauertesttagebucheintrag #1

Erste Reise im neuen Dauertest-Leon TGI. Es geht nach Polen. Die Befürchtungen eines Autodiebstahles halten sich in Grenzen, man ist ja heutzutage weltoffen und hat keine Vorurteile. Gänzlich angstbefreit geht’s trotzdem nicht in den Urlaub. Das hat aber andere Gründe.

Text: Maximilian Barcelli

Denn Polen ist ein großes Land, fast viermal so groß wie Österreich. Zwar verfügt der Staat über ein Gastankstellennetz, das dem der konventionellen Kraftstoffe in nichts nachsteht, leider handelt es sich dabei um das falsche Gas. Flüssiggas, kurz LPG (das Gas, das ungern in Garagen gesehen wird …), ist der Hit dort. CNG hingegen … nun ja. Das Erdgas-Tankstellennetz ist in Polen etwa so gut ausgebaut wie der öffentliche Verkehr in der nordsibirischen 300 Seelen-Fischersiedlung Ust-Port. Gut, nach Krakau sind es eh nur 464 Kilometer, was bei einem Tankvolumen von 17,3 Kilogramm und einem offiziellen Verbrauch von 3,6 Kilogramm CNG pro 100 Kilometer sogar ohne Tankstopp möglich sein sollte. Müsste es aber gar nicht, die Route führt nämlich durch das gelobte Erdgas-Land Tschechien. Von Wien nach, sagen wir einmal, so ganz zufällig ausgewählt; Sopot sind es hingegen schon satte 911 Kilometer (ja, der Link führt zu einem 911er-Testbericht). Witzigerweise ging es nach Sopot. Unteranderem zumindest.

Der Ort an der Ostsee, der ein bisserl so das Lignano von Polen ist, nur mit weniger besoffenen Österreichern und mehr besoffenen Polen, bildet zusammen mit Danzig und Gdynia den Ballungsraum „Dreistadt“. Passend dazu existieren auch exakt drei CNG-Tankstellen dort oben. Nicht besonders viel, aber genug, um sich in Sicherheit zu wähnen. Das größere Problem war eigentlich: Wie überhaupt nach Sopot kommen?

Zwar tankst du CNG schneller und somit komfortabler als Strom, trotzdem haben die beiden alternativen Antriebe etwas gemein – und zwar die notwendige Recherche vor der Fahrt. Die war ernüchternd. Nur 25 öffentliche und geöffnete Tankstellen zählt das polnische CNG-Netz aktuell laut CNG-stations.net. Zum Vergleich: Österreich wartet mit mehr als 170 auf. Auf mehr oder weniger direktem Weg nach Sopot mit Zwischenstopp in Łódź gibt es genau drei CNG-Tankstellen. Eine westlich von Katowice, eine in Toruń, eine in Hohensalza. Die in Katowice offeriert Erdgas nur von Montag bis Freitag. Wir fuhren am Samstag.

Die erste Etappe: Wien- Łódź. (c)Google 

Bedeutete: Das letzte Mal Erdgas tanken in Tschechien, so nah an der polnischen Grenze wie nur möglich. Dann nach Łódź, dort nächtigen, bevor es dann etwas brenzlig werden könnte. Die zwei CNG-Tankstellen liegen zirka auf der geplanten Direttissima von Łódź nach Sopot. Eine davon hat nur Montag bis Samstag geöffnet. Wir fuhren natürlich am Sonntag. Die war aber sowieso nicht die optimale, weil Hohensalza rund 60 Kilometer von der Autobahn entfernt liegt. Toruń also. Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus, dem Typ mit dem heliozentrischen Weltbild. Soll schön sein, sich also bestens für eine längere Kaffeepause eignen. Why not? Distanz zwischen der Tankstelle in Tschechien und Toruń: 450 Kilometer. Hart am Limit. Und von Toruń nach Sopot sind’s ja dann auch noch 200 Kilometer. 

Mit dem erlernten Wissen und der Angst, für läppische 200 Kilometer dreimal Benzin tanken zu müssen, weil die Station in Toruń geschlossen sein könnte und der Seat Leon ST TGI nur über einen Benzin-Nottank von neun Litern verfügt, ging’s dann los. Wieso sie nicht offen haben sollte? Nun, die Google-Bewertungen waren kryptisch. Die Realität noch kryptischer. Aber der Reihe nach.

Neun Tage, vier Personen – da kommt schon einiges an Gepäck zusammen. Zwar offeriert der TGI 105 Liter weniger Kofferraumvolumen als ein Leon ST mit konventionellem Antrieb, der erste Praxistest aber zeigt: Auch die 482 Liter des TGI sind absolut ausreichend für vier Passagiere – selbst wenn es mehr als eine Woche in den Urlaub geht und die Wetterprognosen von kurze Hose bis Winterjacke reichen. Der Gepäckraum war gut befüllt, viel hätte nicht mehr reingepasst, auf den Mittelplatz der Rückbank oder dergleichen musste aber nicht ausgewichen werden.

Ist sich alles sauber ausgegangen. Einen vierten Koffer gab’s auch noch, der fehlt auf diesem Bild aber.

Die ersten Kilometer zur österreichisch-tschechischen Grenze baten wenige Überraschungen seitens des Seat: Dass sich ein Erdgas-Auto so selbstverständlich fährt, wie ein Benziner, wissen wir schon aus diversen Tests. Und auch punkto offiziellen Verbrauchsangaben hält es so ein CNG betriebenes Auto ähnlich wie ein Benziner oder Diesel – nämlich äußerst unrealistisch. Die Reichweitenanzeige sank unverhältnismäßig stark, der Blutdruck tat gegenteiliges. Egal, die Sorgen lassen sich auch auf morgen verschieben. Nach Łódź, wo Nachtpause angesagt war, schafft man’s alle mal. Das ergab ja die Vorrecherche.

Vielleicht hat mich dieses Sicherheitsgefühl gepaart mit dem Wunsch, die erste Etappe möglichst schnell hinter mich zu bringen, auch dazu verleitet, nicht besonders ökonomisch zu fahren. Anstatt auf der Autobahn im Verkehr mit zu schwimmen wurde überholt, abgebremst, beschleunigt, wieder überholt, und so weiter. Wäre ja bis zur ersten Tankstation egal gewesen, aber dann halt nimmer. Auf der Autobahn jedenfalls gibt der Seat Leon ST TGI eine bessere Figur ab, als die 130 PS und zehn Sekunden von 0 auf 100 km/h vermuten hätten lassen. Auch bei höherem Tempo zieht er sauber an, klingt dann zwar ein bisserl angestrengt, aber überzeugt im Großen und Ganzen.

Kilometer über Kilometer flogen wir von der tschechischen Grenze gen Polen. Anfangs ein kleines Landstraßen-Intermezzo, dann weiter via Autobahn an Brünn vorbei. Das Navigationssystem dirigierte uns zu einer tschechischen Tankstelle nahe Ostrau. Dort dann, nach mehr als 300 Kilometern: Futter. Für Mensch und Maschine. Wobei das Futter für den Mensch fast teurer war. Dafür aber auch unkomplizierter. Einverstanden, Erdgas tanken ist keine Hexerei. Wenn man mit dem Vorgang aber noch nicht ganz auf Du und Du ist, kann es sein, dass man sich die ersten Male ein bisserl spielen muss – wie bei so vielen anderen ersten Malen auch. Insbesondere wenn der Ablauf an der Säule nur in bestem Tschechisch beschrieben wird. Erdgas tanken ist übrigens auch sicherer als Benzin oder Diesel tanken, weil das Gas erst dann abgegeben wird, wenn Zapfkupplung und Stutzen fix miteinander verankert und verriegelt sind.

Futter für Mensch und Maschine. Hier: Für Maschine.

Der Tankvorgang selbst dauert nur unwesentlich länger als sonst, vielleicht sind’s bei völlig leerem Tank rund zwei Minuten. Meiner war (auch, weil er vor der Abfahrt nicht ganz voll war) fast leer. 15,57 Kilogramm feinstes komprimiertes Erdgas verspeiste unser Dauertester – die Preisanzeige pendelte sich bei 428,18 ein. Schock. Dann Erkenntnis. Die Tschechen und ihre Kronen. In Euro machte die erste Betankung nicht einmal 17 Euro aus. Mehr als 350 Kilometer gefahren, keinen davon ökonomisch bedacht, und das für keine 17 Euro?!

Der vergleichbare Benziner-Leon verbraucht offiziell(!) 5,5 bis 6,1 Liter pro 100 Kilometer. Wir gehen jetzt vom größeren Wert aus, weil auch nur der mit federleichtem Gasfuß erreichbar ist, wenn überhaupt. Also: 6,1 Liter pro 100 Kilometer, heißt für 350 Kilometer ein Verbrauch von über 21 Litern Super. Das multiplizieren wir nun mit dem (österreichischen) Durchschnittspreis für einen Liter Super im August und erhalten zirka 26 Euro und 60 Cent. Na bumm! Innerhalb der ersten Etappe schon einen Zehner gespart, einfach so.

Dementsprechend gut gelaunt ging es dann von der tschechisch-polnischen Grenze weiter Richtung Łódź. Die Autobahn A1, die auch schneller und somit verbrauchsintensiver als sonst befahren werden kann, weil in Polen Tempolimit 140 gilt, verließen wir in Tschenstochau – zwangsweise, da der Rest typisch Osten noch nicht fertiggestellt ist – und stauten uns durch die City, weil Demonstranten, die sich später als Pilger zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau rausstellten, die Straßen blockierten.

Nach dem ineffizienten Stop p and Go stand mehrspurige Landstraße an, wo das Tempolimit von 80 km/h gottlob nur eine Empfehlung ist, wie die Einheimischen genau wussten und deshalb mit 150 Sachen plus an mir vorbei bretterten. Brettern im wahrsten Sinne des Wortes, denn was die Straßenqualität angeht, ist Polen von Diversitäten geprägt. Auf der einen Seite neue, bestens asphaltierte Autobahnen, auf der anderen Seite Schlaglöcher, die mehr so ganze Gräben sind. Obwohl in der FR-Ausstattung mit knackigerem Fahrwerk gesegnet, bietet der Leon auch auf schlechten Straßen mehr als genug Komfort.

Sieht aus wie in Amerika, ist aber in Polen. Und zwar in Łódź, das man nicht Lodsch, sondern Wudsch ausspricht.

Macht aber nix, der Nottank war eh voll und unseren füllten wir gerade mit viel zu herrlich schmeckendem Bier auf, als dass man sich in Sorgen verirren hätte können. Und wenn man bewusster fährt, dann würden sich bestimmt mehr als nur 110 Kilometer ausgehen. Gingen sich auch – erst bei rund 40 Kilometer vor Toruń verabschiedete sich das Erdgas und der Leon fuhr mit Benzin weiter. Übrigens ein unmerkbarer Vorgang, dieser Switch. Tempomat auf 120 km/h und so wenig Bremsen und somit Beschleunigen wie möglich war nun sicherheitshalber angesagt.

Was natürlich eine enorme Wirkung hat. 110 Kilometer hätten wir laut Seat-Bordcomputer mit dem vorhandenen Benzin kommen sollen. Nach 20 Kilometern: immer noch 110. Nach 30 auch noch. Zusätzlich verschwand kein einziges Achtel der Tankinhalt-Anzeige. War sie kaputt? Schon fast 40 Kilometer mit dem neun Liter Tank hinter uns gebracht und quasi nix verbraucht? Unmöglich, die Tankanzeige muss kaputt sein. Und wenn dem so sein sollte … war der Tank dann überhaupt voll? Panik. Ohne Sprit mitten in Polen auslaufen – darauf hatte ich echt nicht so Bock. Also schnell zur nächsten Tankstelle, die bereits in Toruń lag. Oh Mann, war ich gespannt darauf, wie viel Benzin der Seat schlucken würde und wie knapp wir uns noch zur Tankstelle gerettet haben. Im Enddeffekt gingen sich fast zwei ganze Liter aus. War ein bisserl peinlich beim Zahlen.

Ja, ja; was bewusst ökonomisch fahren (und natürlich die Tatsache, dass mehr als neun Liter in den Nottank passen, weil allein der Stutzen sicherlich noch einen fasst) bewirken kann. Gelassen kamen wir dann an der ursprünglich angepeilten „Tankstelle“ in Toruń an. Soll heißen: Einem Busparkplatz in Hinterhofstyle, auf dem eine einzige CNG-Zapfsäule steht. Auf der wiederum hängt provisorisch ein A4-Zettel, der vermutlich gar nicht so provisorisch ist, mit einer Telefonnummer oben. Anrufen, CNG ins Smartphone brüllen und nach ein, zwei Minuten kommt ein Pole im Blaumann mit dem Fahrrad angebraust. Weil der Pole so gut Englisch sprach, wie ich Polnisch, blieb die Plauderei leider aus, aber er wusste, was ich will, nämlich Erdgas, und ich wusste, was er will, nämlich Geld. Aber natürlich nicht viel Geld, für 23 Kubikmeter (die gängige Messeinheit für Erdgas in Polen), was klarerweise einmal volltanken ist, wurden 87 Zloty fällig, also rund 20 Euro. 20 Euro für 400 Kilometer – irre!

Die CNG-Station in Toruń .

Der Benzin-Leon hätte etwa 30 Euro geschluckt. Und bitte bedenken: Wir messen hier mit zweierlei Maß – nämlich einmal mit dem offiziellen, einmal mit dem Realverbrauch. Nach der Kaffeepause im tatsächlich hübschen Toruń und kurzer Besichtigung des Kopernikus-Geburtshauses stand die vorübergehend letzte Etappe an. Ohne Probleme, ohne Reichweitenangst; herrlich. Programmpunkt für die nächsten Tage: Strand, Strand, Danzig, die größten Wanderdünen Europas und einmal tanken, um zu diese zu gelangen. Wieder befand sich die Säule auf einem Busparkplatz. Kleines Upgrade: Das Personal musste nicht angerufen werden, sondern war in Sichtweite. Den Seat Leon ST TGI gar selbst füttern war aber auch hier Fehlanzeige.

Nach teils entschleunigenden, teils beschleunigenden Tagen in Sopot und Umgebung (bye the way: Danzig, absolute Empfehlung) trat die Reisegruppe die vorletzte Etappe an: Sopot-Krakau – natürlich mit Zwischenstopp in Toruń, um den CNG-Haushalt wieder auf Vordermann zu bringen. Die nervliche Anspannung bei der Rückfahrt blieb aus, in Krakau und Umgebung ist man CNG-mäßig safe und mittlerweile wussten wir, wie der Erdgas-Hase läuft. In Polen nämlich wie ein angeschossener Hase, aber immerhin einer, der noch laufen kann.

Fazit der ersten großen Reise mit unserem neuen Dauertester? Nachher ist man immer schlauer, keine Befürchtung bewahrheitete sich und die zuvor verlorengegangenen Nerven wären echt nicht nötig gewesen. Selbst in einem Land mit dürftig ausgebautem CNG-Netz schränkte uns der Erdgasbetrieb nur geringfügig ein. Einverstanden, ein bisserl zeitintensiver war’s schon. Die Recherche vor dem Startschuss, dann die Abstecher zu den Erdgas-Tankstationen, die sich ja nicht direkt an der Route befanden. Aber mehr als ein, zwei Stunden haben sich im gesamten Urlaub daraus nicht ergeben.

Die Tschechen sind auf Du und Du mit Erdgas. Dort darf man sogar selber tanken …

Insgesamt fielen Tankkosten von knapp über 100 Euro (exklusive den paar Euronen für die fast zwei Liter Benzin) für eine Strecke von 2273 Kilometern an. Pi mal Daumen haben wir uns also rund 70 Euro gespart – für schlimmstenfalls zwei Stunden Aufwand. Und es sei noch einmal erwähnt: Wir rechnen bei CNG mit dem Realverbrauch, bei Benzin mit dem offiziellen (6,1 Liter/100 Kilometer). Echt beeindruckend! Jedenfalls: Ende gut, alles gut. Notiz an mich selbst für die nächste Reise: Lockerer angehen. Der Seat Leon ST TGI bringt mich schon ans Ziel.

Vorhang auf für unseren neuen Dauertester: Seat Leon ST TGI

Dauertest-Neuzugang bei Motorblock.at. Ein Jahr lang wird uns der Seat Leon ST im Alltag und fernab dessen begleiten. Besonders spannend, speziell bei der langen Testdauer: Unser Leon ST ist ein TGI, also ein (unteranderem) erdgasbetriebenes Auto.

Text: Maximilian Barcelli

Jetzt drücken sich uns natürlich viele Fragen auf: Kommen wir mit dem neuen Dauertester überall dorthin, wo wir wollen? Also Deutschland, Kroatien, Polen oder wenn’s sein muss auch nach Spanien? Werden wir beim Tanken Geld sparen – und wenn ja, wie viel? Schränkt uns die Antriebsart in irgendeiner Form ein? Gibt es genug Gasstationen hierzulande? Kurzum: Wie lebt es sich mit einem Erdgas-Auto? Alldem wollen wir in den nächsten zwölf Monaten auf den Grund gehen – und wenn Sie möchten, können Sie uns dabei begleiten.

Selbstverständlich ist es nicht so, dass wir bei Motorblock noch nie ein CNG-Modell bewegt hätten. Haben wir. Haben wir oft. Wir wissen also, dass sich ein Erdgas-Auto nur unwesentlich anders anfühlt, als ein Benziner. Allerdings ist die Alltagstauglichkeit nur schwer zu beurteilen, wenn ein Ibiza TGI nur zwei Wochen verfügbar ist und man sowieso kaum über die Reichweite des Erdgas-Tanks hinausfährt. Oder wenn man zu einer Fahrzeug-Präsentation eingeladen ist und die Modelle nur einige Stunden fährt. Deshalb: Dauertest. Und weil man innerhalb eines Jahres doch mal was Großes transportieren muss oder mit Kind und Kegel in den Urlaub fährt, darf’s auch gleich der Kombi sein.

Der misst mit 4,548 Metern Länge rund 27 Zentimeter mehr als der 5-Türer (den es übrigens auch als TGI gibt) und offeriert dementsprechend mehr Kofferraumvolumen: Mit 482 Litern bei aufgeklappter Rückbank sollte uns kein Familienurlaub so schnell ins Schwitzen bringen. Und wenn doch: Die Zweizonen-Klimaautomatik bietet Abhilfe. Die ist bei der FR-Ausstattungslinie serienmäßig mit an Bord – wie beispielsweise auch die Ambientenbeleuchtung. Unser Leon ST FR TGI-Hybrid DSG ist bei 28.405,66 Euro dotiert, die Sonderausstattung hebt den Preis auf knapp über 30.000 Euro. Dafür dürfen wir uns im nächsten Jahr am adaptiven Tempomaten erfreuen, unser Smartphone induktiv laden und optisch gibt der Leon ST dank Metallic-Lackierung in „Nevada-Weiß“ und 18-Zöllern auch was her.

Im Vordergrund unseres Dauertests steht aber natürlich der Antrieb. Seit dem großen TGI-Facelift verfolgt Seat eine neue, radikalere Strategie. Der Benzintank wurde auf ein Minimum reduziert. Nur neun Liter Super passen in diesen. Dafür bleibt mehr Platz für die CNG-Tanks. Insgesamt drei gibt es derweilen im Leon ST, zusammen fassen sie zirka 17,3 Kilogramm komprimiertes Erdgas. Bedeutet bei einem WLTP-Normverbrauch von 3,6 Kilogramm im Umkehrschluss, dass rund 480 Kilometer Reichweite drin sein sollten. Wien-Innsbruck müsste sich also ausgehen. Ohne Nachtanken und ohne Benzin aus dem Nottank anzuzapfen. Theoretisch, jedenfalls. Wie’s praktisch aussieht, werden wir bald wissen.

Neu beim Leon TGI ist nicht nur die Prioritätensetzung zum Erdgas hin, auch der Motor ist größer und  stärker geworden: Waren im alten 1,4-Liter-Vierzylinder noch 110 PS für den Vortrieb verantwortlich, schöpft das 1,5-Liter-Triebwerk nun schon 130. Gekoppelt ist dieses an ein manuelles 6-Gang-Getriebe oder – wie in unserem Fall – ein 7-Gang-DSG. Die Kraft bringen die Vorderräder auf die Straße.

Mit Automatik sprintet der Seat Leon ST TGI in exakt zehn Sekunden von 0 auf 100 km/h, Schluss ist bei Tempo 206. Wichtig für Kollege Stantejsky, den es aufgrund der Schwiegerfamilie häufig auf die tempolimitlosen Autobahnen unseres nördlichen Nachbars verschlägt. Mit etwas über 1,3 Tonnen wiegt er zwar rund 100 Kilogramm mehr als der vergleichbare Benziner, ist aber trotzdem kein Schwergewicht. Der Radstand beträgt rund 2,6 Meter. Noch Fragen? Also gut, dann kann es ja losgehen!