Wie alltagstauglich ist der Seat Leon ST TGI?

Das Elektroauto lädt Stunden und kommt dann doch nur 300 Kilometer weit, Wasserstoff-Tankstellen sind ein selteneres Ereignis als die totale Sonnenfinsternis und mit Flüssiggas darfst du in keine Garagen – Fahrzeuge, die alternativ angetrieben werden, sind leider nur selten richtig alltagstauglich.

Text: Maximilian Barcelli

Klar, der Porsche Taycan-Besitzer wird sich damit arrangieren können, der hat ja auch einen Audi RS Q8 für Kind und Kegel sowie einen Lamborghini Huracán für alles andere vor der Einfahrt seiner Villa in feinster Wien-1190-Lage stehen. Aber Menschen wie Sie und ich? Also Menschen, die sich keine zwei Autos leisten können oder wollen? Die im Sommer auch Mal runter nach Istrien fahren und im Winter nach Zell am See – und das bevorzugt ohne Ruhepuls von 180, weil die nächste Ladesäule weiter weg ist als angenommen? Wir haben keine Wahl, Umwelt hin, Finanz her. Wir müssen auf Benzin respektive Diesel zurückgreifen.

Nö, nicht zwangsweise. Meint zumindest Seat und klatschte uns im August 2019 einen neuen Dauertestwagen vors Büro. Etwa drei Monate lang begleitet uns nun schon der Seat Leon ST TGI im Alltag und auch abseits dessen. Urlaub in Polen, Urlaub in Deutschland, das gleich zweimal (hier geht’s zur anderen Germany-Reise), und ganz, ganz viel Pendlerei, weil irgendwann muss ja auch gearbeitet werden. Meint zumindest der Chef. Ja, der schneeweiße Kombi hat schon richtig Kilometer gemacht. Höchste Zeit also, ein Zwischenfazit zu ziehen und die vielleicht wichtigste Frage zu klären: Wie lebt es sich mit einem Seat CNG-Modell? Ist ein solches alltagstauglich?

Bis vor etwa einem Jahr hätten wir gar keine Praxis gebraucht, um eine Antwort zu offerieren, da wäre ein Blick auf die technischen Daten ausreichend gewesen. Denn erst mit dem großen Facelift der gesamten CNG-Flotte von Seat – und das sind mit Arona, Ibiza, Leon und Leon ST immerhin vier Fahrzeuge – setzen die Spanier den Schwerpunkt auf Erdgas. Der im Vor-Facelift noch üppige Benzintank wurde zu einem neun Liter großen Nottank degradiert, die CNG-Tanks im Gegenzug auf ein Fassungsvermögen von über 17 Kilogramm vergrößert. Aber genug der Theorie.

Im ersten Dauertest-Quartal bewies der Seat Leon ST TGI, dass nicht alle alternativen Antriebe den Alltag einschränken. Von den etwa 15 Erdgas-Tankstellen in Wien ist schnell eine bevorzugte gefunden, die dann alle 400 Kilometer angepeilt wird. Kleines Rechenbeispiel: der österreichische Durchschnitts-Pendler fährt rund 35 Kilometer pro Tag. Wie lange also kann dieser ins Bergwerk pendeln bis er wieder tanken muss? Taschenrechner weg, ich sag’s ja schon: elf Arbeitstage lang. Und am elften beziehungsweise zwölften muss die Gattin oder der Gatte dann auch nicht über eine späte Rückkehr des Brotgebers respektive der Brotgeberin informiert werden. Denn keine zwei Stunden wie bei einem E-Auto, sondern zwei Minuten und schon ist der Seat Leon ST TGI wieder fit für die nächsten 400 Kilometer.

Nach nur zwei Minuten wieder fit für die nächsten 400 Kilometer.

Die CNG-Tankstellen-Infrastruktur ist aber nicht nur in Wien bestens ausgebaut, sondern in ganz Österreich. Und in Tschechien. Und in Deutschland. Und der Schweiz, Belgien, … nur in Polen, da haperts ein bisserl. Das großflächige Land verfügt über lediglich rund 20 Tankstellen, die meisten davon konzentriert im Süden oder Norden. Mit akribischer Planung und dort dann manchmal einem etwas erhöhten Ruhepuls klappt’s aber auch in einem Land wie Polen.

Mit der akribischen Planung sind wir auch bei der einzigen „Einschränkung“ angekommen, die wir in den ersten Monaten feststellen konnten. Denn einfach reinsetzen und los düsen ist nicht immer. Zumindest unbekannte, längere Strecken erfordern eine Vorrecherche. Da gehen halt ein paar Minuten drauf. Aber die sind spätestens an der nächsten CNG-Tankstelle wieder vergessen, wenn man weitere 400 Kilometer Reichweite für läppische 15 Euro nachtankt. Zeit ist eben Geld. Meint zumindest Seat. Und der Chef.