Sommer, Sonne Urlaubszeit. Der Klassiker in den heißesten Monaten des Jahres: Urlaub in Italien. Am Strand. Wie sterbenslangweilig. Ein Ultimatum muss her, liebe Eltern. Wenn ihr faul in Überresten der Evolution im Sonnenschein herumliegen wollt, gut. Aber für die jungen Autofans in der Familie muss es auch einen Programmpunkt geben. Bitte!

Text und Bilder: Florian Blum

Gebongt! Nach einer langen Fahrt mit einigen zermürbenden Geschwindigkeitsüberschreitungen erreichten wir das verschlafene Städtchen Sant‘ Agata Bolognese – ihr wisst es natürlich – die Geburtsstätte von Sportwagen der Marke Lamborghini. Schon von einigen hundert Metern Entfernung konnte man ein geschätztes 10 Meter hohes Wappen, in welchem ein goldener Bulle in aggressiver Pose thronte, erkennen. Die Vorfreude steigt, der Zeigefinger der den Auslöser am Fotoapparat bedienen wird, zuckt bereits nervös. Es scheint als solle jeder wissen, dass er auf dem Wege ist den heiligen Boden, auf welchem donnergrollenden V10 und V12 Motoren zum ersten Mal Leben eingehaucht wird, zu betreten.

Schroffer Empfang

Die Produktionshallen der Sportwagenschmiede rückten immer näher, einen herzlicher Empfang wie in den Besucherzentren der Museen anderer mit einer beschilderten Parkmöglichkeit hat die Sportwagenschmiede jedoch nicht zu bieten. Letztendlich wurde man direkt vorm Eingang mit einem schroffen „parking outside!“ begrüßt. Nachdem sich der gut versteckte Sonderparkplatz für geduldete Gäste eine gefühlte Ewigkeit später auffinden ließ, konnten wir uns endlich dem Hauptinhalt unseres Ausflugs in die Region Emilia-Romagna widmen, dem Besuch des „museo Lamborghini“. Die Vorfreude konnte selbst der Stimmungsdämpfer des Bittstellertums nicht bremsen – so viele legendäre Autos an so einem traditionsreichen Ort stehen uns bevor. Grantige Italiener schaffens nicht, uns das zu vermiesen.

Vor dem Eingang zum Museum mittlerweile: eine Menschentraube. Aufgesperrt wird schließlich nach der Uhrzeit. Das autogeile Fußvolk kann ruhig noch ein paar Momente erwarten, sich am derzeit potentesten Fabrikat der Lamborghini-Ingenieure und brandaktuellen Star der Ausstellung, dem Lamborghini Aventador LP 750-4 Superveloce zu erfreuen. Ein Auto, das man nicht unbedingt als unauffällig charakterisieren kann. Karbon wohin das Auge reicht. Aerodynamikverbesserungen, die den Bullen für die Rennstrecke bereit machen sollen. Und dann noch in einem Farbton lackiert, der aufmerksamkeitsgeil ist wie kein anderer, Rosso Bia – bald live und in Farbe bewunderbar. Juhuu!

Jetzt sehe ich die weite der Wüste vor mir, doch begreifen kann ich die Distanzen nicht. Es fühlt sich trotz der festgezurrten H-Gurte, dem engen Schalensitz und dem heißen Rennoverall plötzlich nach purer, grenzenloser Freiheit an.

Einige Stars schmerzlich vermisst

Als dann gnädigerweise die Türen geöffnet wurden und wir im Museum standen, überschwappten uns durch schneidig geformtes Blech herbeigeführte Hochgefühle. Durch den Kopf schwirrt: „Endlich angekommen, wir sind da, alle automobilen Meisterwerke einer Sportwagenfirma mit ruhmreicher Geschichte an einem Ort vereint, atemberaubend.“ Im zweiten Moment fiel jedoch auf, dass Lamborghini in etwas mehr als 50 Jahren Firmenhistorie wohl schon um einige Modelle mehr produziert hatte, als den Besuchern hier präsentiert. Wichtige Meilensteine, wie z.B. ein Lamborghini 350 GT, wurden dezent unter den Tisch gekehrt. Haben die wirklich nur so wenige Ausstellungsstücke?

Stattdessen hatte man immerhin im Erdgeschoss genug Platz seine Füße neben einem Lamborghini Miura SV oder Islero auszustrecken, wozu im ersten Stock weniger Platz dazu war. Ich kam mir ein paar Jahre in meine Kindheit zurückversetzt vor – die vielen Automobil-Konzepte wirkten auf mich wie eine überdimensionale Hot-Wheels-Sammlung. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber auffallend oft war im Steckbrief eines Fahrzeuges zu lesen, dass es sich um ein „Concept“ handelte.

Da geht noch was, liebes Lamborghini Museum!

Neben den inflationär vorkommenden Studien, auch auf geringe Stückzahlen limitierte Fahrzeuge zu bewundern. Stolz werden auch Formelwägen aus dem Jahr 1992 präsentiert. Nach in verhältnismäßig größerer Stückzahl produzierten Autos – ohne das Kürzel SV oder als Sonderedition für die Polizei – hält man jedoch leider vergeblich Ausschau. Man fühlte sich mehr als ein kleines Etwas in einer Abstellkammer voll teurer Sportwägen, deren Motoren nie wieder euphorische Jubelrufe von sich geben werden, als wie ein geschätzter Besucher, der herzlich dazu eingeladeb ist in die Welt einer glorreichen Automobilfirma einzutauchen. Bei aller Begeisterung über die vorhandenen Schmuckstücke: eigentlich schade. Daraus kann man mehr machen, Lamborghini!

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