• versuch in klassik

    Hat der DS 5 das Zeug zum Klassiker? Ein Beitrag aus unserer Reihe „Kunstgeschichtliche Streitgespräche“.

Wie ein Klassiker entsteht, löst in der Fachwelt gelehrte Debatten in der Intensität von Hooligan-Prügeleien aus – freilich mit feiner Rhetorik anstelle von Fahrradketten und Baseballschlägern. Da tun wir mit, dachten wir uns angesichts des DS 5.

Text: Bernhard Katzinger / Fotos: Eryk Kepski

Wieso hört man eigentlich nix mehr von Antonio Salieri, während Moz… äh, Beethovens Mondscheinsonate alle Naselang aus den Smartphones in der U-Bahn dröhnt? Tja, solche Fragen ernähren Generationen von Kunsthistorikern. Da meinen manche, dass für die Ergebnisse solcher Debatten keine praktischen Anwendungen existieren. Andere schimpfen die Kunstgeschichte gar ein Orchideenfach.

In your face, Banausen! Hier eine praktische Anwendung der Klassikforschung in Form einer schnittigen Hypothese: Wenn sich die noch recht frische Citroen-Nobelmarke DS anschickt, die Legende der alten Citroen DS-Modelle wiederzubeleben, dann kann das gar furchtbar in die Lingerie gehen.

Weil, wie wir Kunstkenner erhobenen Zeigefingers postulieren: Einen Klassiker entwickelt man nicht. Ein Klassiker ist definiert als etwas Erstrangiges, Überragendes und nicht zuletzt etwas Zeitloses. Und ob ein Werk zum Klassiker wird, bei dieser Entscheidung hat auch Kommissar Zufall seine Finger im Spiel.

Der Zufall? Nein! Doch!!! Denn wenn man es geschickt anstellt, trifft man eventuell den Geschmack der Gegenwart – oder der Vergangenheit – mit gewisser Sicherheit. Aber die Geschmäcker der Zukunft zu treffen, ist nun einmal eine Lotterie.

Die Herren von DS haben sich mit dem DS5 für diese Lotterie ein Ticket gekauft. So trifft die Orchideenwissenschaft der Kunstgeschichte glücklich zusammen mit der knallharten echten Welt des Automobilbaus.

Panoramadachquote 0,6

Die Erbauer des DS 5 folgten scheinbar der güldenen Regel: Nur nichts falsch machen, also so wie die anderen. Es wirkt beinahe krampfhaft, wie sich der DS 5 um Originalität bemüht. Die Fensterheber-Bedienung erfolgt in der Mittelkonsole. Wer macht das heutzutage noch so? Genau, niemand! Deshalb im DS 5 – genau so!

Detto das Panoramadach. Alle anderen Hersteller bemühen sich darum, ein möglichst großes Dach zu verbauen, sprich: Kalkuliert wird in Quadratmetern. Also führt DS eine neue harte Maßeinheit ein, nämlich „Panoramadach pro Passagier“. Und sie legen die Latte mit einer 0,6 von Anfang an ziemlich hoch: je ein Dachfensterchen für Fahrer und Beifahrer, und ein größeres für die Fondpassagiere.

Zwischen den beiden vorderen Dachscheiben hängt eine mächtige Dachkonsole mit allerhand nützlichen Knöpfen und je einem Sonnenbrillen-Compartement rechts und links von der Decke. Diese Anordnung denken sich die Schöpfer als Anlehnung an ein auf den Piloten zugeschnittenes Flugzeugcockpit.

Und ja, der Fahrerplatz im DS5 erzeugt in der Tat dieses Gefühl, als Mensch von der Maschine umbaut zu sein. Was dabei leider auf der Strecke bleibt: Das Gefühl, viel Platz zu haben. Der DS5 vermittelt das Gefühl von Enge, ohne eng zu sein, worunter das Komfortempfinden leidet.

Grunz: Leder und Diesel

Motorisch und technisch ist die Neo-Göttin auf dem letzten Stand – allerdings ohne tollkühne Experimente wie die Pneumatik des 50er-Jahre-Originals. Erwähnenswert an dieser Stelle ist vielleicht der erhältliche 200 PS-Hybridantrieb aus Diesel- vorn und Elektroaggregat hinten, welcher der Göttin auf Wunsch Allradantrieb verleiht oder sie im Zero Emission-Modus rein elektrisch fahren lässt.

Wen solcher Schnickschnack kalt lässt, der bedient sich aus dem Verbrenner-Regal des französischen PSA-Konzerns und wählt aus zwei Benzinern bzw. drei Dieseln zwischen 120 und 210 Pferdestärken. Flora und Fauna, die beiden Schwestern, leiden auch unter den Fossilisten nicht allzusehr, vermeldet der Hersteller doch stolz Normverbräuche ab 4,4 Liter.

Auch an der Komfort- und Sicherheitsfeature-Front: Feiner Luxus (DS verweist auf drei Arten von Leder, aus denen man wählen darf) ohne bahnbrechend Neugedachtes: Head-Up-Display, Rückfahrkamera, Massagesitze, SOS-Knopf, Spiegeln der Smartphone-Inhalte auf das Fahrzeug-Display nebst MyDS-App für iPhones oder Android-Geräte. Die App bietet, nicht abwertend gemeint, das Übliche: Auto wiederfinden, Navigation zu Fuß fortsetzen, SMS vorlesen lassen…

Was Kunstsinnigen jedenfalls imponiert: das mutige und dennoch funktionale Design des Wagens. Der DS 5 erntet Blicke, ohne dass man bei Komfort oder Praktikabilität allzu schmerzhafte Einschnitte hinnehmen muss.

Die Erfahrung lehrt darüber hinaus, dass selbst ungewöhnliche Bedienlösungen rasch eingelernt und akzeptiert sind. Den Fensterheber nicht in der Türverkleidung, sondern in der Mitte zu bedienen – Gewöhnungssache!

Ob dies alles zum Klassiker reicht, muss hier unbeantwortet bleiben. Diese Entscheidung treffen „die allmächtige Zeit und das ewige Schicksal“*.

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*Goethe, wenn euch Banausen das was sagt

Der Versuch DS 5 könnte furchtbar in die Lingerie gehen.

Auf Wunsch verfügt die Neo-Göttin über Allradantrieb oder fährt rein elektrisch.

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