Honda Africa Twin

Unendliche Weiten

Mit der aktuellen Version „Adventure Sports“ will Honda seiner Africa Twin das Sahnehäubchen aufsetzen. Mit vollmundigen Ankündigungen, wie unter anderem einer Reichweite von mehr als 500 km. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und peitschten die Twin durch die Reichweitenchallenge.

Text: Gregor Josel / Fotos: Eryk Kepski

„Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge“, ein Zitat des Schriftstellers Thomas Mann, das recht gut in die heutige Zeit passt. Gemogelt wird immer und überall. Die wunderschöne Beauty-Influencerin auf Instagram, die im echten Leben hässlich wie die vetrocknete Zimmerpflanze ist, oder die höchst strengen Veganer, die sich, durch sechs bis zwölf Aperol-Spritzer gut geölt, dann zu vorgerückter Stunde am Würstelstand des Vertrauens das eine oder andere Käsekrainer-Hotdog vor romantischem Sonnenaufgang in den Schlund rammen. Besonders viel „gelogen“ wird auch in der Motorbranche, und zwar beim Normverbrauch. Wobei das nicht allein den Herstellern in die Schuhe zu schieben ist, sondern vielmehr den teils eigenartigen und völlig realitätsfremden, aber gesetzlich eben vorgeschriebenen Testzyklen. Egal, wir sind’s gewohnt und können damit leben, dass die meisten Fahrzeuge – und da sind Motorräder um nichts besser oder schlechter als Autos – meist deutlich mehr verbrauchen, als im vollmundigen und blumigen Marketingsprech des Verkaufskatalogs angepriesen wird.

Meistens ist mir so was einerlei, aber manchmal nehm ich’s persönlich. So wie im Falle der neuen Honda Africa Twin Adventure Sports, mit der Honda die Africa- Twin-Reihe um eine Touring- und Offroad-tauglichere Variante erweitert, die einerseits über längere Federwege, besseren Wetterschutz, aber vor allem über einen größeren Tank verfügt, der 24,2 Liter fasst. Den Durchschnittsverbrauch gibt Honda mit 4,7 Litern auf 100 Kilometern an, auch preist man eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern. Und genau da haben sie mich erwischt, und zwar auf der emotionalen Ebene, denn die Africa Twin ist mir ans Herz gewachsen! Sie war in der ersten Auflage meine allererste Reisebegleiterin vor mehr als 20 Jahren, brachte mich zehntausende Kilo- meter quer durch ganz Europa und war dabei auch noch fast unkaputtbar. Sie hatte einfach nie irgendwas Grobes! Auch nicht mit 60.000 Kilometern am Tacho. Und wenn dann doch mal ein Radlager im tiefsten Ostblock verrieb, dann latschte man ins nächste Zweiradgeschäft und in den meisten Fällen war alles für die Africa Twin lagernd. Eines war sie aber nie, nämlich sonderlich sparsam. Also zumindest, wenn man die überschaubare Leistung dem Verbrauch gegenüberstellte.

Und nun soll alles anders sein? Die neue Africa Twin ist zweifellos die beste Africa Twin aller Zeiten, aber irgendwie ließ mich die Verbrauchssache die letzten Monate nicht mehr los – und so galt es, die neue Africa Twin Adventure Sports einer gewagten Reichweitenchallenge zuzuführen, die wir an einem der heißesten Tage des Jahres durchführten. Das Ziel? Zumindest die kolpor- tierten 500 Kilometer mit nur einem Tank zu schaffen, was mich zunächst natürlich erstmal einen müden Lacher kostete, denn dass sich das auch nur irgendwie aus- gehen könnte, war für mich reine Utopie. Diesen Dämpfer mit 253 Kilogramm Leergewicht und meiner Wenigkeit im Sattel auf 4,7 Liter Durchschnittsverbrauch zu bringen, erschien mir so fern wie der Welt 2016 Herr T. als mächtigster Mann der Welt. Nun, beide sollten eines Besseren belehrt werden, wie man inzwischen weiß.

Unterstützung fanden wir durch unsere treuen Online-Leser, die uns verschiedenste Strecken über 500 Kilometer von und wieder retour nach Wien vorschlugen, die auch mit einigen Gemeinheiten, wie Schotterstraßen, steilen Pässen oder Autobahnabschnitten gespickt waren. Gewonnen hat die Strecke des Andreas Gabriel aus Wr. Neustadt, die uns via Autobahn gen Steiermark in Roseggers Waldheimat, dann weiter über eine öffentliche Schotterpartie nahe Trofajach und über Mariazell und die Kalte Kuchl, St. Pölten und den Wienerwald wieder nach Wien zurückbringen sollte. Gesamtlänge: 508 Kilometer laut Google Maps. Spätestens bei rund 350 bis 400 Kilometern am Tacho rechnete ich aber mit dem erbärmlichen benzinlosen Auslaufen, irgendwo in der steirischen Pampa im Mariazellerland.

Verschärft wurde das Ganze auch durch die Tatsache, dass die Adventure Sports über das Honda-Doppelkupplungsgetriebe DCT verfügt, das in der neuesten Generation tatsächlich ein Genuss ist. Die Umstellung von normaler Fußschaltung auf das DCT fällt anfangs etwas schwer, nach ein paar Kilometern lässt man das Getriebe aber in einem der drei Fahrmodi schalten und walten. In diesem Sinne wählte ich natürlich den Tour-Modus, der die Gangwechsel dann doch deutlich merkbar bei wesentlich geringeren Drehzahlen durchführt. Notfalls bleibt man aber am Gas beim Überholen, dann lässt der seidige und komfortabel vibrationsarme Reihen-Zweizylinder mit 95 PS die Drehzahl auch mal nach oben rauschen.

Die erste Autobahnetappe in Richtung Semmering und weiter Richtung Mürzzuschlag versprach eine Untermauerung meiner Einschätzung. Der Durchschnittsverbrauch lag bei Autobahntempo 130–140 km/h bei rund 6,5 Litern. Nach Adam Riese wäre also bei rund 372 Kilometern Schluss! Daran änderte sich bis zur Abfahrt von der Autobahn auch nicht viel.Von Mürzzuschlag ging es dann laut ursprünglicher Route in Richtung Ganzalm, wo wir dann über eine mautpflichtige, aber befahrbare Forststraße zum Roseggerhaus in Ratten gelangen sollten. Bei der Mautstation war dann allerdings Schluss, denn, wie uns die ansässige Jägerin erzählte, die Bundesforste hatten selbige Straße ein paar Wochen zuvor für den Verkehr gesperrt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Mürztal-Tourismus auch dazu einladen, seine Website dahingehend zu aktualisieren, denn dort wird diese Strecke nach wie vor als für mit PKW und Motorrad befahrbar geführt.

Also ging es retour und rund um den Berg in Richtung Trofaiach, von wo ich die Africa Twin über eine durchaus teilweise tückische Schotterpassage in Richtung Hiaslegg peitschte. Im Offroadmodus auch ohne ABS am Hinterrad und durchaus driftfreudig nach Abschalten der Traktionskontrolle. Um ehrlich zu sein, habe ich in der Zwischenzeit auch nicht besonders auf den Verbrauchswert am Kombi-Instrument geachtet, denn ich ging ja nach wie vor von einem nahenden Ende der Tour irgendwo im Nirgendwo aus. Als es dann allerdings nach Schotterspaß und engen Bergpassagen auf langgezogenen Kurven Richtung Seeberg und Mariazell ging, schaltete ich interessehalber wieder mal auf den aktuellen Durchschnittsverbrauch und wollte meinen Augen nicht wirklich trauen, denn zwischenzeitlich war selbiger auf 5,3 Liter gesunken. Und da setzte natürlich eine gewisse Sportlichkeit im Kleinhirn ein. War es tatsächlich zu schaffen, die Africa Twin bei halbwegs Reisegeschwindigkeit und ohne vollkommenen Spaßverlust auf unter 5 Liter Durch- schnittsverbrauch zu bringen? So achtete ich die nächsten Kilometer bis in die Lebkuchen- Welthauptstadt Mariazell – jaja, die Kirche gibt’s eh auch noch – darauf, keine Drehzahlorgien zu liefern, und ließ das DCT-Getriebe im Touringmodus arbeiten. Ich gestehe natürlich, dass ich mir die Abschnitte auf der Bundesstraße, die sonst durchaus auch mit jenseits der 150 km/h gehen, mit gemütlichen 100-110 genehmigte, was dem Fahrspaß aber grundsätzlich keinen großen Abbruch tat. Und so stand in der verspäteten Mittagspause bei Lebkucheneis im Schatten der Wallfahrts-Basilika der Durchschnittsverbrauch nach 264 gefahrenen Kilometern bei überraschenden 4,8 Litern und einer Restreichweite von 253 Kilometern. Somit schien das Ziel von 500 Kilometern mit einem Tank nun tatsächlich in Reichweite zu sein, denn die wilden Bergaufpassagen lagen nunmehr bereits hinter der Adventure Sports und mir, von nun an ging es auch mal längere Etappen bergab und dann relativ eben retour in Richtung Wien.

Und so bestritten wir die letzte Etappe zum Reichweitensieg der Africa Twin über den Ochsattel, die legendäre Kalte Kuchl, weiter in Richtung St. Pölten und durch ein paar Zickzack-Abschnitte quer durch den herrlichen Wienerwald in Richtung 12. Wiener Gemeindebezirk. Irgendwo bei St. Pölten auf der B1 Richtung Wien ist es dann passiert: Zum ersten Mal in meinem Auto- und Motorradtesterleben habe ich es geschafft, den Normverbrauchswert eines Serienfahrzeugs zu unterbieten, denn kurzzeitig lag selbiger bei der Africa Twin Adventure Sports bei sage und schreibe 4,5 Litern.

Bei Ankunft in der Redaktion – die um diese Uhrzeit freilich nur mehr wenig bevölkert war, weshalb auch mein wohlverdienter Szenenapplaus ausblieb – hielt die Africa Twin bei exakt 4,7 Liter Durchschnittsverbrauch bei gefahrenen 506 Kilometern. Es wären also sogar noch ein paar Kilometer drin gewe- sen, die mein – trotz des wunderbar reichweitenoptimierten Fahrwerks der Adventure Sports – inzwischen versteinerter Hintern allerdings nicht mehr mitmachen wollte.

So bleibt am Ende eines aufregenden Tages die Gewissheit, dass zumindest nicht alle Verbrauchswerte unerreichbar sind. Mit der Africa Twin Adventure Sports hält Honda sein Versprechen von mehr als 500 Kilometer Reichweite, und das, obwohl wir die große Japanerin nicht nur gemächlich dahinrollen ließen, sondern ihr auch ab und an die Sporen gaben. Chapeau Honda! Und Africa Twin, ich liebe dich heute mehr als schon damals, als mich deine Ahnin quer durch ganz Europa trug.

Honda Africa Twin Adventure Sports DCT

Motor: R-2-Zylinder 4 Takt-Motor

Hubraum: 998 ccm

Leistung: 95 PS / 98 Nm Drehmoment

Gänge: 6, Doppelkupplungsgetriebe

Fahrwerk: USD-Telegabel vorne, Schwinge, ProLink-Aufhängung

Bremsen: Doppelscheibenbremse vorne 310 mm, hinten 256 mm, ABS

Sitzhöhe: 900 / 920 mm

Gewicht (fahrbereit): 253 kg

Tankinhalt: 24,4 Liter

Verbrauch: 4,7 l / 100 km

Preis: ab 18.190 Euro