Mercedes Vision AVTR: Happy End dank Hollywood

Die Corona-Pandemie, der Kostendruck und die Sorge ums Klima – sie hatten schon mal mehr zu Lachen bei Mercedes. Doch statt Schwarz sehen sie Blau und malen die Zukunft in rosigen Farben.

Von Thomas Geiger

Denn niemand geringerer als Regielegende James Cameron und seine blauen Fabelwesen „Navi“ vom Planeten Pandora aus dem Science-Fiction-Film Avatar verhelfen den Schwaben zu einem Happy End, wie es das sonst nur in Hollywood gibt: Der Beweis dafür ist die binnen zwei Jahren gemeinsam entwickelte Studie Vision AVTR, mit der das Filmteam und Designchef Gorden Wagener für ein friedliches Miteinander von Mensch und Umwelt, Natur und Technik werben wollen „Das ist unsere Vorstellung von nachhaltigem, verantwortungsvollem Luxus“, sagt Wagener und lenkt den Blick auf einen mehr als fünf Meter langen Silberling, der die aktuelle Modellpalette ziemlich alt aussehen lässt. 


Wie ernst es den Schwaben damit ist, beweist die eigenwillige Karriere des Schaustücks. Denn obwohl ursprünglich nur für einen großen Auftritt zur CES im Januar auf die Räder gestellt, haben sie die Studie nicht eingemottet, sondern fit gemacht für eine erste Ausfahrt im Geist von Übermorgen. Deshalb steht der Bote einer fernen Zeit plötzlich im Hier und Heute und lässt für die Jungfernfahrt seine libellenartigen Flügeltüren aufschwingen. 

Weil das Auto in dieser Vision keine Maschine mehr ist, sondern zu einem lebenden Wesen wird, gibt es nicht nur außen zahlreiche Details, mit denen die Designer die Natur zitieren: Von den Wood Sprites auf den von innen beleuchteten Ballonreifen, die an den Baum des Lebens aus dem Film erinnern, bis hin zu den über 30 beweglichen Klappen auf dem Heck, die inspiriert sind vom Rückenpanzer eines Reptils. 

Sondern vor allem im Innenraum nimmt der AVTR Abschied vom technischen Ambiente, wie wir es heute kennen. Bedienelemente braucht es keine mehr in dieser Welt und auch keine Bildschirme. Stattdessen gibt es nur noch vier bequeme Sitze und ein paar helle Konsolen, die sich wie eine weite, weiche Landschaft um die Passagiere legt. Erst wenn die Hand des Fahrers auf den Mitteltunnel fällt, hebt sich dort wie von selbst ein Silikon-Knubbel, der Mensch und Maschine vereinen will.

Denn wie von selbst überträgt sich der Herzschlag des Fahrers aufs Fahrzeug, Lichtblitze zucken im Takt des eigenen Pulses über das, was vom Armaturenbrett noch übriggeblieben ist, und der AVTR wacht auf – bereit, seine Insassen in ferne Welten zu entführen. Die wählt man nicht mehr mit Sprachkommandos oder gar mit Schaltern an, sondern mit einer fernen Form der Gestensteuerung: Denn die eigene Handfläche wird plötzlich zum Display des Bediensystems und wenn man die Finger schließt, ist ein Menüpunkt ausgewählt. 

Auch das Fahren hat etwas ausgesprochen Natürliches. Denn der AVTR beherrscht nicht nur den üblichen Stil einer S-Klasse und gleitet auf seinen riesigen Ballonrädern überraschend entspannt und gelassen über die Teststrecke. Sondern weil alle vier Räder gleichzeitig um bis zu 30 Grad eingeschlagen werden können, fährt der Viersitzer auch im Krebsgang und bewegt sich wie ein Insekt kreuz und quer, längs und diagonal über den Asphalt. Zwar muss sich der Fahrer daran erst ein wenig gewöhnen und fühlt sich auf den ersten Kilometern wie mit drei Promille intus. Doch so wendig haben wir ein Auto von mehr als fünf Metern noch nicht erlebt.

Zwar kann niemand ernsthaft vorhersagen, mit welcher Technik das Auto von Über-Über-Morgen wirklich fährt. Doch weil Daimler nicht ganz abheben wollte bei dieser Vision, gibt ein Elektroantrieb mit zusammen 350 kW für gut und gerne 200 km/h dem Projekt die nötige Bodenhaftung. Allerdings träumen sie zumindest bei den Batterien, denen sie den Strom für mehr als 700 Kilometer Reichweite abringen: Die bestehen nicht aus Lithium-Ionen-Zellen und brauchen keine Seltenen Erden mehr, sondern bestehen aus nachwachsenden Rohstoffen und können nach der letzten Fahrt deshalb einfach auf den Kompost-Haufen – schöne neue Welt!

Was beim Antrieb noch nach ganz ferner Zukunft klingt, nimmt man den Visionären beim Ambiente schon eher ab: Natürlich ist das Innenleben des AVTR vegan, das gibt’s schließlich beim EQC schon heute. Doch was auf dem Boden nach Holz aussieht, ist aus Fasern von Lianen gefertigt, deren Ernte die Urwälder entlastet und wieder freier Atmen lässt, und wenn irgendwo Kunststoffe zum Einsatz kommen im AVTR, dann sind die aus recycelten PET-Flaschen gewonnen, die zuvor aus den Ozeanen gefischt wurden. 

Nachhaltig, verantwortungsbewusst und mit der Welt im Reinen – und das mit all der Leistung und all dem Luxus, den man auch morgen noch von einem Mercedes erwarten kann:  Zwar machen die Schwaben gemeinsam mit ihren neuen Freunden in Hollywood so tatsächlich Hoffnung auf ein Happy End fürs Auto und wenn auch nur Teile des AVTR in Serie gehen, könnten Mensch und Maschine wirklich ein friedliches Miteinander finden. Doch bis es soweit ist, wird es noch dauern. Und zwar ziemlich lange – denn Avatar spielt erst in der Mitte des nächsten Jahrhunderts.