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Die Zeitreise beginnt in einem Ganzkörper-Kondom. Denn wer mit Audi in die Zukunft fahren will, muss sich erst mal in einen weißen Overall zwängen.

Zu neu, zu empfindlich, ja schlicht zu wertvoll ist das Innenleben dieses Autos, als dass man es mit alltäglichen Klamotten beschmutzen dürfte. Schließlich parkt hier vor dem mondänen SLS-Hotel im Herzen von Beverly Hills nicht irgendeine neue Limousine. Sondern nur zwei Tage nach der Weltpremiere auf der LA Autoshow bitten die Bayern zur ersten Ausfahrt mit dem Prologue, der nicht weniger will, als die gesamte Marke zu erneuern. Als Visitenkarte des neuen Designchefs Marc Lichte steht das 5,10 Meter lange und nicht einmal 1,40 Meter hohe Coupé für den stilistischen Aufbruch und soll aller Welt signalisieren, dass es mit dem Einerlei bei Audi bald ein Ende hat: Mehr Charakter, mehr Dynamik und vor allem mehr Eigenständigkeit für die einzelnen Baureihen, so lautet die Botschaft des Designers.

„Und vom Tonmodell bis zum voll funktionsfähigen Showcar hat das Team nicht einmal vier Monate gebraucht.“

Schon das Einsteigen ist ein Spektakel: Die Tür öffnet sich wie von Geisterhand, sobald die „Buttler“-Software das Handy des Fahrers erkannt hat. Der schwebend am Mitteltunnel aufgehängte Sitz surrt von selbst in die richtige Position, Klimaanlage und Soundsystem erfüllen die Wünsche, bevor sie überhaupt ausgesprochen sind, im weiterentwickelten Virtual Cockpit aus TT & Co zaubert eine weitere Grafikebene einen fast hypnotischen 3D-Effekt und in den klavierlackschwarzen Konsolen werden plötzlich überall Displays sichtbar. Sie sind nicht nur perfekt integriert und deshalb eine echte Augenweide. Sondern sie sind wunderbare Spielwiese für die Fingerkuppen. Denn weil man Luxus heute nicht mehr über die Zahl der Schalter definiert, hat Lichte fast alle Knöpfe und Regler aus dem Innenraum verbannt und radikal auf eine Touchbedienung umgestellt. Auf dieser Spielwiese spaziert nicht nur der Fahrer. Sondern auch vor dem Beifahrer flammt bei Bedarf ein ansonsten unsichtbarer Monitor, auf dem er sein individuelles Infotainment-Programm steuert und sich digital mit dem Fahrer austauschen kann.

Als wäre das nicht schon abgefahren genug, wölbt sich einem nach dem Anlassen aus dem wuchtigen Mitteltunnel auch noch eine OLED-Folie entgegen, die in Lichtes Vision den bisherigen MMI-Controller ersetzt. Sonst plan und fast unsichtbar in der Oberfläche verborgen, steht der schwarze Touchscreen mit seinen gestochen scharfen Grafiken dann dünn wie ein Blatt im Raum und ist immer griffbereit, sobald die Hand auf den Schaltknauf der Achtgang-Automatik fällt.

Audi Overall

Während der Fahrer in seinem weißen Overall jetzt nicht unbedingt über den Laufsteg stolzieren sollte, macht der Prologue beim Schaulaufen auf dem Sunset Boulevard eine ausgezeichnete Figur: Hier in Beverly Hills und Hollywood wird das Showcar gar vollends zum Showstar, fängt alle Blicke und sonnt sich in der Bewunderung, die ihm von jeder Ecke entgegenschlägt. „Cool Car“ rufen sie an der Ampel, der Taxifahrer in seinem blauen Prius reckt anerkennend den Daumen und sogar die Cops aus dem Begleitfahrzeug zücken immer wieder verschämt ihre Handy-Kameras für ein paar schnelle Schnappschüsse: A new star is born – so schnell kann’s gehen in Hollywood.

Der Audi Prologue in Hollywood

Aber anders als die Stars aus den Studios, die man auf dem Rodeo Drive oder am Wilshire Boulevard allenfalls mal vorbei huschen sieht, ist der Prologue allerdings ein überraschend nahbares, sehr gegenwärtiges Auto. Die flachen LED-Keile der Frontscheinwerfer hin, die tief unter den Heckdeckel gezogenen Rückleuchten mit 3D-Effekt her – auf dem Messestand noch ein fernes Wunschbild, sieht er im fließenden Verkehr so wirklich aus, dass man ihn kaum mehr als Studie durchgehen lässt und erst recht nicht die knapp zwei Jahre warten will, bis daraus der nächste A8 wird. Kein Wunder, dass der augenscheinlich sehr solvente Zaungast in der Hotelvorfahrt mit ungläubigem Kopfschütteln beleidigt in seinen Bentley steigt und partout nicht glauben will, dass er diesen Audi auch für alles Geld der Welt nicht kaufen kann.

Der Audi Prologue im Hier und Heute

Nicht nur von außen macht der Vorbote der neuen Oberklasse-Familie von Audi einen ungewöhnlich greifbaren Eindruck. Auch hinter dem Steuer fühlt man sich ganz im Hier und Heute. Denn spätestens wenn der vier Liter große V8 befreit von lästigen Schallschutzvorschriften für Serienfahrzeuge sein kehliges Lied von der Lust an der Leistung singt, hat man endgültig vergessen, dass eben doch noch nicht jedes der faszinierenden Touchdisplays funktioniert oder der 3D-Effekt des digitalen Kombiinstruments nur ein geschickter Fake ist. Es ist ohnehin ein Wunder, was die Bayern da in so kurzer Zeit zusammen gezimmert haben. „Schließlich gab es vor sieben Monaten nur ein weißes Blatt Papier“, sagt Designchef Lichte: „Und vom Tonmodell bis zum voll funktionsfähigen Showcar hat das Team nicht einmal vier Monate gebraucht.“

Mildhybrid

Also rückt man voller Vorfreude den breiten Schubhebel der Achtgang-Automatik in Position, begeistert sich ein weiteres Mal an der biegsamen Display-Scheibe des Touchfeldes und rollt mit einem Grollen vom Hof, das die Sportfahrer unter den Hotelgästen in Scham und Demut erstarren lässt: 605 PS und bis zu 750 Nm! Wären da im Rückspiegel nicht der freundliche Escort-Service mit Blaulicht und Uniform auf dem Beifahrersitz die Spaßbremse aus der Technischen Entwicklung, man könnte jetzt tatsächlich in 3,7 Sekunden auf Tempo 100 stürmen und einfach mal ausprobieren, ob die umgerechnet 320 km/h auf dem Tacho nicht vielleicht doch ein bisschen übertrieben sind. Dass man dann die 8,6 Liter Normverbrauch vergessen kann, auf die Audi den Luxusliner mit einem neuartigen Mildhybrid-System aus 48-Volt-Bornetz und einem starken Riemengenerator für bis zu 12 kW Rekuperationsleistung gedrückt hat – who cares? Wir sind in Amerika, wo Benzin noch immer billiger ist als manches Mineralwasser. Erst recht in Hollywood, wo die Flasche Perrier gerne mal 15 oder 20 Dollar kostet.

Einzelstück

Aber so echt sich der Prologue auch anfühlt, ist er eben doch kein Serienauto, sondern ein Millionenschweres Einzelstück, das eine gewisse Sorgfalt gebietet. Unter den strengen Blicken der Beverly Hills Cops und der empfindsamen Führsorge Audi-Mannschaft fasst man das Millionen-Dollar-Baby deshalb doch lieber mit Samthandschuhen an, lupft die empfindlichen 22-Zöller vorsichtig über jede Bodenwelle und will gar nicht wissen, ob die Allradlenkung schon funktioniert und den Luxusliner tatsächlich wie einen Sportwagen um die Kurven treibt. Viel eher konzentriert man sich darauf, dass man mit den glatten Überziehern nicht vom Gaspedal rutscht, die einem die Audi-Techniker vor der Testfahrt über die Schuhe gestülpt haben.

Während ausgewählte Journalisten in albernen weißen Anzügen schon mal die Zukunft probefahren, steht Marc Lichte – natürlich in Schwarz, wie es sich für einen Designer gehört – in der Sonne vor dem SLS-Hotel und freut sich auf das, was da in Zukunft alles kommen wird. Denn auch wenn der Prologue ein Einzelstück bleibt, weiß der Designchef, dass diese Studie ein Nachspiel haben wird. Wenn alles gut läuft und der Kreativkopf recht behält, dann wird das genauso spektakulär wie der Prologue. Nur die Fahrer kommen dann endlich aus ihren schrägen Klamotten raus. Denn wenn die Zukunft mal Gegenwart ist, braucht man auch keinen Zeitanzug mehr.