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Dacia Duster: Darf’s ein bisserl weniger sein?

Wir wollen im Folgenden gar nicht für Floskel-Olympia trainieren, aber beim neuen Dacia Duster ist weniger wirklich mal mehr. Was oft nach verzweifelter Rechtfertigung klingt, ist beim Franko-Rumänen tatsächlich ein Qualitätsmerkmal.

Fotos: Motorblock

Das ganz große Plus ist und bleibt auch in der dritten Generation natürlich der Preis. Ab 20.990 Euro steigt man nirgends sonst in ein 4,34 Meter langes SUV ein. Zugegebenermaßen beginnt der Hybrid 140, dem wir auf den Zahn gefühlt haben, erst bei 25.690 Euro, dafür bekommt man im Vergleich zu den anderen Versionen allerdings auch einen vollwertigen Hybrid samt Automatik, mehr Leistung und weniger Verbrauch. Auf Allrad verzichtet man mit dem Teilelektriker zwar, wer allerdings darauf besteht, freut sich, dass der Anschaffungspreis mit 4×4 nochmal ein Stückchen sinkt. Anyway. Unser Testwagen steht schlussendlich samt Journey-Ausstattung, City-Paket und aufpreispflichtiger Sandstone-Lackierung mit 28.781,50 Euro in der Liste. Angesichts des runden Gesamtpakets ein echtes Schnäppchen, in dieser Hinsicht hat Dacia seine Philosophie nicht geändert.

Dacias verkaufen sich vor allem im privaten Sektor wie warme Semmeln und dem trägt der Hersteller Rechnung, indem er dem Kaufgrund Nummer eins nochmal kräftig auf die Sprünge hilft: dem Design. Der neue Duster geht optisch unverkennbar in Richtung von Offroad-Ikonen à la Jeep und Co. und tritt deutlich massiger und cooler auf als bisher. Beim Vorgänger war die Optik zwar schon ganz gelungen, diesmal hat man aber nochmal mehr Freude, wenn man sich dem Duster nähert. Eine Kombination aus boxy und sleek, wie es aktuell auch bei Range Rover im Trend liegt. Es wird aber nicht lächerlich, Dacia bleibt brav bodenständig, anstatt sich in Bling-Bling zu verlieren.

Das kann man so auch über das Interieur sagen. Die Formen sind etwas expressiver als bisher, es wird mit blauen Akzenten gearbeitet und der Touchscreen ist zwar nicht riesig, für heutige Verhältnisse aber völlig in Ordnung. Womit wir wieder beim Titel wären. Das Infotainment ist zwar mit Handy-Konnektivität, Navi und so weiter voll funktionstüchtig, beschränkt sich aber aufs Wesentliche. Statt hunderter Farbwelten oder endloser Menü-Verschachtelungen gibt es ein paar klar definierte Punkte in simpler Grafik, was die Bedienung während der Fahrt massiv erleichtert. Die Klimaanlage darf weiterhin per Tasten bedient werden und sogar den gesetzlich vorgeschriebenen Tempo-Piepser kann man im Duster per doppeltem Tastendruck links neben dem Lenkrad schneller ausschalten als bei 90 Prozent der Konkurrenz. Wovon es dafür mehr gibt, ist Platz. Was man sich bei der Duster-Anschaffung spart, kann man gerne in eine Handvoll Smartphones investieren, die allesamt bequem Platz finden. Eine klassische Halterung neben dem Infotainment-Screen, eine Induktions-Ladeschale, eine Ablage darüber und eine kleine Scharte direkt davor, in die man sein Handy aufrecht stellen kann, machen jeden noch so digitalen Native glücklich. Dazu gibt es noch ein kleines Fach für Münzen und Co., zwei Getränkehalter und ein extra-tiefes Mittelkonsolenfach. Klar ist all das nicht mit Lack und Leder verziert, aber dank unterschiedlicher Texturen fällt die Plastik-Oase nicht unangenehm auf.

Verzicht auf Nötiges muss man im Dacia Duster auf keinen Fall üben. Lediglich die Sitzflächen könnten etwas definierter sein. Nach einer rund fünfstündigen Fahrt ist der Rücken zwar frisch, die vier Buchstaben hingegen melden sich mit (leisen) Beschwerden. Aber gut, da sprechen wir auch schon von Sonderfällen, die im Alltag eher weniger auftreten. Davon abgesehen tut der Duster auf der Langstrecke aber sehr brav mit. Bei Autobahntempo gibt er sich in puncto Straßenlage entspannt und auch die Fahrgeräusche bleiben absolut im Rahmen. Wirklich laut wird es erst bei knapp 160 km/h, wie wir in Deutschland feststellen. Der 1,6 Liter-Vierzylinderbenziner mit seinen 94 PS und der Elektromotor mit seinen 49 PS ergeben summa summarum mit 140 PS Systemleistung die Topversion des aktuellen Dusters bei der Leistung. Dank der E-Unterstützung geht auch untenheraus ordentlich was weiter, ein Sportler ist der Duster aber natürlich beileibe nicht. Aber wieder: Muss er das sein? Nein. Daher ist es wohl cleverer, dass er sich auf andere Stärken besinnt. Dazu gehört beispielsweise auch der Verbrauch. Nach mehreren hundert Kilometern Autobahn bei gesetzlicher Höchstgeschwindigkeit stehen gut sieben Liter Durchschnittsverbrauch auf den digitalen Instrumenten. Das ist ein Wert, von dem man in Einstiegsmodell und Allradler mit ihren Dreizylindern wohl nur träumen könnte. In der Stadt genießt man außerdem immer wieder die elektrische Ruhe und die Mühelosigkeit der Automatik, auch wenn sie sich selten nicht ganz zum Hochschalten durchringen will und einige Sekunden den Motor jaulen lässt.

Auf den Plätzen abseits des Steuers ist ordentlich Bequemlichkeit und Raum gegeben. Zumindest machen die seelig schlafenden Mitreisenden diesen Eindruck. Der Kofferraum geht angesichts des großzügigen Fahrgastraums und der doch nicht allzu ausufernden Maße des Dacia Duster völlig in Ordnung, ein großer Koffer, eine große Reisetasche und mehrere extra-Gepäckstücke gehen sich problemlos aus. Und zur Not gäbe es ja noch die Dachreling, um den Reisefaktor weiter zu amplifizieren. Der Fahrer ist jedenfalls stets zufrieden, wenn auch nicht ekstatisch. Schließlich liegt der Duster gut in der Hand, lässt sich unaufgeregt durch Kurven führen und fühlt sich zwar nicht wuchtig, aber doch grundsolide an.

Wer Glanz und Gloria braucht, wird auch mit dem neuen Dacia Duster nicht sein Traumauto finden. Wem es aber um das Wesentliche eines Fortbewegungsmittel inklusive modernem Komfort geht, der kann mit dem kompakten SUV wirklich nichts falsch machen. Während bei anderen Herstellern der Anteil an Firmenkunden angesichts der explodierenden Preise in schwindelerregende Höhen schnellt, ist und bleibt der Duster ein Auto für normale Menschen. Klar, er erregt keine Stürme der Emotionen. Aber das muss ja auch nicht sein, schließlich schlagen die schnell ins Negative um. Insofern sind wir auch hier sehr zufrieden mit dem Weniger an Mehr.

Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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