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Honda Civic Type R: Id pro Ego

Wie geht man aus der angeblich fix im Juni 2021 endenden Krise als gefestigter oder zumindest geistig halbwegs gesunder Mensch heraus? Ganz einfach: Man muss das Tier in sich lieben lernen. Als Dolmetscher zwischen Id, Ego und Super-Ego fungiert idealerweise der Honda Civic Type R.

Text: Jakob Stantejsky / Fotos: Eryk Kepski

Ihre Bestialität nennt sich inklu­sive aller Titel in unserem Fall Honda Civic Type R 2.0 VTEC Turbo GT. Es gäbe seit diesem Jahr auch noch den Sport Line, der dasselbe kann, aber ob dezenteren Spoilers nicht gar so psychedelisch rüberkommt. Doch wer in die Untiefen des eigenen Bewusstseins reist, braucht ordentlich Selbstvertrauen. Ebenso wie die Insassen dieses ikonischen Kompaktsportlers. Der Type R erzieht seinen Fahrer unerbittlich zum absoluten Selbstbewusstsein. Denn wer in dieser knallblauen Schüssel mit ihren Aerodynamik-Furchen, den drei mittig positionierten Endrohren und dem obligatorischen Mega­heckspoiler durch den siebten Hieb rotzen kann, ohne sich von den hochgiftigen Blicken der indigenen Öko-Bevölkerung einschüchtern zu lassen, dessen Geist besteht jede Willensprüfung. So abgehärtet können einem auch ewig lange Lockdowns und Zukunftsängste nichts mehr anhaben.

Er stärkt also unsere (geistigen) Abwehrkräfte, der Civic Type R. Wie Actimel, nur mit mehr PS. 320 Rosse verrichten im zwei Liter großen Vierzylinderotto übrigens ihren Dienst. Doch auch Mut und Entschlossenheit werden von und mit dem Hot Hatch aufpoliert. Denn wer den Fronttriebler ausreizen will, braucht entweder richtig viel Platz oder Nerven aus Stahlseilen. Schließlich ist nach dem Paradesprint in 5,8 Sekunden erst bei ehrfurchtgebietenden 270 km/h Schluss – bei deutschen Sportabteilungen zahlt man hierfür extra, und zwar, bis man schwarz wird. Gut, auch ein Ab-Preis von knapp 50.000 Euro für den Type R GT will erst gestemmt werden, aber den kann man eventuell als ­Psychotherapie von der Steuer ­absetzen. Vielleicht zahlt auch die Krankenkasse – wir sind da noch am Nachforschen.

Angebracht wäre es jedenfalls, denn beim Tiefflug im wohl dynamischsten Fronttriebler der Welt findet man sich tatsächlich selbst. Wenn die Außenwelt zu rasenden Schlieren verschwimmt, der knallharte, aber hochpräzise Schalthebel durch die Gänge kracht und man sein Herz in den Handflächen spürt, dann ist man der eigenen Mitte so nah wie noch nie. Und das ist doch supergesund, heißt es ja immer. Gut, diese Mitte reißt es dann auch mit dem einen oder anderen „g“ durch die Gegend, aber gerade deshalb wird man sich ihrer ja so hervorragend bewusst.

Wer den Honda Civic Type R ­beherrschen will, was übrigens dank der ausgetüftelten Technik ausgezeichnet gelingt, muss sich seinem Id stellen. Denn Hemmungen wollen fallen gelassen und die Grenzen im eigenen Bewusstsein ausgelotet werden. Wer also seiner Lust nachgibt und mit quietschenden Reifen durch die Realität des eigenen Egos raucht, lässt das ­Super-Ego Super-Ego sein, und die moralische Instanz hechelt hoffnungslos hinterher. Gut, strafbar macht man sich natürlich trotzdem. Es handelt sich dann aber um einen Freud’schen Verbrecher.

Das Facelift des Civic Type R lässt all die fahrerischen Tugenden weitgehend unangetastet – gut so. Aufhängung, Bremsen und Lenkung wurden noch mehr auf ­Perfektion geschliffen, das Design behutsam verfeinert und der Innenraum modernisiert. So richtig frisch wirkt das Infotainmentsystem rein optisch immer noch nicht, aber es spielt brav alle Stückeln. Eh wurscht, hier gehören die Augen fest auf den Asphalt geheftet. Wie ein Automobil mit Frontantrieb derart wilde Kurvengeschwindigkeiten mühelos halten und Untersteuern quasi zum Fremdwort machen kann, ist moderne Hexerei. Die Ingenieure haben sich allerdings einen Orden anstatt des klassischen Scheiterhaufens verdient.

Ebenfalls erstaunlich ist, wie brav der Civic Type R sein kann, wenn es denn ganz unbedingt sein muss. Im Komfort-Modus, der das Gegengewicht zu Sport- und +R-Trimm mimt, kann man ihn zwar nicht als weich und gutmütig bezeichnen, der Alltag kann aber mühelos befahren werden. So wüst er auch weiterhin ausschaut, unter dem Blech bewahrt der Japaner klassische Kompaktwagen-­Tugenden. Richtig viel Platz gibt es sowohl vorne wie hinten als auch im Kofferraum. Einzig den engen hinteren Türausschnitt ­beklagten die sonst rundum ­beglückten Hinterbänkler.

Soll so sein, interessiert uns als Fahrer, ehrlich gesagt, kaum bis gar nicht. Wer beschäftigt sich auch mit solch schnöden Thematiken, während er seinen von 2020 schwer geplagten Geist heilt? Wer aus dem Honda Civic Type R aussteigt, ist nicht nur mit sich selbst im Reinen, sondern sieht die Zukunft auch gleich deutlich gelassener. Denn man weiß nun ja: Die eigenen Grenzen liegen viel weiter entfernt, als man es je geahnt hätte. So geht Psychoanalyse.

Honda Civic Type R 2.0 VTEC Turbo GT
Hubraum: 1.996 ccm
Leistung: 320 PS
Verbrauch: 8,5 Liter
Drehmoment: 400 NM / 2.500 bis 4.500 U/min
Beschleunigung: 0–100: 5,8 s
Spitze: 270 km/h
Gewicht: 1.405 kg
Preis: ab 48.990 Euro

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Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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