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Mercedes-Benz S 680 Guard: Todsicher

Die Mercedes S-Klasse legt einen Smoking aus Stahl und Kohlefasern an: Ein Jahr nach der Premiere gibt es den Luxusliner jetzt auch wieder als „Guard“. Mit über vier Tonnen so schwer wie zwei Maybachs und mit einem Nettopreis von 460.000 Euro auch so teuer, wird das Flaggschiff der Schwaben damit für Baureihenleiter Andreas Zygan zur sichersten Limousine der Welt. Denn mit der Schutzkategorie VPAM VR10 erfüllt die S-Klasse die höchsten Normen, die für zivile Fahrzeuge zertifiziert werden. „Was darüber hinausgeht, ist Militärtechnik, selbst wenn sie wie beim Dienstwagen des US-Präsidenten in ziviler Tarnung daher kommt“, sagt Zygan. 

Damit tragen die Schwaben dem traurigen Umstand Rechnung, dass es weltweit zigtausende Autofahrer gibt, die Sicherheit nicht allein über Airbags und Assistenzsysteme definieren. Weil sie stets im Rampenlicht und nicht selten auch im Kreuzfeuer der Kritik stehen, fürchten sie sich weniger vor Auffahrunfällen und dem Grenzbereich der Fahrdynamik als vor Übergriffen und Anschlägen mit kriminellem oder terroristischem Hintergrund. Für diese kleine aber ausgesprochen zahlungskräftige Kundenschar bauen die Automobilhersteller wahre Trutzburgen auf Rädern, die auch ballistischer Gewalt standhalten und auf diese Weise Leib und Leben der Passagiere schützen – die so genannten Sonderschutzfahrzeuge. Von außen möglichst unauffällig, von innen so luxuriös wie die ganz normalen Serienmodelle, sind sie wahre Panzerwagen im Pelzmantel und damit erste Wahl für Regierungschef, Konzernbosse und alle, die Probleme mit der sozialen Akzeptanz ihrer politischen oder finanziellen Vormachtstellung fürchten.

Mercedes hält an diesem Markt, den Experten je nach politischer Großwetterlage auf bis zu 30.000 Fahrzeuge pro Jahr schätzen, traditionell einen großen Anteil. Schließlich rühmen sich die Schwaben, dieses Segment vor über 90 Jahren erfunden zu haben und mittlerweile die Fuhrparks von 90 Regierungen und Königshäusern zu beliefern. Zwar fehlt für die „Masse“ aktuell die gepanzerte G-Klasse, doch „Klasse“ und mit ihr der allabendliche Auftritt in den TV-Nachrichten ist mit der neuen S-Klasse garantiert. Und bei einer Prognose von soliden dreistelligen Jahresstückzahlen dürfte auch das Thema „Kasse“ befriedigend adressiert sein. 

Für gut und gerne 300.000 Euro Aufpreis wird dann in 50 statt normalerweise 1,5 Arbeitstagen aus der Langversion der Limousine ein fahrbarer Panzerschrank, dem auch militärische Gewehre, Handgranaten und Sprengladungen nichts mehr anhaben können. Dafür gibt’s eine eigene Schutzzelle aus speziellen Stählen und Kohlefasern, die dann mit der angepassten Serienkarosserie verkleidet wird. Rund 500 Bauteile aus mitunter zentimeterdickem und mehrfach gehärtetem Spezialstahl, hochfeste Matten aus nahezu unzerstörbaren Aramid-Fäden und armdicke Scheiben aus Panzerglas sorgen dafür, dass Kanzler, Könige und Industriekapitäne unbeschadet einem Kugelhagel entkommen können. Und weil immer öfter Sprengfallen benutzt werden, ist auch der Unterboden durchgehend gepanzert.

Dazu gibt es neben nahezu aller Luxus-Extras von den Loungesesseln über die Ambientebeleuchtung bis zum Rearseat-Infotainment allerlei Spezialtechnik und Zusatzausstattung, die man in der Regel nur aus den James-Bond-Filmen kennt. Über Blaulichter, Sirene, Wechselsprechanlage und die Fahnenhalter an den vorderen Kotflügeln wird man sich natürlich kaum wundern. Doch nach einer detaillierten Einweisung kann der Fahrer auch ein paar Systeme nutzen, wie man sie selbst im Polizeiauto nicht finden wird. Mit ihnen lässt sich ein automatisches Löschsystem aktivieren, das auf Knopfdruck Brände am Fahrzeugboden und im Motorraum bekämpft, oder auch bei einem Angriff mit Gift- oder Tränengas die Frischluftversorgung sicherstellen. Außerdem bekommt der S Guard natürlich schussfeste Reifen, die auch ohne Luft noch weiterfahren können. Und wer will, dem baut Mercedes auch einen Spezialtank ein, dessen Hülle sich nach einem Einschuss wieder selbst verschließt.

Dass die S-Klasse tatsächlich Schutz gegen allerlei ballistische Gewalt bietet, hat Mercedes nicht nur berechnet und im eigenen Schießstand tief unter dem Werk Sindelfingen selbst ausprobiert. Sondern darauf haben die Schwaben auch Brief und Siegel des staatlichen Beschussamtes in Ulm, das die Limousine mit bis zu 500 Schüssen aus großkalibrigen Revolvern und militärischen Schnellfeuergewehren und sogar mit Sprenggranaten traktiert hat. Dabei wurde nicht wahllos auf den Wagen gefeuert, sondern vor allem auf neuralgische Punkte wie die Türöffnungen oder die Fenster geschossen. Danach sah die Limousine zwar aus wie ein Schweizer Käse, die Insassen allerdings hätten – wie ein Hightech-Dummy mit Haut, Knochen, Muskeln und Sehnen eindrucksvoll beweisen konnte, den Übergriff unbeschadet überstanden.

Die zusätzliche Ausstattung hat natürlich auch einen gewissen Einfluss auf das Fahrverhalten – schließlich wiegt die Panzerung weit mehr als zwei Tonnen. Zwar haben die Schwaben Bremsen und Federung ebenso an dieses Gewicht angepasst wie die elektronischen Helfer, die freilich auch beim Guard zum Einsatz kommen. Und auch der sonst dem Maybach vorbehaltene V12-Motor bietet mit einen 612 PS und vor allem den 830 Nm allemal genügend Kraftreserven für einen flotten Rückzug. Doch ganz so leicht und unbeschwert wie eine normale S-Klasse wird sich die Panzerlimousine kaum fahren lassen. Zumal Mercedes nun zwar erstmals serienmäßig Allradantrieb einbaut, dafür aber wegen des Gewichts auf die Hinterachslenkung verzichten muss. Und mit Rücksicht auf die Reifen ist bei 210 km/h Schluss. Doch lange Verfolgungsjagden sind ohnehin eher selten, weiß Zygan: „Wichtig ist, dass man in einer Bedrohungslage die ersten 30 Sekunden übersteht und so lange mobil bleibt.“ Den Rest erledigt dann die Kavallerie.

Zwar ist die S-Klasse als Guard tatsächlich fast so schwer wie ein Panzer und beinahe so sicher. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Auch wenn Mercedes bei der Ausstattung stark auf individuelle Wünsche eingeht, bieten die Schwaben keine Ausrüstung zur aktiven Gegenwehr an. Nebelkanonen, Flammenwerfer und Maschinengewehre im Kühlergrill – das überlassen sie lieber der Bundeswehr, dem amerikanischen Secret Service oder der Regie in Hollywood.

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