Hinter die Technik-Kulissen blicken ließ uns Jaguar Land Rover in Gaydon. Im Rahmen eines „Technology Showcase“-Days demonstrierten die Engländer, was sie mit „Driving Towards the Future“ meinen.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller

Fotos: Jaguar Land Rover

Nie mehr alleine wird man sein, wenn man sich allein ins Auto setzt. Eigentlich ist man das jetzt schon. Mindestens ein elektronischer Aufpasser ist, mit ganz wenigen Ausnahmen nicht nur älterer Baujahre, immer an Bord. Begonnen hat es mit dem Antiblockiersystem. Enden soll es, geht es nach der aktuellen technischen Entwicklung, beim vollautonomen Fahren.

Die Argumente dafür: weniger Staus, weniger Verbrauch, weniger Unfälle etc. Ob das nun erst zu beweisen ist oder nicht: Aufzuhalten ist diese Entwicklung nicht. Das gilt für alle Hersteller. Also auch für Jaguar Land Rover.

Assistenz & Unterstützung

Dort geht man mit dem Wort „autonom“ vorsichtig und sparsam um. Häufiger sind die Vokabel „assistiert“ und „unterstützt“ zu hören, wenn die Engländer in ihrem teils frisch aus dem Boden geschossenen Test- und Entwicklungszentren Gaydon über das referieren, woran sie gerade tüfteln. Das geht weit über jene elektronischen Systeme hinaus, die man bereits kennt und die bei einer Reihe von Herstellern zumindest teil-autonomes Fahren – soweit gesetzlich zulässig – schon möglich machen.

Es wäre nicht Land Rover, läge nicht einer der Schwerpunkte auf teil- oder voll-assistiertem Offroad-Fahren. ASPC – „All Terrain Progress Control“ -, eine Art Gelände-Tempomat, ist unter anderem im Range Rover Evoque ja bereits zu haben. Und auch im brandneuen Jaguar F-Pace.

Dass noch mehr kommt, das ließen die Jag- und Landie-Leute durchblicken, indem sie ein System präsentierten, das eine durchsichtige – gläserne – Motorhaube simuliert. Noch eins darauf gelegt haben sie, als ein Rangie Sport ferngesteuert per App-Prototyp durchs Gemüse gesteuert wurde. Doch soweit ist es noch nicht.

Vorerst sollen Fahrzeuge sehen lernen, wenn es nach den Entwicklern geht. Und zwar vorausschauend, mit allen derzeit zur Verfügung stehenden und zukünftigen Sensor-Technologien. Das Forschungsprojekt „Surface Identification and 3D Path Sensing“ (Oberflächenidentifizierung und 3D-Streckensensoring) zielt darauf ab, mittels 360 Grad-Kamera, Ultraschall-, Radar- und Lidar-Sensoren ein Gelände im voraus zu erfassen und eine Route zu planen. Bei jedem Wetter, auch Regen und Schnee, auf die Reifenbreite genau. Ein Detail dabei ist die automatische Erkennung der jeweiligen Bodenbeschaffenheit, ob Sand, ob Schotter, ob Schlamm, und die automatische Einstellung der adäquaten Geschwindigkeit. Das heißt dann „Terrain-Based Speed Adaptation“ (geländespezifische Geschwindigkeitsanpassung).

Doch wird nicht nur erfasst, was sich unter den Rädern tut. Die 3D-Detektion – sie nutzt Stereokamera-Technik – schaut auch nach oben, nach dem Motto „ich seh, ich seh, was du nicht siehst“. Etwa nach überhängenden Felsen, tiefliegenden Ästen und dergleichen. Dieser Helfer nennt sich „Overhead Clearance Assist“ (Kopffreiheit-Helfer). Der ist auch praktisch, wenn jemand mit Dachbox oder Fahrrädern bepackt in eine Garage einfahren will, die nicht hoch genug ist.

Fährt man in einer Kolonne durchs Gelände kann es gut sein, auf knifflige Passagen vorbereitet zu sein. In solchen Situationen sollen Fahrzeuge kommunikativ agieren. Sprich: Der erste soll dem nächsten mitteilen können, wie’s weitergeht. Jaguar Land Rover vernetzte im Rahmen einer Demonstration zwei Rangie Sports mittels DSRC (Dedicated Short Range Communication, gezielte Kurzstrecken-Kommunikation) und kreierte damit einen „Off Road Connected Convoy“ (vernetzte Offroad-Kolonne).

Überall und im Nirgendwo

Dabei wird nicht nur weitergereicht wie’s weitergeht, sondern es werden auch gleich Fahrzeugdaten übermittelt, wie Radschlupf, Achsverschränkung und die Einstellungen der All Terrain Progress Control. Das funktioniert natürlich auch auf Asphalt und kann unter anderem auf böse Schlaglöcher hinweisen. Das soll genauso im kommunikationstechnischen (weil internetlosen) Nirgendwo – mitten in der Sahara etwa – möglich sein. Siehe Car-to-Car-Kommunikation.

Etwas unangenehm berührt fühlt man sich bereits jetzt beim Gedanken daran, dass anhand von Messungen der Gehirnströme im Auto die Aufmerksamkeitsfähigkeit gemessen werden soll. Eines der erklärten Ziele dafür ist das „Self Learning Car“, das selbstlernende Auto, das seinen Besitzer in weiterer Konsequenz auswendig kennt und sich selbsttätig auf Gewohnheiten einstellt. Ein Beispiel: die automatische Justierung des Sitzes und des Lenkrads, sobald man sich der Autotür nähert.

Hundert Forschungsautos

Das ist längst noch nicht alles, woran man in Gaydon gerade forscht. Innerhalb der kommenden vier Jahre soll eine Flotte mit rund hundert Fahrzeugen aufgebaut werden, um ein breites Spektrum an Konnektivitäts-Spielarten zu testen. Rund um Coventry und Solihull soll demnächst eines der ersten Exemplare auf einem rund 66 langen Kurs aus Land- und Stadtstraßen kreisen. Ausgerüstet sein wird es mit allen Mitteln, die Car-to-Car- und Car-to-Infrastructure-Kommunikation ermöglichen.

Aber immer wieder wird betont, dass man dem Fahrer nicht das Lenkrad aus der Hand nehmen, sondern ihn unterstützen will.

Bei einigen der geplanten Assistenten muss man ja fast zugeben, dass eine derartige Unterstützung durchaus willkommen wäre. Etwa „Roadwork Assist“, ein Baustellen-Assistent, der einen mit behutsamen Lenk-Korrekturen durch eine Engstelle geleitet. Oder „Safe Pullaway“ (sicheres Anfahren), um Auffahrunfälle in Staus zu verhindern. Auch ein System wie „Over the Horizon“ (jenseits des Horizonts) klingt dann sinnvoll, wenn man vorzeitig etwa vor liegengebliebenen Fahrzeugen oder anderen Hindernissen auf der Fahrbahn gewarnt wird.

Piepsen oder blinken

Ein wesentlicher Punkt bei all dem ist – wiederum – die Kommunikation zwischen Fahrzeugen. Vorausfahrende können Nachkommmenden die Warnung „Hazard Ahead“ (Gefahr voraus) schicken. Entweder durch ein (Pieps-)Geräusch oder über eine Blink-Anzeige im Infotainment-System. Teil dessen ist „Emergency Vehicle Warning“ (Einsatzfahrzeug-Warnung). Hier kommunizieren Einsatzkräfte direkt mit anderen Verkehrsteilnehmern, woher sie kommen und wohin sie zu fahren gedenken.

Unter all diesen Systemen will Jaguar Land Rover die Maxime „Driving to the Future“ verstanden wissen. Das lässt doch die Befürchtung aufkommen, dass das Menschliche, das Schauen, das Hören, das Intuitive, das Reagieren in Zusammenhang mit dem Autofahren gewissermaßen abgeschafft werden soll und man in einem elektronischen Netz gefesselt wird. Vielleicht auch deshalb ließen die Jaguar Land Rover-Leute einige der beschriebenen Systeme auf ihrem On- und Offroad-Testtrack in Gaydon live ausprobieren.

Elektronisch & klassisch

Also klinkte man sich auf festen und unbefestigten Fahrbahnen in einen elektronisch vernetzten Konvoi ein, ließ sich in gemessenem Tempo durch Wasserlacken geleiten und durch simulierte Baustellen dirigieren sowie davon abhalten, mit zu hoch aufragender Beladung durch zu niedrige Tore fahren. Zum Vergleich – selbst denken, selbst lenken, selbst schalten und walten – gab’s am Schluss die Gelegenheit, einen klassischen Defender durchs Dickicht zu bewegen, einen Rechtslenker selbstverständlich. Ein Erlebnis der wehmütigen Art – bei aller Neugier auf das, was an weiteren Elektronik-Technologien noch auf uns zukommen wird.