24 Stunden von Le Mans 2015

Die Geschwister-Show:

Porsche triumphiert in Le Mans über Audi!

Le Mans 2015. Der Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer 19, pilotiert von Nico Hülkenberg, Nick Tandy und Earl Bamber, holt bei der 83. Auflage des legendären 24-Stunden-Rennens von Le Mans den Gesamtsieg vor seinem Schwesterauto mit der Nummer 17 und dem im Vorjahr siegreichen Audi R18 e-tron quattro mit der Startnummer 7. Es ist nicht nur der 17. Gesamtsieg für die Zuffenhausener, sondern vor allem der erste Le-Mans-Triumph seit 1998 und ein historischer Sieg über den großen Dominator und Konzernbruder Audi, dessen Serie nach fünf Siegen in Folge damit gebrochen werden konnte.

von Manfred Wolf

Es war auch in diesem Jahr wie immer, wenn an der Sarthe, beim größten und legendärsten Langstreckenrennen der Welt, die Zielflagge fällt: Grenzenloser Jubel bei den siegreichen Mannschaften, über 260.000 (!) jubelnde Fans, Spektakel und Emotionen pur. Doch Le Mans bringt einmal pro Jahr nicht nur unglaubliche Geschichten und große Sieger hervor, sondern immer auch traurige Gesichter und geschlagene Verlierer. Das Jahr 2015 hatte von Letzteren besonders viele zu bieten.

Le Mans 2015: Audi hat verloren

Allen voran Audi, die nach Jahren der Dominanz wohl nur wenig Freude mit dem dritten Platz ihres Top-Trios Marcel Fässler, Benoit Treluyer und Andre Lotterer haben werden. Dabei hatte es für die Ingolstädter lange Zeit ganz hervorragend ausgesehen: Die Diesel-Hybriden waren bis zu zwei Sekunden schneller als im Qualifying, in den (zahlreich vorhandenen) schnellen Kurvenpassagen war man überhaupt besser als Porsche, deren 919 Hybrid dafür auf den Geraden schneller war. Doch ein Team nach dem anderen geriet in Schwierigkeiten: Loic Duval scheiterte beim Versuch, die Nummer acht schon in der Frühphase des Rennens zu zerstören, nur äußerst knapp – dass man damit noch auf Platz vier fahren konnte, grenzt an ein Wunder. Der am Ende Sechstplatzierte R18 e-tron quattro von Filipe Albuquerque, Marco Bonanomi and Rene Rast galt lange Zeit als Sieganwärter, wurde dann aber von Aufhängungsproblemen zurückgeworfen. Und die Podiumsmannschaft Fässler/Treluyer/Lotterer fiel einem Plattfuß sowie Schwierigkeiten mit Verkleidungsteilen zum Opfer – am Ende fehlten der Marke mit den vier Ringen mindestens zwei Runden auf den sechsten Sieg in Folge. Sportchef Dr. Wolfgang Ulrich wird da selbst der Besuch von Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande in seiner Box nur mäßig trösten.

Le Mans 2015: Wurz siebter

Noch schlimmer erging es in der LMP1 Kategorie dem japanischen Mitbewerb: Vorjahres-WM-Sieger Toyota war praktisch schon vor dem Start chancenlos, der Rundenzeitenrückstand einfach zu groß – da konnte sich Österreichs Hoffnungsträger Alexander Wurz noch so strecken, in der schnellsten Runde war man vier Sekunden von den Porsche- und Audi-Zeiten entfernt. Am Ende gab’s Platz sieben für das Auto von Alex Wurz mit der Nummer zwei (der gemeinsam mit Stephane Sarrazin und Mike Conway unterwegs war), die regierenden WEC-Weltmeister Anthony Davidson, Sebastian Buemi und Kazuki Nakajima wurden im Auto mit der Startnummer 1 abgeschlagene Achte. Nissan, ja, die waren auch in Le Mans. Obwohl es vielleicht besser gewesen wäre, man hätte sich noch ein Jahr Zeit genommen, um ein funktionsfähiges Auto an den Start zu bringen. So schaffte es lediglich einer der drei GT-R LM NISMO bis ins Ziel, das Auto mit der 22 von Michael Krumm, Alex Buncombe und Harry Ticknell. Fazit: Letzter Platz, fast 150 Runden hinter dem siegreichen Porsche. Das ist selbst bei großer Sympathie für das technisch außergewöhnliche Projekt (Sechszylinder-Turbo-Frontmotor mit Frontantrieb) nur schwer schönzureden.

Le Mans 2015: Kraihammer bester Privatfahrer, Lauda gut unterwegs

Die R-One genannten Fahrzeuge von Rebellion Racing wurden – ähnlich wie jene von Nissan – sehr spät fertig, immerhin kam der Österreicher Dominik Kraihamer damit ins Ziel und wurde somit bester LMP1-Privatfahrer, acht LMP2-Autos und der Sieger der LMGTE Pro Wertung lagen allerdings noch vor „Dodo“, das hatte man wohl selbst auch besser erwartet.

Das Stichwort LMGTE Pro führt zu den nächsten großen Pechvögeln der 24 Stunden von Le Mans 2015: Aston Martin! Dabei hatte es für die Engländer in diesem Jahr wirklich gut ausgesehen. Schon im Qualifying war man unschlagbar und auch im Rennen lag man lange Zeit an der Spitze, sowohl in der LMGTE-Pro-, als auch in der LMGTE-Am-Wertung. Fernando Rees zerstörte die Hoffnungen auf einen LMGTE-Pro-Sieg in der Nacht, als er mit seinem Aston Martin Vantage V8 in einen LMP2-Boliden knallte. Und Teamchef sowie Fahrer in Personalunion, Paul Dalla Lana, sorgte für das „Drama des Rennens“, als er nur 45 Minuten vor dem Fallen der Zielflagge nach einem technischen Defekt ungebremst in die Mauer krachte. Damit war nicht nur sein sicher geglaubter LMGTE-Am-Sieg dahin, sondern auch jener von Fahrerpartner Matthias Lauda (ja, der Lauda-Sohn).

Und last but not least gehört auch Porsche zu den Verlierern, nämlich in der angesprochenen LMGTE Klasse: Drei kapitale 911er-Motorschäden warfen einige Mitfavoriten – unter anderem die Österreich-Hoffnung Klaus Bachler – aus dem Rennen, Bachler sogar noch bevor er auch nur einen Meter gefahren war…

Le Mans 2015: Jubel bei den Siegern

Jubel hingegen bei den Siegern auf dem Le-Mans-Podium: Mit Nick Tandy und Earl Bamber zwei Porsche-Zöglinge, die sich ihre Sporen bis vor kurzem in Carrera- und Super-Cup verdient haben. Und mit Nico Hülkenberg nach langer, langer Zeit auch wieder einmal ein aktiver Formel-1-Pilot, nachdem es im Jahre 1991 Johnny Herbert und Bertrand Gachot waren, die damals gemeinsam mit Volker Weidler den legendären Wankelmotor-Mazda 787B zum Le-Mans-Sieg pilotiert hatten. Ein Ex-Formel-1-Pilot jubelte über Platz zwei: Mark Webber, dessen Team eine Runde Rückstand auf den Sieger hatte, komplettierte das sensationelle Ergebnis für Porsche gemeinsam mit Timo Bernhard und Brandon Hartley.

Selbstverständlich durfte auch in den „kleineren“ Klassen gejubelt werden: In der LMP2 Kategorie siegte der bereits nach dem neuen Reglement gebaute (geschlossene) Oreca-Nissan von Nicolas Lapierre, Matt Howson und Richard Bradley. In der LMGTE-Pro setzte sich nach dem Aston-Pech und einem stundenlangen, beinharten Kampf gegen Ferrari die Chevrolet Corvette von Oliver Gavin, Jordan Taylor und Tommy Milner durch. Und in der LMGTE-Am Klasse war es dann ein Ferrari F458 Italia, der die Le-Mans-Ehren entgegennehmen durfte. Am Steuer saßen Victor Shaytar und Alexey Basov, unterstützt von Andrea Bertolini. Übrigens: Schauspieler Patrick Dempsey fuhr bei seinem ersten 24-Stunden-Rennen hinter dem Ferrari-Trio auf Platz zwei – ein schöner Erfolg für den Ex „Grey’s Anatomy“ Star.

Le Mans 2015: Die Firma voran

Dass der Volkswagen Konzern – nach Jahren der Audi-Dominanz – nun in einer „Geschwister-Show“ allen anderen Herstellern die lange Nase zeigt und praktisch nach Belieben dominiert, ist durchaus bemerkenswert. Vor allem weil der ehemalige Hauptgegner Toyota – immerhin größter Automobilhersteller der Welt – finanziell über einen ebenso langen Atem verfügen würde, wie der deutsche Mitbewerb und bis vor Kurzem noch äußerst konkurrenzfähig war. Ähnliches gilt – mit Abstrichen – für Nissan, schließlich sollten im dortigen Renault-Nissan-Verbund genügend Ressourcen vorhanden sein, um sich in Le Mans nicht noch einmal so nachhaltig zu blamieren, wie das in diesem Jahr leider der Fall war. Man darf gespannt sein, wie es in den nächsten Jahren an der Sarthe weitergeht. Die diesjährige Ausgabe hat jedenfalls unter Beweis gestellt, dass der Langstreckensport boomt wie schon lange nicht, das Medien- und vor allem das Zuseher-Interesse waren enorm, während die Formel 1 mit jedem Rennen schwächer wird. Das sollte in erster Linie ein Ansporn für Toyota und Nissan sein – und eventuell ein Wink mit dem Zaunpfahl für andere Hersteller wie Peugeot, denen nach wie vor ein ziemlich interessierter Blick nach Le Mans nachgesagt wird.