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Renault Avantime: Einer für alles

Wenn Autos, deren Präsentation man beiwohnen durfte, selbst längst Klassiker sind, wird es allerspätestens Zeit für den ersten Prostata-Check (oder aber eine feine Grab-Immobilie). Hier ein erster Fahrbericht über den Renault Avantime aus dem Oktober 2001. Ab 19. Oktober stellen heimische Renault-Händler den Versuch der Franzosen vor, das erfolgsverwöhnte Konzept der Ein-Raum-Bauweise ins progressive, jung-dynmaische Segment der Coupéfahrer einzubringen.

Von Franz J. Sauer

Vorsichtshalber sollte man hier darauf hinweisen, dass die angesprochenen Youngsters über kein zu schmales Portemonnaie verfügen sollten, bei einem satten Einstiegspreis von mehr als einer halben Mio. Schilling (Anm.: wären heute ungefähr 50.000 Euro) sollte man den Börsengang seines E-Business-Unternehmens bis Oktober bereits erfolgreich hinter sich gebracht haben, so man sich zu den Interessenten zählt.

Den mutmaßlichen Erfolg des Renault Avantime wird man am Durchsetzungsvermögen der Marketingabteilung messen können, die es zu verantworten haben wird, ob Renault der imagemäßige Turnaround vom vernünftigen Autohersteller zum extravagant-spacigen „Créateur d’Automobiles“ gelingt oder eben nicht. Anders als unter der Maxime „ein völlig neues Konzept für den Straßenverkehr der Zukunft“ wird sich der Avantime ebenso wenig an den Mann bringen lassen, wie der fürs nächste Jahr angekündigte, mindestens genauso extravagante Safrane-Nachfolger „Vel Satis“.

Was ist er nun genau, der Avantime (sprich: „Avontime“)? Ein Sportwagen, ein Minivan? Wohlwollend betrachtet könnte man ihn als ausgewogenes Mittelding bezeichnen, wenngleich Sportwagenfeeling oder auch -fahrleistungen niemals Ziel bei der Entwicklung gewesen sein können. Jedenfalls werden als direkte Konkurrenten seitens des Herstellers neben logisch assoziierten Großkutschen à la Jeep Grand Cherokee oder BMW X5 auch ein Volvo C70 oder ein Mercedes CLK genannt, mit denen er immerhin das Vorhandensein von bloß einer Tür pro Fahrzeugseite gemein hat. So viel steht fest.

Was dem aufmerksamen Betrachter beim Avantime sofort ins Auge sticht, ist das zur Zeit aufregendste Design am PKW-Markt. Besonders die mutig gestylten, riesigen Fensterflächen, die eine Fläche von vier Quadratmetern ausmachen, fallen positiv auf. Um aus dem Avantime ein gigantisches Kabrio mit Längsverstrebungen werden zu lassen, können die üppigen Glasscheiben inklusive Glasdach nahezu gänzlich in der Karosserie verschwinden, und das mit einem einzigen Knopfdruck. Der Innenraum findet seinen Ursprung im Interieur des aktuellen Espace, er ist von A bis Z komfortabelst gestaltet und tapeziert. Man war bemüht, die allernötigsten Tasten und Anzeigen möglichst unauffällig aus der Wohnlandschaft hervorblitzen zu lassen. Vor allem das kaum ausnehmbare untere Ende der riesigen Windschutzscheibe verleiht dem Insassen das Gefühl, in einem Transportmittel aus einer anderen Galaxie zu sitzen.

Irgendwo dort, wo der Horizont der Armaturentafel liegt, findet sich mittig zentriert das digitale Kombinationsinstrument mit Tachometer, Drehzahlmesser, Tankanzeige und Konsorten. Die beiden Satelliten zur Bedienung der Klimaanlage wurden wie beim Espace unter der linken und rechten A-Säule versteckt, die Hardware der Stereoanlage ist überhaupt nicht einsehbar und nur per Fernbedienung zu dirigieren. Obwohl für fünf Personen zugelassen und auch subjektiv riesig wirkend, bietet der Innenraum tatsächlich nur vier Personen, denen aber dann nicht zu knapp, Platz. Besonders im Fond hat man permanent das Gefühl, auf dem Ledersofa im Wohnzimmer zu lümmeln, wobei man trotz der erhöhten Sitzposition keineswegs über zu wenig Kopffreiheit klagen kann. Die vorderen beiden Fauteuils mit ihrem integrierten Gurtsystem wurden aufwendigst konstruiert, sehen toll aus und bieten viel unmittelbaren Sitzkomfort, geben sich allerdings ein wenig geizig in Sachen Beinauflagefläche und Seitenhalt.

Da die beiden unendlich langen Türen dem noblen Franzosen das Schrägparken anständig vergällen würden, hat man sich für das Öffnen derselben eine besonders aufwendige Konstruktion einfallen lassen, die letztlich auch an der etwas verspäteten Serienreife des Avantime Schuld hat. Die Türen haben ein zusätzliches Scharnier verpasst bekommen, dass sie nicht nur im spitzen Winkel zur Seite hin ausschwenken lässt, sondern sie quasi parallelverschoben nach vorne hin öffnet. Trotz der Beifall verdienenden Kreativität dieser Innovation darf man als bekennender Pessimist den Verdacht äußern, dass gerade an diesem Doppelscharnier Brösel auftreten werden, wenn sich die erste Stelle des Kilometerzählers in ein paar Jahren in Bewegung setzt und sich die Türangel abnützungsbedingt ein wenig ausgemergelt hat.

Der Avantime fährt sich erwartungsgemäß wie ein strafferer Espace. Bitte diese Feststellung nicht gleich als negative Wertung zu verstehen, der Fahrkomfort des Renault Espace (Anm.: Damals war der Renault Espace der Inbegriff eines Family-Van, heute ist er ein, nun ja, SUV wie viele andere. Aber immerhin ein guter SUV …) verdiente sich schon immer Bestnoten auf der nach oben offenen Komfortskala. Allerdings muss sich der Avantime an diesem Punkt eingestehen, vom Fahren her nichts, aber auch gar nichts mit einem Sportwagen gemein zu haben. Der vorerst als einzige Antriebsart erhältliche 3-Liter-V6-Motor mit seinen 204 PS reicht zwar aus, um das 1,7-Tonnen-Schwergewicht mal etwas flotter durch die Landschaft zu wuchten, dafür lässt er sich dann auch gar oft an die Tränke führen. Ein sparsamer, weil schwächerer Benziner (2,0 T /163 PS), ein für den Alpenmarkt unerlässlicher Diesel (2,2 Common Rail/147 PS) sowie ein der Charakteristik des Avantime ziemlich zusprechendes Automatikgetriebe werden gegen Jahresende nachgereicht.

Was soll man also von dem neuesten Wurf des Hauses Renault halten? Zunächst gilt es auf jeden Fall, den erfrischenden Mut des Herstellers zu beklatschen, der gerade den französischen Autokonzernen momentan so schmerzhaft zu fehlen scheint. Mit konsequent zur Serienreife umgesetzten Reißbrettträumereien wie dem Avantime, dem neuen Laguna oder auch dem bald erwarteten Vel Satis gibt Renault genau jene Gewagtheit vor, die bei Citroën möglicherweise die erbärmlichen Verkaufszahlen ankurbeln würde und bei Peugeot zumindest ansatzweise gerade wieder aufkommt.

Franz J. Sauer

Liebt Autos, weiß auch ein bissl was, schwurbelt schön drum herum und springt für SUV in die Bresche.

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