• The Good Ol’ Days

    Mercedes-Maybach S 500

Maybach ist tot – lang lebe Maybach. Mercedes zimmert aus dem glorreichen Namen sein neues Flaggschiff namens Mercedes Maybach S 500. Und schenkt der Markenhistorie damit die nächste Jahrhundertwende.

Text: Rainer Behounek, Franz J. Sauer. Fotos: Maximilian „Maquez“ Lottmann

Anfang des 20. Jahrhunderts muss eine atemberaubende Zeit gewesen sein. Man stelle sich vor: die industrielle Revolution ist voll im Gange, bringt immer bahnbrechendere Innovationen zutage. Albert Einstein krempelt mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie die komplette Wissenschaft um, Pablo Picasso malt sich höchst abstrakt zu Weltruhm. Und der technische Fortschritt geht insofern tüchtig in die Breite, als er der höchstpersönlichen Mobilität immer weniger Grenzen setzt. Gewässer und Lüfte werden erobert, Straßen sowieso und zwei zentrale Figuren in dieser rasanten Entwicklung heißen Ferdinand Graf von Zeppelin und Wilhelm Maybach. Deren 1909 gegründetes Unternehmen „Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH“ muss damals so etwas ähnliches gewesen sein wie Tesla heute und weil es zum Pushen des Aktienkurs noch keine Twittermeldungen gab, musste man sich halt durch technisch auffällige Schmankerln wie einen Schiffsdieselmotor mit 23 Litern Hubraum oder jene ungetümösen Luftschiff-Motoren, die ob ihrer ungeheuren Verdichtung erst in 1800 Metern Flughöhe ungedrosselt betrieben werden durften, hervortun.

Mercedes-Maybach S 500: Champagner-Dusche. Aus den 20gern …

Ab 1918 widmete sich das Gespann dem damals noch recht ausbaufähigen Thema Automobil, das „Luftfahrzeug“ im Namen wird durch „Maybach“ ersetzt. Bis 1941 rollen immerhin 2300 Luxusautos aus den Fabrikshallen in Friedrichshafen, der Krieg lässt die fetten Maybach-Zwölfzylinder aber hauptsächlich nur mehr in Panzern zum Einsatz kommen. Fürs Wirtschaftswunder ist ein Maybach später kaum das richtige Volumsauto, weshalb man anno 1960 zum Übernahmekandidat für Daimler-Benz wird. Die Marke Maybach entschlummert vorerst in einen 40jährigen Winterschlaf.

Maybach und die Jahrhundert-Wende

Wieder ist es der Anfang eines neuen Jahrhunderts, der dem Prunk und Glamou von Maybach frisches Leben einhaucht, von 2002 bis 2012 entstehen die Modelle 57 und 62, materialisieren in den Garagen von Scheich und Co als riesige, rollende Statements, allesamt sauteuer, allesamt sehr selten. So selten, dass am Ende die Kosten-Nutzen-Rechnung selbst für Daimler zu weit auseinanderklafft. Erneut nimmt der Konzern die Marke vom Markt, um gerade mal drei Jahre später endlich in jener Form wiederaufzuersten, in der sie richtig Zukunft haben könnte.

Man nehme eine lange S-Klasse, ausschließlich V-Motoren mit acht oder zwölf Häferln und eine Ausstattung, die ihresgleichen sucht. Und fertig ist die doppelstöckige Penthousewohnung mit Blick über den New Yorker Centralpark in Autogestalt. Schlau: das heißt nun Mercedes Maybach,  womit alles zum Thema gesagt wäre. All jene hypersituierten, die das aufgeheizte Überdrüber des Stand-Alone-Maybach in den Nullerjahren verschreckte, beschwichtigt nun ein biederer Stern vorn am Kühler. Das stilisierte Maybach-M prangt nurmehr an der Seitenwand. Dort wo es gilt, Wucht und Länge des gar lang geratenen Wagenschlages für die Backseat-Boys zu kaschieren.

Mercedes Maybach S 500: Für Selberfahrer

Zunächst fahren wir aber selbst. Der Mercedes Maybach S 500 verfügt über Eckdaten namens 455 PS und 700 Nm, kaltgepresst aus einem 4,7 Liter großen Achtender in V-Anordnung. Kein Luxus diesfalls – rohe Gewalt, die Asphalt quasi im Vorbeigehen wegreißt. Wer will, versaugt mit einer Normbeschleunigung von fünf Sekunden fast alles, bei 250 km/h wird abregelt. Bis dahin presst man ohne Zugkraftunterbrechung durch neun Gänge, welche das Getriebe so selektiert wie ein guter Butler den Haushalt schmeißt: immer präsent, aber nie sichtbar. Dass die 8,9 Liter auf 100 übrigens keine Angabe sind, liegt am Naturell des Sternenkreuzers; die wenigsten scheuchen bei jeder Kreuzung all die vielen Pferdchens im Paket auf. Schon der gute, alte Wilhelm wußte: Wer über genügend Leistung verfügt, muss niemandem was beweisen.

Ob sich der Adel in den Twenties tatsächlich so unbefangen mit den Arbeitern vergnügt hat, bleibt unbewiesen. Aber wichtig ist doch: es gibt wieder ein Flaggschiff.

Mercedes Maybach S 500 – Hier und nur hier passt die Stereokamera in der Frontscheibe zu den Sektkelchen im Fonds.

Lichtjahre Luxus

Aber klar: Brennpunkt des Interesses bei einem derartigen Automobil ist die Rücksitzbank. Dort wo sich auch längste Beine in einen von feinstem Leder und noch feinerem Burmeester-Sound ausgekleideten Endlos-Raum strecken können. So weit könnten die da auf den billigen Plätzen gar nicht zurückfahren, dass einen das berührt.  Für die rechte Sitz- / Liegeposition der Passagierschaft strecken sich die ultragemütlichen Lounge-Sitze bei Bedarf in alle Richtungen, sogar eine Beinauflage gibt es, damit die Waden nicht aussen vor gelassen werden, wenn sich der Restkörper entspannt. Fernseher, kleines Tischchen, doppelt verglaste Scheiben, eh klar. Richtig fein sind die zwei Champagner-Gläser nebst Kühlbox gleich dahinter. Dass der Kofferraum zu einem größeren Ablagefach zusammenschrumpft, ist ein first world problem, dass das Zauberwort „Magic Body Control“ tatsächlich vermag, ausgewachsene Schwellen dem Straßenboden gleichzumachen, verblüfft allerdings auch die Verwöhnteren unter uns. Ein derartiges Feature ist nicht mal bei einem Preisschild ab 163.630 Euro selbstverständlich, womit auch schon die in Zahlen gegossene Trennwand zwischen uns und weiterem Maybach-Vergnügen, wie auf diesen Bildern zelebriert, beiläufig fallen gelassen wäre. Well, wie wußte schon der Falke: „Lichtjahre Luxus? Vergeblich. Es bleibt beim harten Puls im Bauch …“

… und her geht’s zum allseits beliebten Making-Of!

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