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Bentley Mulsanne Facelift: Fliegen und fliegen lassen

Bentley Mulsanne Facelift

Bentley hat den Mulsanne optisch und technisch aktualisiert. Hinzu kommt mit der Extended Wheelbase-Version eine um 35 cm längere dritte Variante. Die offeriert eine der derzeit ultimativsten Möglichkeiten, sich luxuriös chauffieren zu lassen.

Text: Beatrix Keckeis-Hiller

Fotos: Bentley
Es gibt Angebote, die kann man nicht ablehnen. Zum Beispiel die Einladung, automobil auf den Spuren von Queen Elizabeth II. zu wandeln. Konkret: einen Tag lang den neuen Feinheiten des auf den neuesten Stand gebrachten Bentley Mulsanne nachzufühlen. Da schaufelt man sich gerne kurzerhand eine Zeitlücke im vollen Terminkalender frei, da scheut man auch eine kleine Österreich-Rundreise – von Graz über Wien nach Innsbruck – nicht. Zumal am Ende der Eisenbahn-, Schnellbahn-Flugzeug-Tour am Airport der Landeshauptstadt Tirols die neueste, die dritte Version des Limousinen-Flaggschiffs aus Crewe mit verlängertem Radstand, bereit steht.

Innsbruck – Schloss Elmau

Samt Chauffeur, der das Fond-Portal einladend öffnet und den Kabinen-Trolley im Kofferraum deponiert. Zwar würde der Weg vom Flughafen bis zum Schloss Elmau, unweit von Garmisch-Partenkirchen, kaum eine Stunde Zeit in Anspruch nehmen, doch wäre es fürs erste die Gelegenheit, einige der Features des neuen Lang-Mulsanne auszuprobieren. Meint der kundige Herr am Lenkrad, während er die Reise-Route via ins Instrumenten-Board integrierten Acht-Zoll-Touchscreen auf ihre Richtigkeit kontrolliert.
Den langen Mulsanne vom – ungewohnten – Fondplatz aus zu probieren heißt: Sich in einen der beiden neu gestalteten Fond-Lederfauteuils kuscheln. Die ebenso wie die Möblierung von Hand bearbeiteten ledernen Pölster zurechtrücken. Den um 25 Zentimeter gegenüber dem „Standard“-Mulsanne erweiterten Innenraum voll ausnützen, indem die in den Sitz integrierte Beinauflage à la First Class im Flugzeug per Tastendruck auf genehme Höhe gebracht wird. Die Vorhänge – via Knopfdruck – schließen. Die Massagefunktion an der Rückenlehne in Gang setzen. Aus dem Konsolen-Kühlfach wohltemperiertes Mineralwasser entnehmen (der Champagner wird vorerst nicht angetastet, es steht noch ein kleines Arbeitsprogramm an).

Kuscheln & genießen

Das ausklappbare Laptop-Tischchen aufbreiten, den Laptop darauf platzieren und E-Mails checken. Den Kalender mit den handschriftlichen Notizen abgleichen. Die Schreibutensilien im mit Leder ausgeschlagenen und mit edlem Holz-Furnier verkleideten Fach in der Mittelkonsole – die gewissermaßen als Raumteiler des zweisitzig angelegten Fonds fungiert – zwischenzeitlich verstauen. Das Handy an den USB-Anschluss stöpseln. Hernach das in die Frontsitzlehne integrierte – und herausnehmbare – Entertainment-Tablet per Berührung der entsprechenden Taste ausfahren lassen, ausrichten und per Streaming-Dienst nach der passenden Musik suchen. Den Level des Sounds feinjustieren. Genießen. Und das feine Interieur auskosten, dessen Fertigung mehr als 150 Arbeitsstunden kostet.

Derweilen saust draußen, im Abendschein, der durchs Sonnendach leuchtet, die Welt vorbei. Nichts stört die Ruhe im Fond. Ob Gerade oder Kurve, das Flying B auf der Nase des 5,825 Meter messenden Lang-Mulsanne durchschneidet, von innen wahrgenommen, unerschütterlich und nahezu lautlos die Luft. Unmöglich festzustellen, wie langsam oder schnell er sich gerade bewegt, wenn man nicht aus dem Fenster schaut (um auf den Tacho zu schauen müsste man sich aufrecht hinsetzen und vorbeugen. Will man aber grad nicht.).

Völlig losgelöst

Auf Top-Speed – 296 km/h – wird er ja wohl grad nicht sein, auf der Inntal-Autobahn. Nicht auszudenken, das Blitzgewitter. Nur das weit entfernte Grollen des 6,75-Liter-V8 dringt ans Ohr, wenn man die Musik abdreht. Gangwechsel sind unspürbar. Dafür sorgt die nahezu unmerklich schaltende Achtgang-Automatik. Selbst schärfere Bremsmanöver dringen kaum in den Fond durch. Und obwohl mittlerweile auch der eine oder andere Fahrassistent an Bord ist, wie ein Totwinkelwarner (und eine Lichtautomatik): Es piepst NICHTS!

Wie die Queen

So könnte man sich vorstellen, dass die Queen standesgemäß reist (wenn sie nicht selbst Hand ans Volant legt, wie sie es gerne, privat, zu tun pflegt). Nebenbei gesagt: Es wird zwar die Monarchin nicht in einem Mulsanne gefahren, sondern in einer Spezial-Version seines Vorgängers Arnage. Doch königlich ist Bentley, da man seit 2002 die offizielle Staatskarosse stellt, alleweil. Den persönlichen Sanktus hat Elizabeth II. dazu gegeben, im Zuge einer eingehenden Besichtigung in Crewe.
Nach der angekündigten knappen Stunde endet die Reise im Mulsanne. Für eine Besichtigungsrunde von Schloss Elmau, des Schauplatzes des G7-Gipfels vor rund einem Jahr bleibt keine Zeit. Die ist für jene reserviert, die den edlen Briten auf den neuesten Stand gebracht haben und die darüber referieren, vielmehr mit beredten Worten erzählen: Wolfgang Dürheimer, CEO, Rolf Frech, Technik-Verantwortlicher, Sam Graham, Produktverantwortlicher, Stefan Sielaff, Chef-Designer, und Simon Blake, dessen Bereich die Ausstattung ist.
In Punkto Design betrifft die Exterieur-Überarbeitung des Mulsanne die Front bis zur A-Säule: plastischer geformte Kotflügel, neue Lufteinlässe, fließender gestaltete Motorhaube, verbreiterter Kühlergrill – mit vertikalen Edelstahl-Lamellen noch imposanter -, komplett neue Scheinwerfer – mit adaptiver LED-Technologie und ausgeklügelter Waschanlage -, neues Heckleuchten-Layout. Von vorne bis hinten dominiert an den Design-Details das „B“-Thema.

Lauschen & surfen

Dazu und zum bereits Erlebnis-beschriebenen teils ebenfalls neu gestalteten Interieur, das moderne Technik und klassische Anzeige- und Bedienelemente harmonisch und stilsicher integriert, kommt eine neue Infotainment-Plattform und – auf Wunsch – ein für Bentley maßgeschneidertes Audio-System (von Naim) mit achtzehn Lautsprechern, neunzehn Kanälen und 2.200 Watt-Verstärker. Nicht zu vergessen die integrierte Schnittstelle mit Zugriffsmöglichkeit auf (Android-)Apps und Streaming-Dienste. Das dazu erforderliche Internet ist sozusagen selbstverständlich an Bord, übers LTE-WLAN-Netz.
Feinarbeit leisteten die Techniker an Fahrwerksabstimmung, Motoraufhängungen, Geräuschdämmung (selbst die Räder sind akustisch gedämpft). Es blieb bei der Luftfederung mit kontinuierlicher Dämpferregelung und der automatischen Chassis-Absenkung bei hohem Speed. Aktualisiert ist das Stabilitätsprogramm der Heckantriebs-Limousine.

V8-Biturbo-Power

Weiterhin im Einsatz ist der bereit erwähnte 6,75-Liter-V8-Biturbo mit automatischer Zylinderabschaltung. In der 5,575 Meter langen Standard-Version, die schlicht Mulsanne heißt, und in der Lang-Variante leistet das Aggregat unverändert 512 PS (und 1.020 Nm). Damit schiebt sich der Luxus-Liner in 5,3 respektive 5,5 Sekunden von null auf hundert km/h. Im in jeder Hinsicht schärfer und sportlicher abgestimmten Speed ist die Leistung auf 537 PS (und 1.100 Nm) gepusht. Er ist in 4,9 Sekunden auf 100 und kann’s bis zu 305 km/h schnell (was im Vorjahr auf Tempolimit- und nahezu Verkehrs-freien deutschen Autobahnabschnitten überprüft und ausgekostet werden konnte). Mit an Bord ist, wie gehabt, die Fahrdynamik-Steuerung mit den Standard-Modi „Comfort“, „Bentley“ und „Sport“, dazu kommt die individuell abstimmbare „Custom“-Einstellung.
Während der Lang-Mulsanne fürs überaus gepflegte Shuttle-Service reserviert blieb, stand für den Standard- und den Speed-Bruder ein abwechslungsreiches Aktiv-Fahrprogramm auf dem Plan, um den Verfeinerungen auf den Grund gehen zu können. Gespeichert war eine rund 400 Kilometer lange Route durch die Welt der bayerischen und tirolerischen Berge, gewissermaßen rund um Karwendel und Wilden Kaiser, teils auf Streckenabschnitten der Kitzbüheler Alpenrallye, mit Abstechern zum Starnberger See, zur Hahnenkamm-Lodge und zum Sylvenstein-Stausee. Das mit Autobahnen, weiten Landstraßen und kernigen Kurven durchsetzte Routing war je zur Hälfte mit dem Mulsanne und mit dem Mulsanne Speed zu genießen.
Glück zu haben glaubte, wer mit Zweiterem starten konnte, wenn er die Highspeed-Talente auskosten wollte, weil auf diesem Runden-Abschnitt die längste Autobahn-Strecke ohne Speed-Limits lag. Man hatte aber auch Pech, denn das Wetter hatte sich am Vormittag zeitweilig auf heftigen Regen umgestellt. In Kitzbühel kam dann auch noch Nebel hinzu. Was die Mulsannes weniger tangierte, denn die Auffahrt zum luftig auf 1.645 Metern Höhe an einem Berghang gelegenen Privat-Chalet wurde angesichts der einspurigen und engwinkeligen Zufahrt doch dem Bentayga überlassen, der die doch nicht unanspruchsvolle Strecke mit tänzerischer Leichtigkeit meisterte.
Bei der Rückfahrt vom Parkplatz der Hahnenkamm-Bahn über die Achensee-Bundesstraße und in weiterer Folge über die schmale Wallgau-Vorderriß-Mautstraße klarte und trocknete es schließlich doch auf. Dann konnte der Mulsanne unbekümmert auf den letzten Kurven des Tages mit seiner trotz der imposanten Länge leichtfüßig-präzisen Agilität spielen. Dass man, wenn man ihn zu unbekümmert fliegen lässt, ob 512 oder 537 PS, so gut wie immer zu schnell ist – wenn man in erster Linie den Straßenverlauf und weniger die Tacho-Anzeige im Blick hat -, das bestätige eine Radarpistolen-Messung der Polizei. Der Inspektor ließ jedoch aufgrund des minimalen Verkehrsaufkommens zwar nicht Gnade vor Recht ergehen, doch große Milde walten.

Die Bentley Boys

Fazit am Ende des Fahrtages, bevor man sich wieder inaktiv, im Fond des Extended Wheelbase-Mulsanne sehr eilig weil recht zeitknapp nach Innsbruck fliegen lassen musste: Selbst in der auf höchsten Passagier-Komfort ausgelegten Limousinen-Version blitzt das Erbe der Race-fiebrigen legendären Bentley Boys durch. Und das unterscheidet die Flying Bs signifikant von einem anderen britischen Luxus-Label.

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