McLaren 620R: Krönender Abschluss

Sport, das weiß jeder, der im Sommer Radfahren und im Winter Skifahren geht, ist nicht nur eine Frage der Kondition, sondern vor allem der Ausrüstung. Und bei McLaren haben sie das natürlich auch verstanden. Deshalb kommen die Briten ambitionierten Amateuren jetzt mit dem 620R entgegen. Nach ein paar hundert GT4 Rennwagen in den letzten Jahren haben die Ingenieure in Woking dafür all ihr Know-how für die Rundstrecke in das Korsett der Straßenzulassung gepresst und so für wenig bescheidene 292.437 Euro (D) den schärfsten, potentesten und spurtstärksten Vertreter der Sport Series auf die Räder gestellt. Und zwar genau zur rechten Zeit. Denn weil diese, nun ja, Einstiegsbaureihe zum Jahresende ausläuft, gibt’s damit das beste zum Schluss.

Von Thomas Geiger

Das beginnt beim Design, das viele Elemente des Rennwagens übernimmt und den 620R so zu einem absoluten Hingucker macht: Wo das bunt beklebte Flügelmonster auftaucht, erntet es deshalb verwunderte Blicke und alle Welt fragt sich, was dieses Auto auf der Straße verloren hat, so sehr schreit der 620R mit seinem riesigen, dank integrierter Bremsleuchte und abgerundeten Kanten zulassungsfähigen Spoiler, den rasiermesserscharfen Flics am flachen Bug, den Nüstern in der Haube und der Hutze auf dem Dach nach dem Einsatz auf der Rundstrecke.


Auch im Heck ist nichts mehr wie es war: Zwar dient dem Antrieb wie eh und je der immergleiche V8-Twinturbo, doch ist der Motor den anderen Straßenmodellen und sogar dem offiziellen Rennwagen deutlich voraus ist. Im Detail optimiert und nicht mehr der Balance of Power verpflichtet, schöpft er aus seinen 3,8 Litern Hubraum jetzt nicht mehr 570, sondern 620 PS und geht mit bis zu 620 Nm zu Werke und wird zum stärksten Motor, den McLaren in dieser Serie bislang eingebaut hat. 

Weil der 620R außerdem ordentlich abgespeckt hat und zum Beispiel innen deshalb nur noch das Allernötigste trägt, sprintet er auch schneller als alle anderen: Von 0 auf 100 schafft er es in 2,9 Sekunden und die 200 km/h flimmern nach 8,1 Sekunden über das Display hinter dem Lenkrad. Nur das Spitzentempo ist mit 322 km/h etwas niedriger als beim 600LT, weil die aufwändige Aerodynamik ihren Tribut fordert und es Abtrieb eben nicht zum Nulltarif gibt.

Doch ist man für jedes der je nach mechanischer Einstellung des Spoilers fast 200 Kilo dankbar, mit dem die Luft auf dem Heck des Coupes lastet. Denn es ist vor allem der gewaltige Abtrieb, der zusammen mit den neuen Pirellis, die es auf Wunsch auch ganz ohne Profil gibt, für den großen Spaß sorgt: Wie mit Pattex klebt der Wagen auf dem Asphalt und verträgt deshalb mehr Querdynamik als jeder noch so stabile Magen – eher schließt man erneute Bekanntschaft mit dem Mittagessen, als dass der 620R auch nur einen Millimeter von der Idealline abweicht. Und auch die tief ausgeschnittenen Karbonschalen mit den engen Hosenträger-Gurten ergeben dann plötzlich einen Sinn – selbst wenn sie noch so unbequem sind.

Zwar wirkt die Fahrt mit dem McLaren damit auf der Landstraße und mehr noch in der Stadt ein bisschen wie eine Radtour mit einem Tour-de-France-Bike und entsprechend weit aufgerissen sind auch die Augen und Münder der staunenden Passanten. Doch anders als die Zweiräder von Chris Froome & Co bietet der 620R sogar ein überraschendes Maß an Restkomfort, so dass man nicht nach jeder Spritztour zum Physio-Therapeuten muss. Und selbst einen Hauch vom Kofferraum haben die Briten dem Rennwagen gelassen. Denn auch wenn die beiden mächtigen Nüstern im Bug reichlich Platz kosten, weil sie eben kein Fake sind, sondern tatsächlich eine Funktion haben und die Luft durch den Wagen leiten, passen unter die neue Karbonhaube noch ein kleiner Koffer oder zumindest die Helme der Insassen.

So schnell der 620R auch sein mag, wurden die Briten bei Entwicklung und Produktion allerdings ordentlich ausgebremst: Weil durch den Corona-Lockdown in Woking lange die Lichter aus waren, mussten sie die geplante Stückzahl reduzieren: Statt ursprünglich angekündigten 350 werden deshalb jetzt nur 225 Exemplare des Tieffliegers gebaut. Doch zumindest für die deutschen Kunden hat Corona sogar einen kleinen Vorteil: Dank der Steuersenkung wird der 620R immerhin 7.500 Euro günstiger – und der erste Satz Slick-Reifen für den Trackday geht auf die Staatskasse.