Beiträge

Französin for Future

Sportwagenfahrer haben es echt nicht leicht. Zur neidbedingten Anfeindung gesellt sich in Zeiten von Sand im ­Getriebe nun zusätzlich die klimabedingte. Mit der Alpine A110 ist man da ein bissel im Leo.

Text: Maximilian Barcelli und Jakob Stantejsky

Und das, obwohl die meisten Hater so viel Ahnung von Autos haben wie ein Chinchilla von Quantenmechanik. Dementsprechend wissen sie auch nichts von der glor­reichen Motorsport-Historie der Marke. Oder dass die neue Alpine A110 von einem kleinen Turbo-­Vierzylinder mit nur 1,8 Litern Hubraum und 252 PS vorwärtsgetrieben wird. Und dass sich dieser richtig verbrauchsarm verhalten kann – sofern man einen handzahmen Umgang mit dem Sportwagen pflegt. Was, zugegeben, jetzt nicht gerade häufig vorkommt. Aber wenn, dann sind Verbräuche mit einer Sieben vor dem Komma problemlos möglich. Seinerzeit hat bei sieben Litern erst das Volumen des Brennraums begonnen, alles andere war Matchbox. Zwar weiß der Grantler von all dem nichts, trotzdem ist er der Alpine A110 nicht feindselig gesinnt. Mag am messerscharfen, aber wenig protzigen Design liegen. Vielleicht sind’s auch die kompakten Außenmaße.

Die Alpine A110 ist jedenfalls der Sportwagen von morgen – und das schon seit 2017. Um diesen Status zu erreichen, setzt die schöne Französin nicht etwa auf ein Hybridsystem, sondern auf Verzicht. Durch die radikale Diät – die Alpine wiegt nur 1,1 Tonnen – ist kein aufgeblasenes Triebwerk von Nöten, um in 4,5 Sekunden vom Stand aus auf Landstraßentempo zu sprinten. Es bedarf keiner Bremsanlage von der Größe eines Gymnastikballs, um die Fuhre ordnungsgemäß zu verzögern. Und mit Verve ums Eck marschiert die Alpine auch ganz ohne Hinterachslenkung, Wankstabilisierung und Co.

Insbesondere bei der Pure-Ausstattungslinie liegt der Fokus auf pointierter Gewichtsreduktion. So kommen die großartigen Sabelt-­Sportsitze nicht nur optisch ­verdammt sexy rüber und umschließen Fahrer wie Beifahrer hart, aber herzlich, sie wiegen auch nur schlappe 13,1 Kilo. Ansonsten zeichnet sich die Alpine A110 Pure durch die Konzentration auf das Wesentliche aus. Wobei natürlich essenzielle Komfortfeatures wie ein Audiosystem oder Navigation nicht fehlen. Beide finden jedoch nur selten Verwendung. Lieber lauscht man dem sonoren Klang, der aus dem prominent platzierten Endrohr tönt. Und unter uns: Das Ziel ist oft nur die nächste Kehre.

Dort zieht die Alpine A110 dann alle Register. Klar imponiert die Beschleunigung, aber so richtig süchtig macht die französische Flunder im kurvenreichen Terrain. Lenkbefehle am kompakten Volant werden mit herzchirurgischer Präzision umgesetzt, grobe Lastwechsel nimmt sie achselzuckend hin, und die Vorderachse fühlt sich leichter an als eine Feder. Untersteuern wird in der Alpine A110 zu einem Fremdwort. Trotz Mittelmotor-Layout, dem ja ein heimtückisches Wesen nachgesagt wird, verhält sich der Sportwagen niemals kapriziös und zickig. Sicher entwischt das Heck hie und da für ein kleines Tänzchen. Anders als bei Pubertierenden, die sich nachts aus der Wohnung schleichen, meldet die Alpine den Gripverlust der Hinterachse immer zuverlässig an und lässt sich auch spielend wieder einfangen. Dabei greift einem auch die Elektronik unter die Arme. Für den Hardcore-Puristen lässt sie sich natürlich deaktivieren, doch sind ESP und ABS so fein austariert, das dies im Grunde nicht nötig ist.

Apropos Hardcore-Purist: Option auf einen Handschalter gibt es keine. Doch das Sieben-Gang-­Doppelkupplungsgetriebe verrichtet seinen Job so smooth – egal, ob mit oder ohne Paddle-Eingriff –, dass die überschäumenden En­dorphine sowieso jeden rationalen Gedanken aus dem Gehirn streichen. Beim Tiefflug von Kurve zu Kurve verschwimmen Straße und Auto zu einer harmonischen Landschaft, die an ein Van-Gogh-Gemälde erinnert. Alles wirbelt wild durcheinander und ergibt doch ein stimmiges Gesamtbild. Und wenn es von dem Niederländer heißt, dass er die moderne Malerei begründet hat, dann wollen wir die Alpine als Blaupause des Sport­wagens der Zukunft bezeichnen. Denn in der Ära von Downsizing und PS-Shaming demonstriert die Französin eindrucksvoll, dass wir gar keinen großen, bösen, schmutzigen Motor brauchen, um ins Sportwagen-Schlaraffenland einzufahren. Und sollten Sie wirklich eine kleine Raupe Nimmersatt sein: Die Alpine A110 gibt es seit 2019 auch als S mit 292 PS.


Alpine A110 Pure
Hubraum: 1.798 ccm
Leistung: 252 PS
Verbrauch: 6,4 Liter
Drehmoment: 320 Nm / 2.000–5.000 U/min
Beschleunigung: 0–100: 4,5 s
Spitze: 250 km/h
Gewicht: 1.098 kg
Preis: ab 59.900 Euro

Es gibt jetzt eine Rallye-Alpine!

Zurück zu den Wurzeln, könnte man sagen, wenn man von der Signatech-Rallye-Alpine spricht. Denn schon die ursprüngliche Alpine hat als Rallyebolide von sich reden gemacht. Die guten alten Zeiten leben jetzt mit voller Kraft wieder auf.

Text: Jakob Stantejsky

Dass wir von der Alpine A110 hellauf begeistert sind, habt ihr hier wahrscheinlich schon aufgeschnappt. Nachdem Renault vor Kurzem eine noch schärfere Rennversion angekündigt hat, setzt es nun auch noch eine Rallye-Variante. Damit die den widrigen Verhältnissen der Disziplin auch standhält, wurde sie selbstredend intensiv überarbeitet.

Der fix und fertige Spaß kostet übrigens 150.000 Euro. Damit ist die Rallye-Alpine mehr als doppelt so teuer wie die Basisversion – doch dafür bekommt man auch eine Menge Upgrades geliefert.

Der Heckantrieb bleibt der flotten Französin erhalten, wird aber mit einem Sperrdifferential und einem sequentiellen Sechsganggetriebe gepaart. Ein bisschen Extra-Punch gibt es auch noch, über 300 PS soll die wilde Variante leisten. Um die Kontrolle zu bewahren, bekommt der Fahrer neue Brembo-Bremsen und ein dreistufig verstellbares Fahrwerk zur Seite gestellt. Falls es doch einmal schief geht, sorgen ein Überrollkäfig und Renn-Schalensitze für zusätzlichen Schutz.

Das Interieur der Alpine ist natürlich nicht mehr wiederzuerkennen und auf volle Rallyetauglichkeit getrimmt. Wir freuen uns schon darauf, dieses Schmankerl ein erstes Mal im Dreck spielen zu sehen.

Vienna Auto Show 2018: Messerundgang