Behaunskis Fahrtenbuch

Eine Woche neben dem Fahrer

Eine Woche lange nicht Autofahren. Das wird ein Spaß, haben Sie gesagt. Da sitze ich nun, neben dem Fahrer. Ich glaube nicht, dass dieser Sitz überhaupt einen Namen hat.

Text: Rainer Behaunski

Nennen wir ihn der Ordnung halber Rausschausitz. Auf dem Rausschausitz könnte man sich einfach dem Verkehrsgeschehen hingeben. Ohne Lenkrad, Gaspedal, Bremspedal und Gaspedal transformiert man zum beeindruckten Gast. Aber nicht so, wie auf einer Überraschungs-Geburtstagsparty, wo alle Gäste super sind und einen in den Himmel heben, sondern wie in einer Horror-Geisterbahn, wo hinter jeder Ecke unaussprechliche Dinge auf den unvorbereiteten Rausschauer warten.

Vielleicht haben Sie es bereits zwischen den Zeilen herausgelesen: Ich bin mir nicht sicher, ob ich der beste Rausschauer bin. Es sind nicht unbedingt die Wörter, die meinen Mund verlassen und auch gern mal so klingen: „Die gestrichelte Linie auf der Straße, ist dir die vorher schon mal untergekommen ?“ Nein, es sind die Bewegungen und spastischen Zuckungen, die mein Körper unkontrolliert von sich gibt. Dagegen kann ich nichts tun, so wie einem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn man an das Saure von Zitronen denkt.

Einmal dachte ich, jetzt ist alles aus, als wir in die Kreuzung reinbiegen. Wir biegen ein, ohne wirklich zu schauen, weil es gestern an dieser Stelle auch gegangen ist. Auf einmal, um nicht zu sagen plötzlich, sehe ich den Kühlergrill eines Lkws ins Seitenfenster reinschauen. Eigentlich wollten wir essen gehen, was ins Wasser fiel, da sich meine Maulsperre erst Stunden später löste.

Es ist doch so: Als Fahrer schwimme ich mit dem Verkehr mit. Ich versuche, so harmonisch wie möglich unterwegs zu sein, zumindest denke ich das von mir. Wenn ich als Fahrer eine Lücke im Verkehr sehe, fahre ich hinein. Wenn vor mir ein lahmer Transporter unterwegs ist, dann schnupfe ich ihn, um mich dann in die Ausfahrt reinzuschmeißen. Als Rausschauer bist du dem Kopf des Fahrers ausgeliefert, wie ein Achterbahnpassagier, der nicht weiß, welche Achterbahn da auf ihn zukommt. Wenn der zögert und ich aber weiß, dass es locker geht, schießt bei mir der Puls in die Höhe.

Deshalb habe ich Vorkehrungen getroffen. Gleich nach der ersten Horrorfahrt habe ich mir Fäustlinge gekauft, so behalte ich meine Fingernägel und zerschreddere sie nicht vor lauter Angst mit meinen Zähnen. Mundschutz hab ich auch drin, der hindert mich am Reden und ein Pferde betäubendes Muskelrelaxan unterdrückt meine körperlichen Zuckungen. Das Bild muss ich Ihnen nicht extra malen, oder? Schwammig zitternd, murmelnd und leicht sabbernd, mit dicken Fäustlingen sitze ich im Auto. Im Sommer. Zumindest lässt mich jetzt der Lkw in meiner Seitenscheibe kalt.