40 Jahre Einzelhaft

Ferrari Daytona in japanischer Scheune gefunden

In alten Scheunen findet man allerhand, von abgenutzten Reifen über ausrangierte Mopeds bis hin zu unvorstellbar wertvollen Ferrari Daytona Berlinettas. Okay, Letzteres findet man de facto nur in einer Scheune weltweit, schließlich ist dieser Ferrari Daytona Berlinetta nicht nur einer von lediglich fünf Aluminiumleichtbau-Modellen, sondern er ist auch noch der einzige, der für die Straße zugelassen ist, was ihn zu einem Unikat im Wert von ungefähr zwei Millionen Dollar macht.

Text: Jakob Stantejsky / Photo Credit ©2017 Courtesy of RM Sotheby’s

Wie kommt so ein Schatz der Automobilwelt also in eine verramschte Scheune irgendwo in Japan? Die Reise beginnt natürlich in Italien, wo Enzo Ferraris enger Freund Luciano Conti 1969 das Fahrzeug erstand. Von hier aus wurde der Daytona im Herbst 1971 zu einem japanischen Händler verschifft. Im Jänner des folgenden Jahres fanden sich Fotos des Sportwagens in Car Graphic wieder, einem heimischen Automagazin. 1975 erstand ein Herr Goro Guwa die Berlinetta, bevor er sie 1979 an Tateo Ito weitergab. Der wiederum verkaufte das Schmuckstück nach nur einem Jahr an einen gewissen Makoto Takai, der sich für die fast 40-jährige Einzelhaft des Ferraris verantwortlich zeichnet. Weshalb der Japaner den Daytona jedoch hinter Schloss und Riegel verbannte und ihn noch dazu so herunterkommen ließ, ist nicht belegt. Schließlich und endlich hat RM Sotheby’s das sagenumwobene Gefährt in die Finger bekommen und versteigert es am 9. September. Zeit also, das Sparschwein zu schlachten!

36,390 Kilometer hat der Daytona momentan drauf, in dieser Hinsicht zählt er also noch zur eher jungen Garde unter den Gebrauchten. „Gebrauchter“, wie unangemessen das klingt für so eine Legende. Leider haben die diversen japanischen Besitzer der Berlinetta einige kosmetische Updates angedeihen lassen, alle wichtigen Teile stammen jedoch zu hundert Prozent original aus der Ferrari-Fabrik. Um nochmal auf den Wortschatz des Gebrauchtwagenmarktes zurückzukommen; das Unikat befindet sich zurzeit im Zustand Marke „Bastlerhit“. Denn die jahrzehntelange Vernachlässigung hat selbstverständlich Spuren hinterlassen. Bei einem geschätzten Preis von knapp zwei Millionen Dollar wird der zukünftige Besitzer allerdings sicher keine Probleme haben, das Kleingeld für alle notwendigen Reparaturen in seinen Hosentaschen aufzutreiben.

Wenn ich den passenden finanziellen Hintergrund hätte, ich geräte tatsächlich schwer in Versuchung, wie ich zugeben muss. Denn die Gelegenheit, einen einzigartigen Ferrari zu erstehen, der noch dazu eine solche bewegte Vergangenheit hinter sich hat und Dekaden lang von Legenden umrankt war, kommt höchstwahrscheinlich nie wieder. Da ich hier aber in die Röhre schaue, bleibt mir nur zu hoffen, dass der glückliche Auktionär dem Daytona zu alter Herrlichkeit verhilft und vor allem: Dass er ihn auf die Straße lässt. Denn dieses Kunstwerk ist lang genug im Dunklen versauert.