König der Kompakten?

Der neue Ford Focus

Er ist so etwas wie der heimliche König von Köln. Denn kein Auto ist für Ford wichtiger als der Focus – nicht umsonst wird alle 48 Sekunden ein Exemplar des Kompakten verkauft. Gebaut wird er zwar in Saarlouis und zu haben ist er der ganzen Welt, aber die Entwicklungshoheit dafür liegt am Rhein. Kein Wunder also, dass die Kölner die Brust ganz breit machen, wenn sie jetzt nach 20 Jahren und 16 Millionen Exemplare im September zu Preisen ab 18.700 Euro die vierte Generation des Golf-Gegners an den Start bringen.

Von Thomas Geiger

Selbst wenn der Abstand zum Klassenprimus aus Wolfsburg zuletzt gewaltig war und sogar die Koreaner den Focus bei Ambiente, Ausstattung und Technik ausgestochen haben, mangelt es den Machern dabei nicht an Selbstvertrauen. Auf einem weißen Blatt Papier von Grund auf neu entwickelt, sei der neue Focus nicht weniger als das beste Auto in der Kompaktklasse, sagt Marketing-Chef Wolfgang Kopplin und fußt diese kühne Ansage auf mehrere Faktoren. So sei der Focus trotz nahezu unveränderter Abmessungen deutlich geräumiger als bisher, die Auswahl an Assistenzsystemen sei größer, die Motoren moderner und das Infotainment fortschrittlicher. Und auch das Design kann sich mal wieder sehen lassen, selbst wenn der Focus im Profil ein wenig an die A-Klasse erinnert – aber das ist ja nicht die schlechteste Referenz.

Vieles von dem, was Kopplin rühmt, kann man schon nach der ersten Sitzprobe bestätigen. Die Platzverhältnisse zum Beispiel sind, fünf Zentimetern Radstand sei Dank, tatsächlich deutlich besser und auch in der zweiten Reihe können Erwachsene jetzt gut sitzen. Die Liste der elektronischen Helfer ist lang und umfasst nun erstmals auch eine Art Staupilot, der bei Längs- und Querführung hilft und den Fahrer so zum Nebendarsteller macht. Und das Ambiente ist aufgeräumter denn je. Ja, nicht jeder Kunststoff ist Premium und es gibt ein paar zu viele verschiedene Materialien im direkten Blickfeld, das erste Head-Up-Display bei Ford ist leider wie bei vielen Konkurrenten nur eine elektrisch aufgestellte Plexiglasscheibe, und für komplett digitale Instrumente hat es auch nicht gereicht. Doch im Krieg der Knöpfe herrscht jetzt endlich Frieden, das Auto ist aufgeräumt, die Ergonomie stimmt und digital Natives werden mit einem Connect-System geködert, das nicht nur über einen schmuck freistehenden Touchscreen und Sprache gesteuert wird, sondern das auch online geht und einen Hotspot für die Handys bereitstellt, die nun kabellos geladen werden können.

Was sich dagegen nicht verändert hat, das ist der Fahrspaß im Focus. Erstmals je nach Motorvariante mit einer Verbundlenker- oder einer Multilenk-Achse im Heck lieferbar und auf Wunsch mit adaptivem Fahrwerk ausgestattet, fühlt sich der Focus deutlich lebendiger an als der Golf und Autos wie der neue Kia Ceed. Die Lenkung präzise, die Straßenlage stramm und in den Kurven schön knackig erweist sich Ford mal wieder als der BMW unter den Volumenmarken.

In Fahrt bringen ihn dabei eine breite Auswahl an Motoren, die vor allem in der Otto-Fraktion konsequenter auf Downsizing setzen als VW & Co. Denn bis zum Debüt der Sportmodelle ST und RS gibt es erst einmal nur Dreizylinder-Turbos mit 1,0 oder 1,5 Litern Hubraum und 85 bis 182 PS. Und weil Ford mit diesen EcoBoost-Triebwerken mittlerweile reichlich Erfahrung hat, haben die nicht nur einen besseren Biss als bei vielen Konkurrenten, sondern vor allem schnattern die Dreizylinder nicht so laut. Die Diesel dagegen brennen auf vier Flammen und kommen mit 1,5 oder 2,0 Litern Hubraum auf 95 bis 150 PS und erfüllen allesamt die Euro 6d Temp-Norm. Die Motorauswahl ist breit und zum ersten Mal gibt es sogar eine achtstufige Automatik. Aber eines fehlt den Focus zum Golf: Der in Wolfsburg gern genommene Allradantrieb.

Mit den Motoren sind Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 222 km/h drin und die Verbrauchswerte liegen trotz der neuen Zyklen auf einem überraschend niedrigen Niveau. Nicht umsonst beginnt es bei den Benzinern mit 4,7 und bei den Dieseln mit 3,5 Litern. Das liegt aber nicht alleine an den frischen Triebwerken, sondern auch an einer erfolgreichen Diät. Schließlich hat der Focus im besten Fall zwei Zentner abgenommen.

Wie bei den Motoren bietet Ford auch bei den Modellvarianten reichlich Auswahl: Starten wird der Focus diesmal deshalb nicht nur als Fünftürer und als Turnier, der immerhin elf Zentimeter in die Länge geht 575 bis 1.653 Liter Stauraum bietet. Sondern genau wie beim Fiesta gibt es ein paar Monate später auch einen Active, der mit etwas mehr Bodenfreiheit und ein paar Planken aus Plastik die Nähe zum SUV sucht. Außerdem legt Ford wieder eine sportliche ST-Linie auf und adelt den Kompakten mit reichlich Lack und Leder zum Vignale.

Er sieht besser aus als bisher und fährt auch so, seine Ausstattung ist auf der Höhe der Zeit und die Downsizing-Motoren sind vorbildlich: So hat Ford mit dem vierten Focus wieder Anschluss an Golf & Co gefunden und die Latte deutlich höher gelegt. Nur in einer Disziplin haben die Kölner nachgelassen. Beim Preis. Denn der neue Focus kostet 200 Euro weniger als sein Vorgänger.