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BMW iX und Ioniq 5: Die Zukunft ist jetzt

Wenn man einem Unwissenden Fotos vom BMW iX oder dem Ioniq 5 zeigen würde, dächte der wohl, dass es sich um Studien oder ein Konzept handelt. Denn selbst im Jahr 2022 ist der Auftritt der beiden Elektriker so futuristisch und eigenständig, dass man sie als Zukunftsmusik einordnen würde. Doch die Zukunft ist jetzt.

Das wird dem Einsteigenden vor allem im BMW iX bewusst, der in unserem Fall dank der großzügigen Ausstattungsliste seine Insassen ganz besonders raumschiffgleich umfängt. Sitze, Türen, Armaturenbrett und Co. sind hier komplett mit einer samtigen Stoff-Mikrofasermischung ausgekleidet. Das hat selbst der hartgesottene Autotester kaum je zuvor gesehen. Natürlich gibt es (für noch mehr Asche) natürlich auch komplette Lederwelten, doch der neuartige Bezug passt hervorragend zum futuristischen Image des iX. Gerade in Kombination mit den Applikationen in Clear & Bold, was nichts anderes bedeutet, als dass MMI-Drehscheibe, Automatikwählknubbel und Sitzeinstellungsknöpfe durchsichtig sind, erscheint das Münchner Interieur fast wie aus einer anderen Welt. Apropos: Hier hätte BMW sich nicht unbedingt etwas bei Mercedes abschauen müssen – die Sitzbedienung hätte ruhig unsichtbar am Gestühl verbleiben dürfen. Aber gut, so bringt man halt noch ein bisschen mehr Bling-Bling im Cockpit unter.

Asien-typisch geht es im Ioniq 5 („Hyundai“ will der Stromer ja nicht mehr heißen), deutlich nüchterner und simpler zu. Was aber nicht heißen soll, dass der Koreaner fad oder gar hässlich ist. Das durchwegs helle Interieur passt gut zur lautlosen, leichtfüßigen Fortbewegung, es gibt viel Platz und alle Bedienungselemente sind fein verarbeitet. Alles nicht gar so abgehoben wie im iX, aber immer noch sehr modern und gefällig. Weniger gut gefallen aber bei beiden E-SUVs einige Aspekte der Bedienung. Unverständlich ist beispielsweise, wieso man im Ioniq 5 die Sitzklimatisierung nicht als Taste untergebracht hat, wenn man doch eh schon löblicherweise eine Klima-Leiste unter dem Touchscreen verbaut hat. So darf man sich jedes Mal durch die Menüs klicken, wenn man den Popsch einen Hauch wärmer oder kühler haben möchte. Ähnliches gilt für den BMW, bei dem sowieso alles per Infotainmentscreen zu steuern ist. Der gigantische Vorteil ist hier der typische MMI-Schalter, der auch in der digitalen Welt noch eine gewisse Haptik und Intuition vermittelt. Aber trotzdem: Mit seiner gewaltigen Zahl an Apps und Untermenüs bietet der iX zwar zahlreiche, teils erstaunliche Funktionen, überfordert den Lenker aber zumindest bei voller Fahrt auch heillos. Und ganz von selbst kann und darf er halt doch noch nicht dahindüsen.

Abgesehen von ihren kleinen Macken lebt es sich in beiden Wagen elegant bis luxuriös, wobei der iX schon deutlich schwerere Komfortgeschütze auffährt. Muss er aber, schließlich liegen zwischen unseren beiden Testwagen auch rund 40.000 Euro (65.440 zu 105.162 Euro). Und die können ja nicht nur auf die etwas mehr als 30 Zentimeter entfallen, um die der Bayer länger ist. Unter der Haube sucht man den ganz großen Unterschied jedenfalls vergeblich. So bietet das getestete Einstiegsmodell BMW iX xDrive 40 Allradantrieb, 326 PS, 630 Nm Drehmoment, eine 76,6 kWh-Batterie und 425 Kilometer Reichweite. Und das Topmodell Ioniq 5 Top Line Long Range 4WD? Allradantrieb, 305 PS, 605 Nm Drehmoment, einen 72,6 kWh-Akku und 460 Kilometer Reichweite. Von null auf 100 km/h nimmt der Ioniq 5 seinem Gegenüber mit 5,2 Sekunden sogar fast eine ganze Sekunde ab. Bei annähernd gleichen Leistungsdaten und rund 300 Kilogramm Mehrgewicht auf Seiten des Münchners kein Wunder. Aber wie schon erwähnt: Ist der Koreaner in dieser Konfiguration bereits an seinem Zenit angekommen, geht es im iX-Universum hier erst richtig los. Als Statussymbol taugt der Deutsche also auch in der elektrischen Zukunft deutlich besser.

Sowieso wollen beide Fahrzeuge völlig unterschiedliche Käufer ansprechen und ganz andere Werte vertreten. Macht der Ioniq 5 seit seiner Einführung vor allem Schlagzeilen mit seinem exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnis, ist der iX eindeutig ein Prestigeprojekt der ohnehin schon nicht allzu bestpreisorientierten Bayern. War der iX3 noch eine schnelle Nummer, damit man elektrisch mitspielen kann, will man mit dem E-Koloss beweisen, wie eindrucksvoll die BMW-DNA E-Mobility noch spektakulärer machen kann. Apropos spektakulär: Der Ioniq 5 funktioniert natürlich auch nicht nur als vernünftiger Praktiker. Auch sein Auftritt ist durchaus extravagant und erntet mit seinen harten Kanten und simplen Linien viel Bewunderung.

Dass Design einer der, wenn nicht der wichtigste Kaufentscheidungsgrund ist, wissen wir schon länger. Autos werden immer expressiver, wenn aktuell nicht Dynamik vermittelt werden soll, dann meist eine gewisse Futuristik. Insofern werden wir uns daran gewöhnen, dass der Zukunfts-Look öfter im Hier und Jetzt über die Straße rollt. Und bei aller Optik geht es auch heutzutage noch immer um das Rollen an und für sich. Natürlich müssen nicht immer die Fetzen fliegen. Auch bei BMW iX und Ioniq 5 geht es eher gediegen zu. Doch Komfort will ebenfalls gekonnt sein. In beiden Vehikeln fährt – und reist – es sich sehr geschmeidig, der Antritt vermittelt eine wohlige Portion Power und trotz ihrer Gewichtigkeit wanken sie nicht wie ungelenke Riesen durch die Kurven. Klar, die jeweils über 400 Kilometer Reichweite sind auf der Langstrecke reine Fantasie, vor allem im (eiskalten) Winter. Bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt zeigen die schmucken digitalen Instrumente selbst bei voller Ladung nicht viel mehr als 300 Kilometer an – verständlich, schließlich wollen nicht nur gut zwei Tonnen bei angenehmem Innenklima bewegt, sondern auch Sitze beheizt und andere Luxuriositäten betrieben werden. Das kostet halt Energie.

Trotz ihres stattlichen Auftretens und ihrer äußerst geräumigen Innenräume sind weder der BMW iX noch der Ioniq 5 die geborenen Langstreckenraketen. Das liegt allerdings ausschließlich an ihrer Reichweite im Vergleich zu einem schönen Diesel mit fetten 70 bis 90 Litern Tank, und keineswegs an mangelndem Komfort. Doch auch wenn Elektroautos selbst im Jahr 2022 ein paar Mal öfter stoppen müssen, ist längst nicht mehr von stundenlangen Unterbrechungen die Rede. Das gilt vor allem für den Ioniq 5 mit seiner 800 Volt-Ladetechnik, die man im BMW vergeblich sucht – sogar in der ausufernden Aufpreisliste. Fest steht: Wer ein bisschen Geduld und Zeit mitbringt, findet in diesen beiden Modellen Automobile, mit denen einem alle Wege offen stehen.

Fest steht aber auch, dass BMW iX und Ioniq 5 trotz aller Parallelen in puncto futuristischem Design und Hochwertigkeit ganz andere Kunden ansprechen (sollen). Allein schon wegen des Größen- und Preisunterschieds wird wohl kaum jemand bei der E-Auto-Suche schlussendlich zwischen dem Deutschen und dem Koreaner schwanken. Auch stilistisch sind die beiden bei aller Avantgardistik so verschieden, dass sie sehr unterschiedliche Geschmäcker bedienen dürften. Doch genau das ist der positive Schluss, den wir aus diesem Vergleich ziehen. Die Zukunft ist jetzt. Und das gilt nicht nur für teure Luxuselektriker wie den BMW iX, sondern auch für deutlich erschwinglichere Preisklassen. Auch wenn der Ioniq 5 in seinem Segment aktuell noch deutlich als das wohl coolste Modell heraussticht, beweist er, dass auch die Mittelklasse heute ihrer Zeit voraus sein kann. Und allein schon der Konkurrenzdruck wird dafür sorgen, dass andere Hersteller bald dem von ihm gewiesenen Weg folgen werden.

Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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