Mercedes SL: Power statt Prestige

Er gehört zu Mercedes wie der Stern auf der Haube und das Leder auf den Sitzen. Denn ohne den legendären SL würde den Schwaben viel von jener luxuriösen Leichtigkeit, Strahlkraft und Sportlichkeit fehlen, die allein mit einer S-Klasse nicht zu erlangen sind. Doch dummerweise hat die Legende reichlich an Strahlkraft verloren: Während der Flügeltürer aus den 1950ern bei den Auktionen durch die Decke geht, gilt die aktuelle Auflage des SL als Ladenhüter und übergewichtiger Sportwagen für Senioren, dem nicht zuletzt der AMG GT schwer zugesetzt und die letzten ambitionierten Kunden gekostet hat. Doch jetzt zieht Mercedes die Notbremse und richtet den Roadster neu aus: Wenn im kommenden Jahr die nächste Generation an den Start geht, soll sie deshalb wieder zurück zu den Wurzeln finden und bei allem gebotenen Komfort deutlich sportlicher daherkommen. Nicht umsonst haben sie in Stuttgart die Entwicklungshoheit diesmal an AMG übertragen.

Von Thomas Geiger

Dort wird der nächste SL jetzt zwar auf einer Plattform mit dem Nachfolger des GT entwickelt, doch können die schnellen Schwaben auf diese Weise beide Modelle sauber positionieren und weit genug auseinanderrücken: Was der SL deshalb an Präsenz und Performance gutmacht, muss auch der GT zulegen und dürfte so zu einem reinrassigen Rennwagen werden, während der SL den Powercruiser gibt und sich auch weiter auf dem Boulevard sehen lässt. Und wenn Mercedes Ernst macht mit der angekündigten Portfolio-Bereinigung, wird zugunsten des SL zudem der bisherige GT Roadster gestrichen. Genau wie die Schwaben ja auch den SLC schon ersatzlos aus dem Rennen geenommen haben.


Den Anspruch der neuen Sportlichkeit wird man dem SL des Jahres 2021 bereits auf den ersten Blick ansehen. Nicht nur, weil sich das Design tatsächlich am 300 SL orientieren soll, wie Stilführer Gordon Wagener bereits verraten hat. Sondern vor allem, weil der neue SL endlich wieder ein Stoffverdeck bekommt und damit optisch wie physikalisch wieder spürbar leichter wird. Dazu gibt es mit der neuen Modulareen Sportscar Architecture (MSA) vermutlich analog zum aktuellen GT wieder den so genannten Transaxle-Antrieb mit dem Motor vorn und dem Getriebe hinten, was für eine ausgeglichene Gewichtsverteilung und entsprechend mehr Spaß in den Kurven sorgt.

Hinter dem bei AMG mittlerweile üblichen Panamericana-Grill dürfte es zunächst die mehr oder minder bekannten und milde hybridisierten Sechs- und Achtzylinder-Benziner geben, die mal mit und mal ohne AMG-Logo antreten und so vom SL 400 und 500 über den SL 53 und SL 63 schon eine Spanne von knapp 400 bis gut 600 PS abdecken, die in den meisten Fällen wohl über alle vier Räder auf die Straße gebracht wird. Und während man hinter den V12-Motor noch ein dickes Fragezeichen setzten muss, gilt das Comeback des legendären SL73 offenbar als gesetzt – nur eben nicht mit zwölf Zylindern, sondern als einer der ersten echten Hybride von AMG mit E-Motor und einer Systemleistung jenseits von 800 PS.

Zwar will der SL mehr denn je wieder ein Sportwagen sein. Doch eine Kröte müssen sie in Affalterbach schlucken: Weil Mercedes mit dem Generationswechsel der S-Klasse das größte und vornehmste Cabrio im Portfolio einstellt und die Schwaben diese Kundschaft nicht ohne Alternative lassen wollen, haben sie dem Roadster eine Rückbank ins Lastenheft geschrieben. Die wird zwar kaum mehr sein als ein besseres Alibi und allenfalls als Jackenablage oder Gepäckbrücke taugen, doch erschwert sie die Argumentation für den puristischen Ansatz. Es sei denn, man lenkt den Blick auf einen anderen Stuttgarter Hersteller – schließlich ist auch der Porsche 911 ein 2+2-Sitzer und niemand wird an dessen sportlichen Ambitionen zweifeln.

Stoffdach statt Hardtop, vier statt zwei Sitze, ein elektrischer Hilfsmotor sowie zukünftig vielleicht sogar eine rein elektrische Version und bei der Auslegung mehr Performance als Prestige im Sinn – zwar mag sich vieles am SL verändern und das meiste davon hoffentlich zum Guten. Doch eines wird bleiben: Auch der neue SL ist ohne Zweifel ein teures Vergnügen – für weniger als 100.000 Euro (D) dürfte es die nächste Generation deshalb kaum geben.