Wohin geht die Reise?

Jeep Compass

von Thomas Geiger

Die Ersten werden die Letzten sein. Denn ausgerechnet der selbst erkältete Erfinder des Geländewagens hat vom Boom auf der Buckelspite bislang am wenigsten profitiert und Jeep musste dem Erfolg traditionsloser Nachahmer tatenlos zuschauen.  Zwar weisen die Zulassungszahlen der Amerikaner seit ein paar Jahren wieder steil nach oben. Doch im wichtigen Kompaktsegment klaffte seit dem Ende des unseligen Compass eine schmerzliche Lücke. Die wird jetzt endlich wieder geschlossen, genauer gesagt: im Sommer 2017.

Mit dem Vorgänger hat er außer dem typischen Jeep-Grill nicht viel mehr als den Namen gemein. Denn aus dem ebenso schrägen wie schrulligen Amerikaner ist ein gefälliges SUV geworden, das lässig mit dem Mainstream schwimmt: Die Form ist mit Scheinwerfern wie bei einer Comic Figur, einer Haifischflosse im hinteren Drittel der Flanke und einem schwarzen Dach ebenso auffällig wie ansehnlich. Das Format mit 4,40 Metern Länge und 2,64 Meter Radstand ist ausreichend für genügend Kniefreiheit auch in der zweiten Reihe und einen Kofferraum von knapp 500 Litern. Und ganz in Gegensatz zum Vorgänger sieht auch der Innenraum endlich ordentlich aus.

Die Lack- und Lederorgien von VW & Co macht Jeep zwar nicht mit. Doch selbst die Modelle für die US-Kunden, die auf solche Details bekanntlich weniger Wert legen, sind solide verarbeitet und – Hartplastik auf den Konsolen und billigen Filzteppich im Kofferraum her – schick ausgeschlagen. Insbesondere das Cockpit macht einen modernen, frischen Eindruck, weil zwischen den analogen Instrumenten ein großer Bildschirm steckt und weil daneben ein noch größerer Touchscreen montiert ist. Auf dem läuft nicht nur die Navigation und das in den USA unverzichtbare Satellitenradio. Sondern darüber kann man auch Apple CarPlay und AndroidAuto nutzen, spezielle Jeep Apps laden und die meisten Fahrzeugfunktionen steuern. Viele Schalter braucht es deshalb im Cockpit nicht mehr.

Der Compass zeigt in Richtung Mainstream und genau so fährt das SUV auch. Die Lenkung schon bei den sonst gerne eher unverbindlichen US-Modellen überraschend präzise und direkt. Und das Fahrwerk ist auf der einen Seite so komfortabel, dass man stundenlang über den Highway gondeln könnte, und auf der anderen Seite so bestimmt, dass man auch auf schlechten Terrain nicht vom Kurs abkommt.

Wer da ganz sicher gehen will, der nimmt die Abenteuervariante Trailhawk. Sie hat etwas mehr Bodenfreiheit, schützt ihre Weichteile mit stabilen Planken und nutzt einen Allradantrieb mit einer simulierten Geländeuntersetzung. Dazu noch den Fahrprogrammregler auf Sand, Schnee oder Schlamm gedreht, und der Compass lässt sich auch von Geröllfeldern, Wasserläufen oder Wüstendünen nicht vom Kurs abbringen. Das ist bei Jeep keine Überraschung. Eher wundert man sich darüber, wie gut sich der Compass in der Zivilisation schlägt – immerhin hat er mit einer automatischen Anstandsregeln, Assistenten für Spurhaltung und –wechsel sowie einer hoch auflösenden Rückfahrkamera ein zeitgemäßes Paket an elektrischen Helfern .

Nur der Motor ist eine Katastrophe. Den statt Kraft entwickelte der 2,4 Liter große Vierzylinder mit dem eigenwilligen Beinamen „Tigershark“ nur Krawall und wenn jemand statt 180 nur 90 PS ins Datenblatt geschrieben hätte, würde man auch das noch für eine Übertreibung halten. Denn das bisschen, was an Leistung noch auf der Kurbelwelle ankommt, das schluckt dann eine hoffnungslos überforderte Neungang-Automatik, bei der man gar nicht glauben mag, dass sie tatsächlich von ZF kommt, so schlecht wie sie abgestimmt ist.

Gut, dass Jeep den Compass zwar als Weltauto versteht, ihn aber für die einzelnen Regionen entsprechend anpasst. Wenn in Mexiko demnächst die ersten EU-Autos vom Band laufen, dann werden die Amerikaner mutmaßlich ins Teileregal des kleinen Bruders Renegade greifen und dessen Antrieb übernehmen – wozu teilen sich die beiden schließlich eine Plattform?

Genau wie beim Junior-Jeep wird es deshalb wohl einen 1,4 Liter-Benziner und einen 2,0 Liter Diesel mit jeweils 140 und 170 PS geben, wo fast alle auch mit Allradantrieb bestellt werden können. Und womöglich kommt auch noch der 1,6 Liter Diesel mit 120 PS.

Zwar kommt der Compass spät und die Lücke schmerzt Europachef Dante Zilli gewaltig. Doch umso höher sind seine Erwartungen in das neue Modell. Weil es in dem mit Abstand größten Segment des Marktes antritt, sieht er es auch an der Spitze seiner Absatz-Statistik. Zumindest in der internen Wertung dreht er damit das Ranking um: Dort wird der letzte dann schon bald der erste sein.