Auch in Korea kann man Golf spielen

Der neue Kia Ceed

Die Zeiten, in denen Golf mal ein elitärer Sport war, sind längst vorbei. Genauso wie die Zeiten, in denen VW die alleinige Deutungshoheit in der Kompaktklasse innehatte. Denn auch wenn dem Dauerbrenner aus Wolfsburg zahlenmäßig noch immer keiner das Wasser reichen kann, hat die Konkurrenz zumindest technisch kräftig aufgeholt. Für kaum jemanden gilt das mehr als für die Koreaner, die dem VW mit akribischem Fleiß und blindem Eifer hinterher hecheln. Zwar gehen sie dabei fast bis zur Selbstaufgabe und büßen beinahe ihre Identität ein. Doch nachdem schon der Hyundai i30 sein Handicap auf dem Golfplatz deutlich verringert hat, ist jetzt Cousin Kia Ceed an der Reihe. Wenn im Juli zu Preisen ab 15 990 Euro die dritte Generation an den Start geht, will sie deshalb endgültig beweisen, dass es nicht immer Golf sein muss.

Von Thomas Geiger

Dafür setzen die Koreaner auf ein gefälliges aber bewusst gewöhnliches Design, das keine Ecken und Kanten hat und deshalb auch nirgendwo aneckt. Ja, die Proportionen sind bei einer unveränderten Länge von 4,31 Metern durch den gestreckten Radstand und den von vorne nach hinten verschobenen Überhang ein wenig knackiger geworden und aus mancher Perspektive scheint ein bisschen Stinger durch. Doch genau wie das große Vorbild aus Wolfsburg will auch Kia eine breite Kundenschicht bedienen und geht deshalb auf den größten gemeinsamen Nenner des guten Geschmacks zurück.

Innen legen die Koreaner dagegen noch einmal nach und möbeln den weiterhin in der Slowakei gebauten Wagen gründlich auf. Zwar fehlt ihm zum Golf zum Beispiel das digitale Kombiinstrument. Doch vornehme Materialien und große Touchscreens machen einen schmucken Eindruck und das Komfortniveau ist wie immer überdurchschnittlich. Nicht umsonst gibt es nun zur Lenkradheizung, klimatisierte Sitze vorne und beheizte im Fond, sondern auch kaum sichtbare Heizdrähte für die Frontscheibe. Von der Online-Navigation und der induktiven Smartphone-Ladeschale ganz zu schweigen.

Ebenfalls kräftig aufgerüstet hat Kia bei den Assistenzsystemen: Neben der automatischen Abstandsregelung und den Warnern für Kreuzungen und Querverkehr gibt es deshalb jetzt zum ersten Mal bei einem Auto aus Korea auch eine aktive Spurführung mit Lenkeingriff und damit den ersten Schritt zum autonomen Fahren – zumindest auf der Autobahn und bis 130 km/h wird der Griff zum Steuer damit zur Formsache.

Wo einem das bei anderen Autos als Entmündigung vorkommen mag, lässt man sich die Arbeit im Kia gerne abnehmen. Denn wenn es dem Koreaner an etwas fehlt, dass ist es an Fahrfreude. Genau wie das Design ist nämlich auch die Abstimmung grundsolide aber stinklangweilig: Das Fahrwerk komfortabel aber unverbindlich und die Lenkung präzise aber wenig konkret – da hilft es auch nicht, dass man der Straße jetzt zwei Zentimeter näher ist und ein besseres Gefühl fürs Auto hat.

Wie nebensächlich das Fahren um des Fahrens Willen in diesem Kia ist, zeigt auch die Motorauswahl in der Startaufstellung. Nicht dass sich die Koreaner damit keine Mühe gegeben hätte. Immerhin ist einer der drei Benziner ganz neu und die beiden anderen fahren jetzt zumindest ebenfalls mit Partikelfilter. Und auch der Diesel mit SCR-Katalystor gibt im Ceed seinen Einstand. Doch wer fünf Motoren anbietet und damit trotzdem nur eine Spanne von 100 bis 140 PS abdeckt, der lockt jetzt nicht gerade mit Lust und Leistung.

Dabei ist zumindest der neue Spitzenbenziner ohne Tadel. Aus 1,4 Litern Hubraum mobilisiert der Turbo immerhin 140 PS und geht mit bis zu 242 Nm zu Werke. Völlig unaufgeregt beschleunigt er damit in 8,9 Sekunden von 0 auf 100 und wer ein bisschen Geduld hat, kommt immerhin auf Tempo 210.

Los geht es für den Ceed erst einmal mit dem neuen Fünftürer, der bei gleicher Länge innen etwas mehr Platz und einen von 380 auf 395 Liter gewachsenen Kofferraum bietet. Doch dabei soll es nicht bleiben. Eine Neuauflage für den Kombi mit dann 4,60 Metern Länge und bereits bei voller Bestuhlung 600 Litern Laderaum ist gesetzt, ein Coupé im Stil des Schwestermodells Hyundai i30 Fastback gilt als höchst wahrscheinlich und eine SUV-Variante ist nicht ausgeschlossen. Nur den aggressiven Dreitürer soll es künftig nicht mehr geben, weil der offenbar zu progressiv war.  Was aber trotzdem kommen wird, ist eine Sportvariante, der man rund 200 PS nachsagt. Und damit niemand glaubt, die Koreaner schlügen jetzt über die Stränge, kompensieren sie den Ausbruch an Fahrfreude im Gegenzug mit einem Mildhybrid-Diesel, dem sie für einen geringeren Verbrauch einen neuen Startergenerator vorschalten.

Solide und seriös, ernsthaft und erwachsen – die neue Nüchternheit geht beim koreanischen Golf-Gegner bis ins letzte Detail. Sogar den Namen hat Kia dafür in der dritten Auflage angepasst: Aus Cee’d wird Ceed und der verspielte aber sinnfreie Apostroph ist jetzt Geschichte.