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Der Grüne und das Biest

300 PS in einer kompakten SUV-Hülle: In der Theorie gleichen einander Peugeot 3008 Hybrid4 und VW T-Roc R wie ein Hoden dem anderen. In der Praxis retten Sie mit dem einen die Welt, mit dem anderen eher weniger, ­haben dafür aber beim Nicht-Weltretten sehr viel Spaß.

Text: Maximilian Barcelli & Jakob Stantejsky, Fotos: Eryk Kepski

Wobei das gar nicht so sein müsste. Auch der VW T-Roc R hat Potenzial, die Erde zu einem besseren Ort zu machen. Jetzt nicht in puncto Emissionen, da ist der Zug abgefahren. Und zwar keine hochmoderne Taurus, sondern eine fette Dampflok. Aber den majestätischen Pottwal, den kann er vielleicht retten. Die weise Karettschildkröte auch. Und nicht zu vergessen die knuddelige Babyrobbe mit ihren Knopfaugerln. Eben jene Tiere, die dem Kunststofftod geweiht sind. Könnte man zumindest glauben, wenn man ins Interieur des Wolfsburgers blickt. Denn das strotzt ­dermaßen vor Plastik, als ob der T-Roc es sich zur Mission gemacht hätte, die bis zu zwölf ­Millionen Tonnen Kunststoff, die jährlich im Meer landen, ganz ­alleine zu recyceln.

Von einem Auto, das mindestens 52.440 Euro kostet, darf man sich schon qualitativ hochwertigere Materialien im Innenraum erwarten. Doch nein, der getestete T-Roc R gewandet sein Cockpit, abgesehen von einer glänzenden Zierleiste, quasi komplett in Hartplastik. Das gilt für das Armaturenbrett genauso wie für die Türen und hinterlässt trotz des feinen Lederlenkrads einen üblen Nachgeschmack. Auch die Sitze bestehen hauptsächlich aus Stoff, was an und für sich ja kein Problem darstellt, aber bei dem steilen Preis doch recht knausrig wirkt.

Schwierig zu rechtfertigen wird die Geschichte vor allem, sobald man das Auge vergleichsweise durch den Innenraum des Peugeot 3008 Hybrid4 wandern lässt. Beim Franzosen darf es hier ein wenig Softtouch sein, da ein bisschen Kunstleder und dort noch Alcantara-Einbettungen. Dazu ein aufregend gezeichnetes Cockpit mit ganz besonders schmucken Schaltern in der ­Mittelkonsole – so entsteht durchaus Premium-Feeling. Ja, das Kart-artige kleine Lenkrad muss man nicht lieben, kann man aber. In dieses Setup kann man ab 51.850 Euro einsteigen, es bleiben also sogar noch ein paar Hundert Mäuse übrig im Vergleich. In puncto Interieur und Komfort macht der T-Roc keinen Stich, sondern fährt mit dem Bummerl im Gepäck nach Hause. Die Fahrt verspricht allerdings eine Menge Spaß, schließlich darf er sich mit einem äußerst ambitionierten Antrieb brüsten.
Womit wir bei einem der Hauptunterscheidungsmerk­malen angekommen sind: den 300 PS. Die werden nämlich komplett verschieden erwirtschaftet. Unter der Motorhaube des T-Roc R werkelt der EA888, die Allzweckwaffe des VW-Konzerns, wenn es um sportlich angetriebene modulare Querbaukästen geht. Das Triebwerk selbst ist ja auch modular, kommt nicht immer mit zwei Litern Hubraum daher. Im T-Roc R aber schon (genauso wie im Golf GTI, Tiguan R, Cupra Ateca, Audi S3, … ). Und im T-Roc R kommt es auch mit einem Turbolader von IHI daher, der richtig für Druck sorgt. 4,9 Sekunden, mehr braucht das Topmodell der Baureihe nicht, um einen auf Landstraßentempo zu katapultieren. Dabei tönt es so herrlich aus der optionalen Akrapovic-Auspuffanlage, dass man meinen könnte, die EU-Geräuschverordnungen und Ottopartikelfilter seien nur ein böser Traum gewesen. Oder ein guter, je nachdem, ob FFF oder nicht. Und weil sein Fahrwerk hart wie ein Granit ist, geht er nicht nur geradeaus gut, ­sondern auch ums Eck. Einen ­Bärenanteil daran hat freilich das Allradsystem. Unverspielt und ernst, aber präzise verteilt es die Kraft via Haldex-Kupplung. Ein Tänzer ist das Heck halt nicht, dafür fährt das Kompakt-­SUV wie auf Schienen. Ganz Dampflok-mäßig. Weniger an ­einen Zug erinnert die Verzögerung: Die 17 Zoll große Brems­anlage hat mit den 1,5 Tonnen leichtes Spiel.

Liest sich ganz schön eindrucksvoll, nicht wahr? Beim Peugeot 3008 Hybrid4 kann man nicht mit ganz so spektakulären Daten und prominenten Zulieferern um sich werfen, denn der Fokus liegt hier eindeutig auf ­Effizienz und Komfort. Wobei, tut er das wirklich? Denn wenn der Franzose will, kann er auch ziemlich forsch zu Werke gehen. 300 Pferde ziehen auch diese Kutsche, wie schon mehrfach erwähnt. Die Basis bildet ebenfalls ein Vierzylinder-Turbobenziner, wenn auch nur mit 1,6 Litern Hub­raum. Doch was ihm an ­Volumen fehlt, macht er with a little help from his friends wieder wett. Dabei handelt es sich um E-gon und E-wald, zwei Elektromotoren, von denen einer an der Vorder- und der andere an der Hinterachse – daher der Allradantrieb – Platz nimmt. Mit der Power of Friendship schaffen die drei Musketiere satte 520 Nm Drehmoment (120 mehr als im T-Roc) und katapultieren ihren fahrbaren Untersatz in 5,9 Sekunden auf 100 Sachen. Schluss mit lustig ist bei 240 km/h gegenüber den 250 des Deutschen. Bei der Längsdynamik lässt der 3008 Hybrid4 sich also kaum abhängen, doch das ist natürlich nur die halbe Geschichte, wenn ­überhaupt.

Denn während der T-Roc ­dahinrotzt und -röhrt, dass die Mundwinkel des Fahrers sich auf dessen Hinterkopf zum Rendezvous verabreden, schnurrt der Peugeot eher gelassen dahin. ­Bequem und flott ja, aufregend nicht wirklich. Und spätestens in der ersten Spitzkehre lässt der VW seinen teilelektrischen Kollegen dann nicht nur emotional, sondern auch tatsächlich stehen. Denn mit der wilden Querdynamik des Kompaktsport-SUVs kann der gediegene Hybrid nie und nimmer mithalten. Will er auch nicht, eh klar. Aber wir reden hier wirklich von zwei ganz verschiedenen Welten. Wer nur auf die Zahlen schaut, kennt in diesem Fall nur einen kleinen Teil der Geschichte. Was das Fahrgefühl angeht, stehen einander die beiden Fahrzeuge in etwa so nah wie die Capulets den Montagues – und wir reden hier nicht von den beiden verliebten Sprösslingen der Familien. Wer Leidenschaft und Dynamik will, muss zum T-Roc R greifen. Wer lieber dezent und komfortabel unterwegs ist, lässt bitte die Finger vom Wolfsburger, möge sich dann aber auch nicht einbilden, im 3008 Hybrid4 auf sportlicher ­Augenhöhe unterwegs zu sein, nur weil dieselbe Leistung im Typenschein steht.

Zwei Welten prallen auch an der Tankstelle aufeinander. Der VW T-Roc R genehmigt sich offiziell 8,7 bis 9,4 Liter Super pro 100 Kilometer. Wer die 100 Kilometer so fährt wie Großmütterchen Inge, der mag diesen Verbrauch auch erreichen. Nur: Wenn man wie Großmütterchen Inge fährt, wieso dann überhaupt ein übermotorisiertes Kompakt-SUV kaufen? Bei artgerechter Bewegung findet man sich schneller im zweistelligen Bereich wieder, als dem Klima lieb ist. Trotz Leistungsgleichheit zeichnet sich beim Peugeot 3008 GT Hybrid4 ein völlig anderes Bild. Gut, die offi­ziellen 1,3 Liter auf 100 Kilometer sind Utopie, zumindest für all jene, die ihren 3008 nicht nächtlich in der hauseigenen Garage am Wiener Speckgürtel nachladen können oder täglich im Fast-Food-­Restaurant am Margaretengürtel einkehren wollen, falls das Einkehren in Lokale irgendwann wieder möglich sein sollte. Eine generelle Problematik der Plug-in-­Hybride: Werden diese nur ­selten an den Strom gehängt, kann auch so ein 1,6-Liter-Motor ziemlich viel verbrauchen, hat er durch den dualen Antriebsstrang doch einiges zu schleppen. Wer dafür fleißig lädt, wird nicht nur mit tatsächlich niedrigen Verbräuchen belohnt, sondern auch mit einer ordentlichen rein elektrischen Reichweite. 59 Kilometer sollen dank der 13,2 kWh großen Batterie möglich sein. Sollen es letztendlich 40 Kilometer sein: Für emissionsfreies Pendeln reicht es in der Regel. Und hinter Großmütterchen Inge muss man sich dank der 300 PS auch nicht lange auf der Landstraße aufhalten.

Power haben sie definitiv beide, keine Frage. Während der Peugeot 3008 GT Hybrid4 sie eher darin investiert, ein politisch korrektes, kommodes und kraftvolles Automobil von heute zu sein, hat der VW T-Roc R 4Motion etwas zu ­beweisen. Das lässt er einen auch lautstark wissen. Auch im für Performancefahrzeuge schwierigen 21. Jahrhundert will er lieber Spaß an der Freude haben, als ­allen alles recht zu machen. Das funktioniert und zaubert dem ­dynamisch veranlagten Automobilisten mehr als nur ein Lächeln auf die Lippen. Da sieht man dem Deutschen auch die eine oder ­andere Schwäche nach. Die kann sich der Franzose hingegen gar nicht erst leisten, zu groß ist in seinem Segment der Erfolgsdruck. Statt mit Emotion muss hier mit Präzision geglänzt werden. Unterm Strich liefern beide ab, wenn auch auf grundverschiedene Art und Weise. Und jeder Autofahrer wird einen klaren Liebling unter den beiden haben. Streiten ­müssen sie sich trotzdem nicht, schließlich spielen sie ganz anderen Ligen. Wladimir Klitschko legt sich ja auch nicht mit Magnus Carlsen an.

Peugeot 3008 GT Hybrid4
Hubraum: 1.598 ccm
Leistung: 300 PS
Verbrauch: 1,3 Liter
Drehmoment: 520 Nm/3.000 U/min
Beschleunigung: 0–100: 5,9 s
Spitze: 240 km/h
Gewicht: 1.915 kg
Preis: ab 51.850 Euro

VW T-Roc R 4Motion
Hubraum: 1.984 ccm
Leistung: 300 PS
Verbrauch: 8,7 bis 9,4 Liter
Drehmoment: 400 Nm/2.000 bis 5.200 U/min
Beschleunigung: 0–100: 4,9 s
Spitze: 250 km/h
Gewicht: 1.581 kg
Preis: ab 52.440 Euro

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Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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