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Königin ohne Namen

Erstmals hat eine Harley neben der verschnörkselten Typenbezeichnung keinen weiteren Beinamen bekommen. Das ist insofern doof, als man alle Nasen lang nach dem Namen der schönen, neuen Softtail-Königin gefragt wird. Also nannten wir sie Bertha.

Text: Franz J. Sauer / Fotos: Eryk Kepski

Man darf die Sache mit dem Klappmesser nicht unterschätzen. Flugs ist einem da die Wampe im Weg, wenn man sich auf so ein Motorrad falten muss. Das spürt zwar in der ersten halben Stunde keiner, aber spätestens ab Kilometerstein 100 büßt man seine Sünden ab. Die Knie drücken gegen die Rippen, wo sie ja qua Bauch nicht mal hinkommen, aber unbedingt wollen. Irgendwann beginnt man dann schwer zu atmen, bissl später kriegt man keine Luft mehr. Spätestens jetzt verflucht man es, nicht doch auf irgendsoein fettes Touringbike gestiegen zu sein, sondern auf den coolen flachen Cruiser, der den Mädels so getaugt hat. Und nimmt sich ein Taxi retour von der kalten Kuchl, wo einem all die Mädels längst und rechtschaffen wurscht waren.

Auch die gute, alte V-Rod von Harley-Davidson war eine jener famosen Täuscherinnen, die einem auf den ersten Blick vorgaukelten, groß genug auch für den Größten am Platz zu sein. Da hatte man seine Rechnung aber ohne ihren kleinen Tank gemacht. Ohne den schmalen, engen, unbequemen Sitz. Und ohne die viel zu weit vorne angebrachten Lenker-­Stummelchens, die man kaum erreichte, wenn der Vorabend wieder ein paar Stelzerln zu viel für einen bereitgehalten hatte.

Gegen die alte V-Rod präsentiert sich die neue FXDR 114 geradezu kompakt. Trotzdem steht sie unheimlich bullig da, aus jeder Perspektive, wobei beim Anblick hinterwärts vor allem der dicke Schlapfen die halbe Miete zahlt. Zunächst missfällt einem die Kennzeichen-Blinker-Leuchten-­Kombi, die muss weg, ganz klar, genauso schnell wie der schirche, langgezogene Kotflügel überm feisten Hinterbock. Dann fährst du ein paar Tage damit, steigst zigmal auf und wieder ab, und irgendwan erkennst du, dass es vermutlich keine bessere Lösung für das Hinterwerk der FXDR 114 gibt, geht man einmal von halbwegs eingehaltener Legalität aus.

Nimm das Heck als Pars pro toto, und plötzlich erkennst du mit Genugtuung, dass wir alle mit unseren Harleys fein gealtert sind. Insofern verknüpft die neue Ober-­Softailerin Heritage mit Zukunftsgeist, ein LED-Glimmen, das die Nacht erhellt wie selten, und ein etwas klein geratenes, dafür aber übersichtliches Digi-Display dürfen da schon mit dem alten Stil brechen. Überhaupt bringt die neue Königin der Softail-Harleys allerlei Hälse zum strecken, sie ist keinem wurscht da draußen in der Stadt, auch wenn sie die Wenigsten auf den ersten Blick als Harley identifizieren. Unverschämt sportlich steht sie da, die FX. Mit ihrer wunderschönen rechten Seite, wie aus einem Guss geformt, mit lauter Arbeitsgruppen, die ihren Job stolz wie öffentlich vollführen. Ein
derart massiv platzierter Ansaugschnorchel-Zutz für die Airbox wäre anderswo peinlich, hier tut er Not und passt, auch wenn er sich stets mit den Knien matcht. Und mit ihrer pragmatischen linken Seite, wo die verschämte Notwendigkeit eines althergebrachten Verteilers mit schrillen, orangenen Kabeln betont wird, dass es nur so kreischt, hat kein Milwaukee-Purist seine Krisen. Der stößt sich eher am ziemlich modernen Auspuffrohr – und wird hoffentlich wenig später wieder vom Sound befriedet.

Und von der Quelle desselben, dessen Eckdaten die FXDR 114 ja schon im Namen trägt. 114 cubic inch. also umgerechnet 1868 Kubikzentimeter misst der fette Hub­raum des brachialen V2, dessen Leistung den gewöhnlich gut informierten Quellen zufolge irgendwas zwischen 85 und 100 PS leistet, aber vor allem beim Drehmoment liefert. Die knapp 300 Kilo der Fuhre wuchtet er jedenfalls problemlos durchs Geläuf und für schwarze Striche am Asphalt ist die Gute ebenfalls gern zu haben, wenn sich der fette Hinterschlapfen nicht dagegen­stemmt. Eine Traktionskontrolle, die hier ebenfalls ein Wörtchen mitzureden hätte, fehlt jedenfalls. Eigentlich erstaunlich für ein Kraftrad dieser Größe.

Das Format der Hinterwalze wird mit 240/40-18 veranschlagt und vermittelt den Eindruck, die FXDR könnte auch ohne Ständer stehen. Demgegenüber erstaunlich leichtfüßig lässt sie sich um enge Ecken drücken. Mit den Rasten wird man ebenfalls kaum streifen, dafür liegen sie hoch wie nie bei Harley. Die 160 Nm Drehmoment stehen bereits bei 3500 U/min an, da geht sich auf rutschigerem Belag schon mal ein Spinning aus. Ob man das freilich will, als Nicht-Profi, steht auf einem anderen Blatt.

Die Harley-Davidson FXDR 114 ist ein astreines Poser-Moped, so viel steht fest. Dauernd wirst du darauf angesprochen, nach Leistung und Namen gefragt. Eben Letzteres ist ein Problem, weil sie keinen hat. Erstmals heißt eine Harley nur wie’s im Typenschein steht, der geplante Name „Destroyer“ von dem 1000-PS-Profi Vauli erzählt, wurde (gottlob) wieder verworfen. Trotzdem antwortest du auf diese Frage ungern mit „Ef Ix De Err hundertvierzehn“, weil wie klingt denn das.

Also suchten wir einen Namen. Einer Königin würdig, intelligent, aber gleichzeitig kraftvoll, mit Ernsthaftigkeit, aber gleichzeitig Augenzwinkern, auf jeden Fall aber mit Anmut. Wir landeten bei Bertha. Warum, bleibt unser Geheimnis …

 

Harley-Davidson FXDR 114
Motor: V2, flüssiggek.
Hubraum: 1.868 ccm
Leistung: 91 PS / 160 Nm Drehmoment
Antrieb: 6 Gang, Kette
Bremsen: ABS, Doppelscheibe vorne 300 mm, Vierkolbenzangen-Anlage
Sitzhöhe: 720 mm
Gewicht (vollgetankt): 303 kg
Tankinhalt: 16,7 Liter
Verbrauch: 5,4 l / 100 km
Preis: ab 29.495 Euro

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Jakob Stantejsky

Freut sich immer, wenn ein Auto ein bisserl anders ist. Lieber zu viel Pfeffer als geschmacklos.

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