Der brave Bruder?

Die Mercedes A-Klasse Limousine

Die Familie der Fronttriebler bei Mercedes wächst. Noch gibt es von der zweiten Generation der Kompakten zwar nur die A-Klasse, die vor allem für ihre inneren Werte gelobt wird. Doch in ein paar Tagen feiert auf dem Pariser Salon die nächste Auflage der B-Klasse ihre Premiere und zum Jahreswechsel kommt als Dritter im Bunde zu Preisen ab zunächst 30.916 Euro ein Stufenheck – nein, noch nicht der Nachfolger des CLA, sondern als echter Neuzugang eine A-Limousine, die es sogar gleich in zwei Varianten geben wird: Mit einem um sechs Zentimeter verlängertem Radstand für China und dem normalen Achsabstand von 2,73 Metern für den Rest der Welt.

Von Thomas Geiger

Für einen Aufpreis von nur gut 700 Euro gibt es dafür zumindest ab der C-Säule ein neues Auto. Denn wo die A-Klasse bislang steil abfällt, trägt der 4,55 Meter lange Enkel des Baby Benz einen kleinen Bürzel, der die Limousine gegenüber dem Fünftürer um 13 Zentimeter streckt und reichlich Platz bietet: Von 370 auf 420 Liter wächst der Stauraum unter der schlanken Klappe. Und natürlich kann man die Rückbank umlegen und so das Ladevolumen erweitern – selbst wenn das nicht so elegant gelöst ist wie beim Fünftürer und man dafür im Kofferraum an hässlichen Haken ziehen muss.

Das Gepäckabteil legt ein wenig zu, aber vom Platzangebot in der zweiten Reihe darf man keine Wunder erwarten – zumindest nicht in der kurzen Version für Europa. Doch wenn die Mitfahrer in der ersten Reihe ein bisschen Rücksicht walten lassen, können es hinten auch zwei Erwachsene zumindest auf einer Kurzstrecke ganz gut aushalten. Kopf- und Kniefreiheit jedenfalls sind ordentlich und selbst der Einstieg ist ganz kommod, nur um die Schultern wird es etwas eng.

Während Designchef Gorden Wagener einmal mehr die Kunst des Verzichts übt, noch ein paar Linien aus dem Blech nimmt, die glatten Flächen dafür noch stärker skulpturiert, ohne daraus wie beim letzten Modellwechsel gleich wieder eine große Revolution zu machen, und ganz nebenbei mal wieder einen Rekord für das strömungsgünstigste Serienmodell einfährt, hatten die Ingenieure ein deutlich dickeres Lastenheft: Sie mussten den Bonsai-Benz auf Augenhöhe mit C-Klasse & Co bringen, ohne dass die Kosten aus dem Ruder laufen. Dafür haben sie vor allem tief ins Technik-Regal gegriffen: Deshalb gibt es für die Limousine das gleiche revolutionäre Infotainmentsystem wie für das Schrägheck. Auch hier schaut man deshalb auf eine imposante, freistehende Bildschirmlandschaft, fingert endlich über einen Touchscreen, plaudert mit der Sprachsteuerung wie mit Siri oder Alexa und lässt sich den Blick fesseln von spektakulären Navigationsgrafiken mit Augmented-Reality-Technik und dem ersten Head-Up-Display in der Mercedes-Kompaktklasse. Und falls man sich davon zu sehr ablenken lässt, fängt einen das nahezu unbeschränkt aus der S-Klasse übernommene Heer der Assistenzsysteme wieder ein.

Die Motoren kennt man ebenfalls aus dem Fünftürer und das Fahrverhalten unterscheidet sich bei identischem Fahrwerk nur wegen der paar mehr Gewicht auch nicht. Doch weil die A-Klasse beim Generationswechsel insgesamt erwachsener geworden ist und der mit Härte falsch übersetzten Sehnsucht nach Jugend abgeschworen hat, fährt sich die Limousine tatsächlich fast so entspannt wie eine C-Klasse und verführt so zum Abstieg: Was man dabei spart, kann man umso großzügiger in die lange Liste der Optionen stecken.

Oder man klettert ein bisschen die Motorpalette hinauf. Denn das Basistriebwerk mit 1,33 Litern Hubraum und 163 PS im A 200 ist sicher nicht die Erfüllung, während man mit dem 190 PS starken A 220 bereits ganz ordentlich unterwegs ist. Serienmäßig mit Allrad kombiniert und damit etwa einer C-Klasse noch näher, wuchtet er 250 Nm auf den Asphalt und schiebt den doppelt gekuppelten Wagen flott voran: 8,1 Sekunden vom 0 auf 100 und 230 km/h Spitze, damit muss man sich auch neben einer C-Klasse nicht schämen.

Wem das noch immer nicht reicht, für den gibt es auch einen A 250 mit 224 PS und allen Unkenrufen zum Trotz auch einen Diesel – den A 180d mit 116 PS, 206 km/h Spitze und einem Normverbrauch von 4,1 Litern. So sehr Mercedes mit dem Stufenheck auf die elektrofreundlichen Exportmärkte USA und China schielt, wird es aber keine alternativen Antriebe geben: Weder ein Mild- noch ein Plug-In-Hybrid sind in Planung. Dafür kommt auf der gleichen Plattform bald ein reines Elektroauto, das als EQ A nach dem gerade vorgestellten EQ C auf dem zweiten Platz im Roll-Out-Plan steht.

Zwar knabbert die stufig geschnittene A-Klasse mit ihren 4,55 Metern bereits an der C-Klasse – zumal die trotz des jüngsten Facelifts vor allem in Sachen Infotainmemt nicht mit der Einstiegsbaureihe mithalten kann. Und schöner anzusehen als der letzte CLA ist die kleine Limousine auch. Doch statt dafür das viertürige Coupé einzustellen, nimmt es Designchef Gorden Wagener sportlich und sieht in dem internen Konkurrenzkampf eine hübsche Herausforderung, den nächsten CLA einfach noch frecher, noch sportlicher und noch extrovertierter zu machen. Aber so ist es ja oft in der Familie – wo die Erstgeborenen brav und bieder bleiben, hauen die Nachzügler so richtig auf den Putz.