Elektro-Raumschiff

Der Mercedes EQ V

Nissan hat den NV200, Renault den Kangoo und natürlich gibt es auch sonst noch eine Handvoll elektrischer Kastenwagen, die auch mit Fenstern und Sitzbänken angeboten werden. Doch um die klassische Großraumlimousine haben die Elektriker unter den Automobilentwicklern bislang einen Bogen gemacht. Zu sehr waren sie bis dato auf bezahlbare Kleinwagen oder auf prestigeträchtige Tesla-Fighter fixiert, als dass sie einen Sinn für kleine Firmen oder große Familien gehabt hätten.

Von Thomas Geiger

Aber das ändert sich jetzt bald. Denn während VW mit Hochspannung auf den ID Buzz hinarbeitet und bis dahin gemeinsam mit ABT schon mal den T6 umrüsten lässt, bereitet auch Mercedes einen elektrischen Raumfahrer vor: Zum Ende des Jahres kommt deshalb die V-Klasse als EQ-Modell und fährt als zweiter Mercedes mit Strom statt Sprit. Einen ersten Vorgeschmack darauf haben die Schwaben in Genf mit der Studie EQ V gegeben. Und weil sich daran bis zum Serienstart nur noch ein bisschen was am Lack und Leder ändern wird, bitten sie schon jetzt zur exklusiven Ausfahrt mit dem Space Shuttle für Captain Future.

Dabei erlebt man die V-Klasse als leisen Riesen, der wie gemacht scheint für den Elektroantrieb. Denn wo einen auch nach dem Facelift der zwar deutlich erstarkte, aber noch immer ein bisschen kratzige Diesel bei jedem Kickdown aus dem von Lack und Leder genährten Luxustraum reißt, weil er lauter knurrt als es zum Ambiente auf S-Klasse-Niveau passt, herrscht hier endlich Ruhe beim Reisen.

Flüsterleise und mit sanfter, aber nachhaltiger Kraft schiebt der 150 kW-Motor den Koloss voran und macht das Anfahren dabei so sanft wie im ICE. Während der Fahrer deshalb in seiner Gefühlswelt vom Trucker zum Lokführer mutiert, schnurrt die V-Klasse in kaum zehn Sekunden auf Tempo 100 und danach wenn’s unbedingt sein muss bis auf 160 km/h. Allerdings lässt der Elan mit zunehmendem Tempo spürbar nach, und die Reichweite wird dann natürlich ebenfalls rapide schwinden.

Im Grunde aber ist die V-Klasse als EQ V mindestens genauso universell einsetzbar wie mit einem Diesel, vielleicht sogar noch besser. Denn in der Stadt beschleunigt der E-Motor besser und fährt sanfter, auf der Landstraße drückt der dicke Akkupack den Schwerpunkt, verbessert so das Fahrgefühl in Kurven und auf der Autobahn geht es deutlich ruhiger zu an Bord. Und selbst wenn die 400 Kilometer aus der Norm nur mit größter Mühe zu erreichbar sein werden, kann man sich mit 100 kWh Akkuleistung zumindest sicher auf die Mittelstrecke trauen und dem überfüllten ICE zwischen Hamburg und Hannover oder zwischen Frankfurt und Köln guten Gewissens die kalte Schulter zeigen.

Zwar ist das Fahrgefühl in der elektrischen V-Klasse ganz anders. Aber am Raumgefühl ändert sich nichts und auch nicht an der Variabilität. Weil die Batteriepacks im Wagenboden stecken, bleibt der gesamte Platz für Passagiere und Gepäck erhalten, und man kann nach wie vor beliebig Stühle rücken. Einzelsitze, Dreierbänke mit oder gegen die Fahrtrichtung oder einfach nur ein großer Kasten für ein paar Dutzend Koffer. Alles kann, nichts muss. Nur eines muss man dabei immer im Sinn haben: Weil die Akkus gut und gerne sechs Zentner wiegen, ist es mit der Zuladung für die V-Klasse nicht mehr ganz so weit her.

Aber der EQ V hat nicht nur einen Antrieb, der besser zur V-klasse passt als die Vierzylinder-Diesel und wird so zum perfekten Ersatz für den V6, den es nicht mehr geben wird. Sondern er ist auch sonst das modernere Auto. Denn während sich Diesel-Fahrer auch nach dem Facelift noch mit dem alten Infotainment herum plagen müssen, gibts für den EQ V schon MBUX und damit den großen Touchscreeen sowie die Sprachsteuerung. Das ist nicht nur ein Tribut an die neue Zeit, sondern soll vor allem das Lademanagement erleichtetrn. Wer nicht gerade an einem 100kW-Lader parkt und nach einer Stunde wieder voll ist, kann deshalb die Akkus auch über eine App steuern und das Auto zum Beispiel im Stand konditionieren.

Mit dem EQ C für den wohlsituierten Weltverbesserer und dem EQ V für Gruppenreisen mit gutem Gewissen hat Mercedes zwar schon mal zwei Wegpunkte auf der Electric Avenue markiert und stellt dem Saubermann unter den SUVs ein Spaceshuttle für Familien, Firmen, Fahrdienste und Hoteliers zur Seite, das für smoggeplagte Städte genauso taugt wie für die Mitteldtrecke. Aber dabei wird es nicht bleiben, sondern es geht Schlag auf Schlag. Im nächsten Jahr kommt deshalb der EQ A und im Jahr darauf mit dem EQ B auf Basis des gerade erst enthüllten GLB noch ein weiterer Raumkreuzer, der vielleicht zum besten Kompromiss unter den Stromern taugt. Denn als erster Siebensitzer in der Kompaktklasse vereint er das trendige Styling eines SUV mit dem Platz einer Großraumlimousine.